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3 Das Förderprogramm Demokratisch Handeln

Der Wettbewerb Demokratisch Handeln will auf einer solchen sozialisatorischen und lerntheoretisch begründbaren Basis demokratisches Engagement, demokratische Haltung und demokratische Kultur in Schule und Jugendarbeit stärken. Er versucht, dieses Konzept in Schulen und Jugendeinrichtungen zu entdecken, mit den Akteuren reflexiv zu bearbeiten, weiterzuentwickeln und zu multiplizieren. Das praktische Ziel dabei ist: Gemeinsam mit anderen sollen Fragen und Probleme des Gemeinwohls sichtbar gemacht und bearbeitet und so ein Korridor zu politischer Verantwortung geöffnet werden. Lernen soll sich mit Handeln verbinden. Leistungen für die Demokratie und das Gemeinwesen sollen fachlich thematisiert, gefördert und öffentlich anerkannt werden. Der Wettbewerb wird seit 1989 jährlich für alle allgemeinbildenden Schulen in Deutschland ausgeschrieben. Entscheidend ist aber nicht der Wettbewerb als Selbstzweck, sondern vielmehr die mit ihm verbundenen programmatischen, schulentwicklungsbezogenen und förderungswirksamen Aspekte und Instrumente in Blick auf die beteiligten Akteure – Lehrkräfte ebenso wie Schülerinnen und Schüler – sowie in Blick auf die Schule insgesamt (Beutel & Fauser, 2013).

Die Genese dieses Wettbewerbs und Förderprogramms entspringt dem langjährigen Engagement von Hildegard Hamm-Brücher für eine Verbesserung der politischen Bildung und für eine Stabilisierung und bürgerschaftliche Weiterentwicklung der Demokratie in Deutschland (Hamm-Brücher, 2001). Dieses Ziel hatte in den 1980er-Jahren angesichts der bereits seinerzeit anwachsenden „Politikverdrossenheit“ an Gewicht gewonnen. Hinzu kam Ende der 1980er Jahre die Neugründung und Etablierung der Partei der „Republikaner“, die nationalistisches und ausländerfeindliches Gedankengut vertrat und bei Wählerinnen und Wählern, vor allem auch bei Jugendlichen, in dieser Zeit Erfolg fand. Die Sorge um Anziehungskraft und Einfluss von rechtsextremen – nationalistischen, rassistischen, antisemitischen – Gruppierungen in der Politik und besonders bei Heranwachsenden, ist so gesehen ein beständiges Motiv für dieses schulnahe pädagogische Programm. Damit verbindet sich zugleich die Absicht, einer solchen Entwicklung durch eine lebendige und von den Bürgerinnen und Bürgern getragene Demokratie entgegenzutreten, für deren Aktualität und Lebendigkeit ein schulund jugendnahes Erfahrungslernen einen ganz zentralen Ankerpunkt bildet.

Am Wettbewerb und seinen Programmelementen teilnehmen können Schülerinnen und Schüler als einzelne, in Gruppen oder zusammen mit Lehrpersonen aller Schularten und Schulstufen, auch mit Eltern und mit Jugendarbeitern. Von einer Fachjury werden bundesweit jährlich etwa 50 Projekte zur Teilnahme an der „Lernstatt Demokratie“ ausgewählt. Dort können sie ihre Ergebnisse präsentieren und gemeinsam mit anderen Teilnehmern und Experten an Themen und Formen demokratischen Engagements arbeiten. Bereits seit 1995 wird das Förderprogramm durch eine „Regionale Beratung“ – aktive fachliche Partnerinnen und Partner auf Ebene der Bundesländer – ergänzt. Besondere Bedeutung erreicht die Regionalberatung, weil sie ein Netzwerk für lokale und landesbezogene Veranstaltungen mit Schülerinnen und Schülern sowie Lehrkräften – über den Kreis der bundesbezogen 50 ausgewählten Projekte hinaus – bereitstellt. Das erweitert den Wirkungsradius und verbreitert damit die Präventionsidee des Programms. Ein weiterer Aspekt der Förderung und Unterstützung liegt in der fachlichen und kriterienbasierten Publizistik über herausragende und innovative Projekte: Für viele Schulen, Bildungseinrichtungen und ihre Akteure bedeutet eine solche fachöffentliche Darstellung – in pädagogischen Zeitschriften ebenso wie in der lokalen und überregionalen Presse – eine wichtige Anerkennung.

Das „Förderprogramm Demokratisch Handeln“ und seine Ergebnissen haben in der jüngeren Diskussion um Schulentwicklung durch nicht-staatliche Programme zunächst starke Kritik erfahren, vor allem in der grundlegenden fachdidaktischen Debatte um „Demokratiepädagogik oder Politische Bildung“ (zuletzt: Goll, 2011), letztlich aber doch vielfach Beachtung gefunden, exemplarisch sichtbar im Zusammenhang mit der Ausformulierung von Qualitätskriterien im Rahmen des Deutschen Schulpreises (Fauser, Prenzel & Schratz, 2007), der infolgedessen eine starke demokratiepädagogische Grundierung in sich trägt. Nachfolgend sollen einige Wirkungsaspekte des Programms angesprochen werden.

