Wie entsteht die Spaltung zwischen verletzlichem und grandiosem Selbst als zentrale narzisstische Problematik?

Aus dem bisher Dargestellten ergeben sich verschiedene Hypothesen über den nicht gelingenden Prozess der Integrationsarbeit zwischen verletzlichen Teilen des Selbst, die häufig aus den ersten drei Lebensjahren stammen und unbewusst niedergelegt sind oder auch danach im Rahmen von Ausgrenzungsprozessen entstanden sind, mit dem Idealselbst.

• Die Wechselbäder zwischen Bewunderung und Ignoranz der zentralen Beziehungsperson schaffen eine innere unlösbare Spannung, die durch Dissoziation, das heißt Spaltung, bewältigt wird.

• Harte Familiennormen, die Abweichungen nicht tolerieren, sondern sanktionieren, grenzen das Kind, das seine eigenständige Entwicklung hat, aus. Es wird fallen gelassen. Es entsteht das Schamdilemma: Entweder das Kind passt sich den Idealen wieder an und wird geachtet oder es wird geächtet.

• Eine ähnliche Dynamik kann auch durch einen narzisstischen Elternteil angestoßen werden. Das Kind hat die Wahl, den idealisierten Projektionen zu entsprechen und gleich zu sein, oder ihnen nicht zu entsprechen und ausgegrenzt zu werden. Dies ist ein Anpassungsdilemma, für das es keinen Mittelweg gibt.

• Als Schutz vor der bodenlosen Scham, die das authentische Selbst gefährdet, tritt Aggression auf – eine extreme narzisstische Wut, die das Selbst als Lösungsweg in Gut und Böse spaltet (Kernberg 2006).

• Das Entwertungstrauma – die Verachtung im Blick des Elternteils in sich aufgenommen zu haben – bedeutet, alle fehlerhaften, nicht perfekten Seiten auszugrenzen, sodass die Möglichkeit, ausschließlich den Idealen zu entsprechen, der einzige Weg zur Selbstrettung ist.

• Die frühe Traumatisierung durch Vernachlässigung macht das verletzte Selbst ebenfalls nicht integrierbar und ist Grundlage für Spaltungen. So wird das verletzte, sensible Selbst zum Fremdkörper. Mit Empathielosigkeit, Kälte, mit fehlendem Mitgefühl, Verleugnung wird es geschützt (hierauf werden wir im Weiteren noch eingehen).

• Persönlichkeiten mit angeborener Zwanghaftigkeit, Überkontrolliertheit, die auch zu Schwarz-weiß-Denken neigen, haben aufgrund dieser Disposition eine Schwierigkeit, Kontraste wie Gut und Böse, Klein und Groß zu integrieren. Dies könnte der Hintergrund dafür sein, dass viele narzisstische Menschen auch zwanghafte Perfektionisten sind.

Das gesunde Oszillieren zwischen Verletzlichkeiten, Fehlern und den Idealen bedeutet einen Entwicklungsprozess mit dem Ziel einer Annäherung beider Pole. Es gilt, einen erträglichen Zustand zwischen Real- und Idealselbst herzustellen. Dies gelingt bei einem narzisstischen Trauma nicht, sondern die Distanz zwischen beiden Polen bleibt bestehen. Dies ist eine schwierige Entwicklungshypothek, dennoch auch Ausgangspunkt für vielfältige, auch kreative Lösungen.

 
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