Psychosomatische und körperliche Erkrankungen als narzisstische Kränkung – Ist der Leistungskörper unverletzlich?

Der Körper als Leistungskörper, als Selbstanteil, wird objekthaft und instrumentell benutzt. Im Leistungssport kann er den Leistungsidealen unterworfen werden. Dies äußert sich häufig in einer sehr mechanistischen Bemächtigung des Körpers. Immer stärker, weiter und höher werden die Leistungsnormen im Training geschraubt. Verletzungen können dann zu massiven Selbstwertkrisen führen.

Beispiel Die 22-jährige Patientin, Ruderin im Nationalkader, nahm ihren muskulösen Körper wie eine Maschine wahr, der seinen Dienst zu tun hat – den Erziehungsmaximen folgend, wie sie selbst auch im Elternhaus gefühlsarm, aber leistungsanerkennend, erzogen wurde. Der beziehungssuchende, bedürftige wie auch sexuelle Körper wurde verächtlich abgelehnt, Gefühle waren für sie intolerabel. Eine Schulterverletzung führte zu schweren Selbstwertkrisen. Sie konnte kaum die Geduld für die Rehabilitationsbehandlung aufbringen, versuchte immer wieder, den Körper mit einer Überdosis Gewalt zur Leistung zurückzuführen. Als dies nicht gelang und in der Selbstwertkrise zunehmend Depressionen auftraten, wegen derer sie stationär behandelt werden musste, traten verstärkt Beziehungswünsche auf, die für sie mit der Körperwahrnehmung völlig inkompatibel waren. Sie unterlag Essanfällen und begann, sich mit Schnitten selbst zu verletzen.

Beispiel: Herzinfarkt und Narzissmus Ein typisches Beispiel für eine narzisstische Kränkung ist für viele macht- und leistungsorientierte Männer der Herzinfarkt. In der Rehabilitation ist es ein großes Problem, dass der Körper in seiner Belastbarkeit nicht wahrgenommen, unterjocht und mechanistisch Sportprogrammen unterworfen wird. Diese sollen das alte Funktionsniveau rasch wieder herstellen, da der Verlust der körperlichen Integrität als extreme

Bedrohung der allgemeinen Funktionsfähigkeit erlebt wird. Die Bemächtigung des Körpers als Objekt, das zu funktionieren hat, reinszeniert als Beziehungsmuster in der Regel auch traumatisierende Muster der Vernachlässigung, Gewalt und Erniedrigung aus der Kindheit.

Beispiel: Schmerz und Narzissmus Der Manager, von einer chronifizierenden Schmerzerkrankung gequält, erlebt den Körper als übermächtig und versucht, ihn mit Verachtung zu strafen. Wenn er morgens beim Aufstehen die Muskelschmerzen seiner Fibromyalgie spürt, schreit er wie ein Büffel, rast durch die Wohnung und schlägt gegen die Wände. In der Therapie kann er erkennen, dass er verächtlich wie sein Vater ist, der ihn bei einer schlechteren Leistung in der Schule stundenlang auf dem Holzscheit knien ließ und ihn dabei wegen seiner Schmerzen auslachte. Der Patient ging seinen Weg der narzisstischen Bewältigung. Er wurde als Manager nebenbei Meditationslehrer, zwang alle Mitarbeiter seiner Firma, mittags eine Stunde zu meditieren und konnte bei Fortbildungen feststellen, dass er auch als Schmerztherapeut interessante Vorträge hielt. Schließlich war er, selbst scheiternd an der Schmerztherapie, in der Lage, Schritte der besseren Selbstwahrnehmung und Achtsamkeit zu tun. Wirksam für die Annäherung an seine Frau war eine fünfjährige bindungsorientierte Therapie. Hier wurde deutlich, wie er dieses Ausgeliefertsein in der Nähe mit größten Ängsten besetzt hatte, wie er die Ängste in Stufen zulassen konnte, auch wenn er sie weiterhin suchtartig mit Nikotinabusus beruhigen musste.

Typische auslösende Situationen sind der Wegfall narzisstischer Betätigungen wie berufliche Zurücksetzung und ausbleibender beruflicher Erfolg bei Höchstleistung. Mit den wachsenden Überforderungen können plötzlich überraschende Entwertungen einsetzen. Der folgende Zusammenbruch äußert sich häufig in stressassoziierten körperlichen Symptomen wie Hörsturz, Tinnitus, Schlafstörungen, wechselnde Schmerzen, wobei hier Warnsignale, Frühsymptome, meist nicht wahrgenommen werden und auch nicht mit Gefühlen in Beziehung gesetzt werden können.

 
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