Fragen und Antworten zum Narzissmus

Besitzt der Narzissmus tausend Gesichter?

Diese Übertreibung soll ausdrücken, dass jeder Mensch seinen persönlichen Narzissmus hat, der ihn in bestimmten Krisenzeiten besonders anfällig oder überempfindlich macht. In diesen Phasen ist er zunächst vielleicht unbelehrbar, bis er dann, zur Reflexion fähig, merkt, welche Antreiber ihn zu überzogenen Urteilen oder intolerant abfälligen Entwertungen gebracht haben oder warum er bei wiederholten Beziehungskrisen die einstmals geliebte Person hat fallen lassen.

Die tausend Gesichter des Narzissmus beschreiben, dass es viele Kombinationen unter narzisstischen Persönlichkeitsanteilen gibt, die je nach Ausprägung bei Persönlichkeitsstörungen oder psychischen Auffälligkeiten eine besondere Form des Stabilisierungsversuchs darstellen. Zunächst kann es um die Vermeidung depressiver Verstimmtheit gehen, dann kann der Narzissmus aber auch krisenanfällig machen und zur glänzenden Selbstisolation und letztlich zur Einsamkeit führen.

Besonders krankhafte Züge können dann zum Beispiel bei antisozialen Persönlichkeiten, Psychopathen, Kriminellen auftreten, die „über Leichen gehen“, die unter Größenideen jegliches Mitgefühl vermissen lassen, die krankhafte Lügner, Menschenverächter, machtbesessene Größenwahnsinnige sind. Das sind die destruktiven Narzissten.

Wie lässt sich Narzissmus definieren?

Ausgehend vom Mythos des Narkissos (Kap. 1) steckt in dem Begriff Narzissmus die übersteigerte Selbstliebe, der Egozentrismus, das besondere Interesse am eigenen Selbst. Die übersteigerte Beschäftigung mit dem eigenen Selbst, die Tendenz, den Selbstwert ständig zu steigern, hat Auswirkungen auf die Beziehungsstruktur. Während Selbstwert und Selbstakzeptanz durch Anerkennung erworben werden, sehnt sich der narzisstisch geprägte Selbstwert nach ständiger Anerkennung und Bewunderung, wobei er gleichzeitig diese Anerkennung dem anderen vorenthält bzw. diese nur formalistisch-instrumentell einsetzt und bei Konkurrenz sehr schnell zu Entwertungen bis hin zur Verachtung neigt.

Der Narzisst benutzt andere, um Ziele zu erreichen, die ausbeuterisch empfunden werden. Der Narzisst toleriert kaum Widerspruch oder Kritik. Er kann andersartige Meinungen, Lebensstile nicht wirklich interessant finden. Die Verführbarkeit, Grenzen zu überschreiten, lässt ihn anfällig werden für die Trias „Geldsucht, Machtsucht, Ehrsucht“. Im Dienste der Macht kann auch die Sexualität, Attraktivität, der Leistungskörper stehen. Die Emotionalität ist häufig labil. Der Narzisst kann Stimmungsschwankungen zeigen, kann häufig aggressiv und impulsiv sein.

Wenn die Grandiosität zusammenbricht, können die verletzlichen Teile stärker in den Vordergrund treten, in narzisstischen Krisen sind es Suizidalität mit Fantasien von Frieden, Spannungslosigkeit, Harmonie. Die Minderwertigkeitsgefühle drücken sich in der Angst aus, von Beziehungen oder der Macht ausgeschlossen zu sein. Schamgefühle, Selbstentwertungen und Leeregefühle werden offenkundig.

 
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