Diagnostische Kriterien im DSM-V

Da die selbstunsichere Seite des Narzissten im DSM-IV unberücksichtigt blieb, wie auch die unterschiedlichen Erscheinungsformen und Abstufungen in den Ausprägungen, wurde in der folgenden Auflage des DSM, DSM-V, eine neue Operationalisierung vorgeschlagen: Eingeführt wurde eine fünfstufige Schweregraddiagnostik auf Ebenen der Persönlichkeitsfunktion, wobei Störungen in Funktionsbereichen Selbst (Identität, Zielorientierung) und interpersonell (Empathie und Intimität) eingeschätzt werden. Ein Hauptaspekt der Veränderung ist die Berücksichtigung der vulnerablen narzisstischen Regulation.

Die Häufigkeit narzisstischer Persönlichkeitsstörungen war bisher durch Studien mit Fragebögen, die angesichts der negativen Beschreibungen nur eine geringe Validität aufwiesen, ca. 1 %. In Interviews wurden jetzt in einer repräsentativen amerikanischen Untersuchung bei Männern 7,7 % und bei Frauen 4,8 % gemessen. Dabei handelt es sich um pathologische Ausprägungen, nicht um narzisstische Persönlichkeitsanteile allgemein.

Die Voraussetzung für die Diagnose einer Persönlichkeitsstörung sind Beeinträchtigungen des Funktionsniveaus der Persönlichkeit (Selbst, interperso-

nell) sowie das Vorliegen von pathologischen Persönlichkeitszügen. Für die Diagnose einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung müssen folgende Kriterien erfüllt sein.

Beeinträchtigung des Funktionsniveaus der Persönlichkeit in den Bereichen:

1. Relevante Beeinträchtigung im Funktionsbereich Selbst (a oder b)

a. Identität: Andere Menschen werden in hohem Ausmaß für die Definition des Selbst und für die Selbstwertregulierung eingesetzt. Die übermäßigen Selbstbewertungen können idealisierend oder entwertend sein bzw. auch zwischen den beiden Extremen oszillieren. Die Emotionsregulation ist durch Fluktuationen des Selbstwertgefühls beeinträchtigt.

b. Zielorientierung: Wichtiges Ziel ist es, Anerkennung von anderen zu erhalten. Die persönlichen Maßstäbe sind unangemessen hoch, um sich selbst als außergewöhnlich wahrnehmen zu können, oder zu niedrig vor dem Hintergrund eines Anspruchsdenkens. Oft sind die eigenen Motive nicht bewusst.

2. Beeinträchtigung des interpersonellen Funktionierens (a oder b)

a. Empathie: beeinträchtigte Fähigkeit, die Gefühle und Bedürfnisse anderer zu erkennen bzw. sich mit diesen zu identifizieren; extreme Aufmerksamkeit für Reaktionen anderer, jedoch nur, wenn diese als relevant für das Selbst wahrgenommen werden; Über- und Unterschätzung der eigenen Wirkung auf andere.

b. Intimität: Beziehungen überwiegend oberflächlich und im Dienste der Selbstwertregulation; Reziprozität der Beziehungen ist aufgrund des geringen echten Interesses am Erleben anderer und des Vorherrschens des Wunsches nach persönlichem Vorteil limitiert.

3. pathologische Persönlichkeitszüge in den folgenden Bereichen (a oder b);

Antagonismus im folgenden Sinne

a. Grandiosität: Anspruchsdenken, entweder offen oder verdeckt; Selbstbezogenheit; Festhalten an der Überzeugung, besser als andere zu sein; herablassend anderen gegenüber.

b. Suche nach Aufmerksamkeit: exzessive Versuche, andere für sich zu gewinnen und im Mittelpunkt deren Aufmerksamkeit zu stehen; Suche nach Bewunderung.

Herausgehoben sind also die besondere Definition des Selbst und die Selbstbewertungen zwischen idealisierend und entwertend.

Tab. 8.1 Zwei Typen narzisstischer Persönlichkeitsstörungen. (Nach Gabbard 2010)

Unbeirrter Narzisst

Vulnerabler Narzisst

ist sich über die Reaktionen anderer

nicht gewahr

ist höchst sensibel gegenüber

Reaktionen anderer

ist arrogant und aggressiv

ist gehemmt, scheu oder sogar übertrieben bescheiden

ist mit sich selbst beschäftigt, egozentrisch

lenkt Aufmerksamkeit mehr auf andere als auf sich selbst

braucht es, im Zentrum der Aufmerksamkeit zu stehen

vermeidet, im Zentrum der Aufmerksamkeit zu sein

hat einen „Sender, aber keinen Empfänger“

hört anderen sorgfältig zu, um Anzeichen für Kränkungen und kritische Äußerungen nicht zu

übersehen

ist offensichtlich unempfindlich

gegenüber Kränkungen durch andere

fühlt sich leicht gekränkt; neigt dazu,

sich beschämt und gedemütigt zu fühlen

 
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