Wie werden narzisstische Persönlichkeitsstörungen in der Psychiatrie klassifiziert?

Die Einteilung narzisstischer Phänomene in Kategorien wie Selbstüberzeugung, Ausprägung der Anerkennungssuche, Publizität, Strahlkraft, Machtinsignien, Potenz und Status erweist sich als kulturabhängig und ist bestimmt von äußeren Bewertungskategorien, die auch abhängig sind von den Wertesystemen der Beurteiler. Die Grenzbereiche zwischen Normalität und Störung durchziehen die Identifikation psychischer Erkrankungen. Immer geht es um Ausprägungsgrade, Dimensionen zwischen zu wenig oder zu viel Angst, mal leichter, mäßiger und schwerer Depression usw.

Die beim Narzissmus im Mittelpunkt stehende narzisstische Vulnerabilität bedeutet eine Anfälligkeit im Selbstgefühl und im Selbstwert, die zu schützen und zu bewältigen eine häufig lebenslange Aufgabe ist. Im Vordergrund stehen die unterschiedlich ausgeprägten Emotionen, narzisstische Wut, Aggression, Verachtung und Neid. Die Gefühle der Minderwertigkeit und Schwäche können kompensiert werden durch expansive Gefühle der Macht, Selbstexpansion, Absicherung mit Machtattributen. Hier haben wir es mit der narzisstischen Kompensation des Selbstgefühls zu tun.

Eine besondere Ebene ist die Suche nach Anerkennung und Bewunderung in Beziehungen, die das Selbstgefühl stabilisieren – eine Form der Liebe, die aber in besonderer Form krisenanfällig ist.

Die narzisstische Persönlichkeit wurde von der American Psychiatric Association im Diagnostic and statistical manual of mental disorders (DSM) (Diagnostisches und statistisches Manual psychischer Störungen) definiert. Die vierte Auflage (DSM-IV) stammt aus dem Jahr 1996 (deutsche Übersetzung der Textrevision aus dem Jahr 2000 von Saß et al. 2003), die fünfte (DSM-V) aus dem Jahr 2013. Diesem Klassifikationssystem folgt auch die International classification of diseases (ICD; Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme) der Weltgesundheitsorganisation der Vereinten Nationen (WHO).

Diagnostische Kriterien im DSM-IV

Vorherrschend sind ein tiefgreifendes Muster von Großartigkeit (in Fantasie oder Verhalten), ein Bedürfnis nach Bewunderung und ein Mangel an Empathie. Der Beginn liegt im frühen Erwachsenenalter und zeigt sich in verschiedenen Situationen. Mindestens fünf der folgenden Kriterien müssen

erfüllt sein, um die narzisstische Persönlichkeitsstörung sicher zu diagnostizieren. Der Patient

• hat ein grandioses Gefühl der eigenen Wichtigkeit (übertreibt z. B. die eigenen Leistungen und Talente; erwartet ohne entsprechende Leistungen als überlegen anerkannt zu werden).

• ist stark eingenommen von Fantasien grenzenlosen Erfolgs, von Macht, Glanz, Schönheit oder idealer Liebe.

• glaubt von sich, besonders und einzigartig zu sein und nur von anderen besonderen oder angesehenen Personen (oder Institutionen) verstanden zu werden oder nur mit diesen verkehren zu können.

• verlangt nach übermäßiger Bewunderung.

• legt ein Anspruchsdenken an den Tag, das heißt übertriebene Erwartungen an eine besonders bevorzugte Behandlung oder automatisches Eingehen auf die eigenen Erwartungen.

• ist in zwischenmenschlichen Beziehungen ausbeuterisch, das heißt zieht Nutzen aus anderen, um die eigenen Ziele zu erreichen.

• zeigt einen Mangel an Empathie und ist nicht willens, die Gefühle und Bedürfnisse anderer zu erkennen oder sich mit ihnen zu identifizieren.

• ist häufig neidisch auf andere oder glaubt, andere seien neidisch auf ihn.

• zeigt arrogante, überhebliche Verhaltensweisen oder Haltungen.

 
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