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Demokratiepädagogik als präventionswirksame Idee

Wolfgang Beutel, Kurt Edler, Mario Förster und Hermann Veith

Der nachfolgende Beitrag eröffnet vier verschiedene Perspektiven auf die Demokratiepädagogik als präventionswirksame Idee: Vor dem Hintergrund wiederkehrender Eruptionen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit werden mit Blick auf gesellschaftliche Entwicklungen der jüngeren Vergangenheit zunächst einige zentrale demokratiepädagogische Zielsetzungen und Ansatzpunkte erläutert (1.). Danach wird mit sozialisationstheoretischen Argumenten begründet, warum die Befähigung zur Übernahme der Bürgerrolle in der Demokratie an institutionalisierte Gelegenheiten zur Verantwortungsübernahme in den Bildungseinrichtungen gebunden ist (2.). Eine dritte Perspektive entfaltet Erfahrungen und Ergebnisse des jugendund schulbezogenen Wettbewerbs „Förderprogramm Demokratisch Handeln“ (3.). Ein anschließender vierter Blick gilt der aktuellen Arbeit des Jenaer Kompetenzzentrums Rechtsextremismus, dessen Aufgabe es ist, universitäre Projekte, Praxisprogramme und Forschungen zur Prävention gegen Rechts systematisch zu erfassen, zu koordinieren und fachöffentlich darzustellen (4.). Alle vier Perspektiven bündeln miteinander seit langem verwobene Diskurse, Forschungs-, Beratungsund Entwicklungsansätze aus unseren Arbeitsbereichen, die wir mit einer knappen Bilanz aufeinander beziehen (5).

1 Demokratiepädagogik

Demokratiepädagogik ist ein Begriff, der eine breite konzeptuelle, aber auch schulentwicklungspraktische und lernbezogene Strategie beschreibt, die in der Pädagogik von Wissenschaft und Praxis reflektiert, konkretisiert und etabliert werden soll. Grundlegend ist die Annahme, dass die Erfahrung von Anerkennung und Mitwirkung – also die demokratisch-partizipative Integration in das Gemeinwesen – aller Bürgerinnen und Bürger von möglichst früh an die beste Prävention gegen die Herausbildung vormoderner oder gar radikaler politischer Identitäten ist. Ausgehend von den sozialpolitischen Erschütterungen, die durch die menschenverachtenden Übergriffe auf Asylsuchende in den frühen 1990er Jahre ausgelöst wurden (a), sollen grundlegende Ziele des demokratiepädagogischen Reformansatzes skizziert (b) und aktuelle Herausforderungen (c) beschrieben werden.

(a) Anfänge: An der Wiege der Demokratiepädagogik steht in den frühen 1990er Jahren eine Serie erschreckender Ereignisse. Nach dem Aufweichen der bis dahin vorherrschenden Ost-West-Blockkonfrontation brachen im Inneren des wiedervereinigten Deutschlands – für viele unerwartet – individuelle Haltungen durch, die in ihrer archaischen Gewalttätigkeit die demokratische Gesellschaft verunsicherten und herausforderten. Ein rechtsextremer Mob, der nicht vom Staat befohlen war, kam „aus der Mitte“ der Gesellschaft zum Vorschein und tobte sich aus. In Hoyerswerda, Rostock-Lichtenhagen, Mölln und Solingen eskalierte der offenbare Hass gegen Asylsuchende in Mordund Brandanschlägen. Die Zivilgesellschaft war gefordert. Zum Überdenken der alten theoretischen Erklärungsansätze blieb kaum Zeit, obwohl der deutlich vernehmbare Applaus aus dem bürgerlichen Lager auch in dieser Hinsicht hätte nachdenklich stimmen müssen.

In Reaktion auf das fortwirkende Wiedererstarken der Menschenfeindlichkeit wurde unter anderem auch das BLK-Programm „Demokratie lernen und leben“ (Edelstein & Fauser, 2001) aufgelegt. Die Akteure entwickelten sehr schnell und mit großer Energie Handreichungen und Materialien zu einer Demokratisierung von Schule und Unterricht. Aber die Laufzeit bis 2007 war zu kurz, um nachhaltige schulsystemische Veränderungen zu erzielen. Nur einzelne Bundesländer ermöglichten Anschlüsse. So blieb vieles auf halber Strecke stehen und nach Ansicht der Projektpartner auch zentrale Fragen unbearbeitet. So kam erstens die DDR-Geschichte nicht vor. Zweitens fehlte die Dimension der Interkulturalität. Und drittens gab es fast keine politischen Analysen des Rechtsextremismus.

Die Demokratiepädagogik, die durch das Geschehen der Wende in ihrer Resonanz und Entwicklung beschleunigt wurde, verstand sich als präventiv gehaltvoll in dem Sinne, dass sie – in kritischer Abgrenzung zu einer offensichtlich nicht hinreichend effizienten politischen Bildung in der Schule – dem, was wir im weitesten Wortsinne unter Demokratie verstehen, durch eine wirksame pädagogische Lernund Erfahrungswelt den Rücken stärken wollte. Zugleich verstand sie sich – politisch gesehen – selbst auch als eine Erzeugerin demokratischer Praxis und demokratischer Strukturen. Ihre politische Normativität wirkte jedoch bisweilen so überbordend, das sich in den Wissenschaftlerkreisen der Politik und ihrer Didaktik eine Art protestantischer Allergie dagegen entfaltete, deren Symptome allerdings mittlerweile deutlich abklingen.

(b) Ziele: Aus der Perspektive der damaligen Akteure ging es darum, einer tiefer greifenden Schädigung der Demokratie entgegen zu wirken. Dazu erschien die Reform einer Schule, die sich formal als demokratisch erklärt, es aber in Wirklichkeit nicht ist, unerlässlich. Jede neue junge Generation soll, aus der Sicht der Demokratiepädagogik, das Recht und die Möglichkeit haben, sich diejenigen Kompetenzen anzueignen, die die Demokratinnen und Demokraten von morgen benötigen. Das ist eine universelle, frühe Prävention, die nicht darauf wartet, bis das Kind in den Brunnen gefallen ist. Die Schule, in der sie sich abspielt, muss sich – so das Credo z. B. der Deutschen Gesellschaft für Demokratiepädagogik (Edler, 2012) – als Lernund Lebensort gestalten, an dem Demokratie erfahrbar wird. Die Hindernisse für eine solche umfassend demokratische Schule liegen, so die damalige, aber auch die heutige Sichtweise, im Schulsystem, von dessen stabiler und weitergehenden praktischen Wirkung weiterhin auszugehen ist. Schule, wie sie strukturell etabliert ist, wird sich aktuell grundlegend kaum verändern lassen. Sie ist für demokratiewirksame Präventionsarbeit eine gegebene Voraussetzung. Die Konsequenz daraus ist, auf eine Pädagogik mit reformerischem Mut und systemischer Intelligenz sowie eine Bildungspolitik zu setzen, die die Krusten eines antiquierten Schulverständnisses und eines institutionalistischen Demokratiebegriffs wenigstens immer wieder in Frage stellt. Bei diesem Bemühen ist die Demokratiepädagogik in den letzten Jahren tatsächlich ein gutes Stück vorangekommen, und sie hat dabei starke Akteure als Partner gewonnen. Die Aufgabe bleibt für lange Zeit bestehen!

(c) Neue Kon.ftikte: Aber dennoch gilt auch: Die Zeiten ändern sich. Die Globalisierung kultureller und religiöser Konflikte ist im Klassenzimmer angekommen. Alte Welterklärungen greifen nicht mehr. Wo sie dennoch trotzig weiter vorgetragen werden, wirken sie verharmlosend. Wir sind verunsichert. Ein Beispiel dafür zeigt sich darin, dass Kinder und Jugendliche nun bisweilen als Akteure von Menschenrechtsund Demokratiefeindlichkeit auftreten, womit wir nie gerechnet hätten. So sagt eine Schülerin einer fassungslosen Lehrerin ins Gesicht: „Ich brauche keine Freiheit. Ich habe meinen Glauben.“ Schülerinnen und Schüler teilen ihre Klasse in Muslime und Christen ein, sie ordnen ihnen eine unterschiedliche Wertigkeit zu. Ungleichwertigkeitsvorstellungen, bekanntlich immer ein Spezifikum totalitärer Ideologien, machen sich in ganz neuen Formen breit. Damit einher gehen bei radikalisierten Schülergruppen die beredt vorgetragene Ablehnung von Demokratie als politischer Ordnung und Lebensform sowie die Rechtfertigung von Terror und Massenmord. Ein Zwölfjähriger beispielsweise wirbt auf seiner Facebookseite für den Islamistischen Staat (IS).

Was wir derzeit in den Metropolen beobachten, stellt die Demokratiepädagogik vor ganz neue Herausforderungen. Schulgemeinschaften geraten in Aufruhr. Ein sich religiös wähnendes Mobbing greift um sich. Die Abwehrreaktionen lassen nicht auf sich warten. Der innere Frieden der Schule steht auf dem Spiel, und die Hilflosigkeit staatlicher Instanzen ist offenkundig, zumal die Auseinandersetzung bereits manche Grundschulen erfasst. Vor dem Hintergrund dieser Entwicklung steht die Demokratiepädagogik vor einer neuen Herausforderung. Sie muss ihren blinden Fleck bezüglich der innergesellschaftlichen Widerspruchsentwicklung überwinden und präventive, aber auch interventive Konzepte zur Abwehr von Menschenrechtsund Demokratiefeindlichkeit entwickeln – darin liegt eine ihrer zentralen Zukunftsaufgaben.

 
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