a. Schularten: Seit 1990 sind bei dem Wettbewerb in bislang 24 Ausschreibungen 5046 Projekte eingereicht worden. Beteiligt haben sich Gruppen aller Schularten und Schulformen und aus allen Bundesländern. In den Projekten werden pädagogisch und politisch wichtige Themen in übertragbaren und wirksamen Formen des Lernens bearbeitet. Die Themen sind: Demokratie in der Schule; Gewalt; das Zusammenleben und der Umgang mit Minderheiten; Umwelt und Umweltschutz; Auseinandersetzung mit der Geschichte, besonders der NS-Geschichte sowie das Handeln in der kommunalen Öffentlichkeit und Politik. Mit über 1100 Schulen und Projektgruppen ist bei der Lernstatt Demokratie und zahlreichen anderen Veranstaltungen zusammengearbeitet worden. Mit Blick auf die Schularten zeigt sich,

• dass bei den Gymnasien viele Projekte aus der Sekundarstufe II stammen, dass also vor allem in der Sekundarstufe II des Gymnasiums Formen der tätigen Auseinandersetzung mit Politik den herkömmlichen Politikunterricht ergänzen;

• dass die meisten uns von Gymnasien vorgelegten Projekte nicht unmittelbar mit dem Fachunterricht „Politik“ zu tun haben, sondern aus anderen Fachbereichen stammen und vielfach fächerübergreifenden oder außerunterrichtlichen Charakter haben;

• dass umgekehrt die als „gesellschaftswissenschaftlich“ bezeichneten Fächer, in denen Fragen des Lebens und Zusammenlebens erörtert oder eine ästhetischszenische Auseinandersetzung damit gesucht werden, stärker vertreten sind als der klassische Politikunterricht;

• dass der Anteil der Projekte aus Grundschulen von Anbeginn des Programms höher ausgefallen ist, als dies beim Programmstart erwartet worden war;

• dass Förderund Sonderschulen sichtbar beteiligt sind. Hier sind zudem vielfältige Formen der Kooperation mit umliegenden Sekundarschulen und auch Gymnasien zu beobachten.

b. Demokratiepädagogik und Schulentwicklung: Das Förderprogramm Demokratisch Handeln belegt, dass es in der Praxis vielfältige Ansätze demokratischen Handelns gibt. Wir wissen demgegenüber allerdings auch, dass dieser Sachverhalt zu wenig Gegenstand systematischer und professionell relevanter Kommunikation und Reflexion wird. Für die Qualität und Entwicklung der Schule und des Lehrerhandelns ist aber nicht nur wichtig, was in Schulen tatsächlich geschieht, sondern auch, ob und wie dies dargestellt, fachlich zum Thema gemacht und weitervermittelt und damit professionell verfügbar wird. Hier bietet das Förderprogramm durch seine überregionale Anlage, die sich in der regionalen Beratung und Begleitung mit länderspezifisch differenzierenden Angeboten zur Multiplikation und Fortbildung verbindet sowie durch die Integration zivilgesellschaftlicher und staatlicher Ressourcen einen Kontext, der zugleich evaluativ und unterstützend ist.

c. Projektpädagogik und Politik: Die Projekte sind einerseits „politiknah“. Denn viele der Projekte sind auf den Ebenen des Unterrichts, des Schullebens und der über die Schule hinausreichenden Aktivitäten im klassisch modernen, aufklärerischen Sinne politisch gehaltvoll. Sie fordern den Streit über Ziele, die Verständigung über unterschiedliche Interessen und Strategien, den Verzicht auf unvertretbaren Eigennutz. Sie pflegen das eigene Handeln und die Verantwortung dafür, sie bewegen sich im öffentlichen Raum und erzeugen selbst Öffentlichkeit. Die Projekte sind zugleich aber auch „politikfern“ (Beutel & Fauser, 1995), weil sie das politische System – seine Konflikte, Ereignisse, seine Protagonisten und Vertreter sowie die politischen Parteien selbst – quantitativ gesehen eher selten zum Thema machen und weil die Verfahren der Willensbildung und Entscheidung, die in der Schulverfassung im Kleinen die Verfahren der Politik im Großen nachbilden sollen, eher in geringem Maße als Feld demokratischen Engagements auftauchen. Insgesamt gesehen hilft das Förderprogramm seit Beginn seiner Arbeit dazu, Aspekte und Wirkungsbedingungen demokratiepädagogischer Intervention in Schule – hier liegt schon rein quantitativ zweifelsohne der Programmschwerpunkt – und jugendpädagogischen Einrichtungen und Kontexten sichtbar zu machen. Dabei hat sich seit Ende der 1990er-Jahre durch eine verstärkte fachliche Auswertung und publizistische Darstellung sowohl der „Best-Practice“ des Programms, als auch der in dieser pädagogischen Praxis sichtbar werdenden strukturellen Bedingungen und Kriterien für demokratiepädagogische Schulentwicklung die Wahrnehmung dieser Seite des Lernens in institutionellen Kontexten erheblich stärken lassen und entscheidend zur Ausformulierung der Demokratiepädagogik als pädagogischer Entwicklungstatsache und Gestaltungsaufgabe beigetragen. Es ist schon bei seiner Begründung sichtbar geworden, dass der Zusammenhang zwischen Gewaltprävention, Rechtsextremismus, Fremdenfeindlichkeit und antidemokratischer Haltung einerseits sowie demokratischer Erfahrung und Verantwortung andererseits ein Konstitutivum des Programms ist. Dabei ist klar, dass es bislang keine evidenzbasierte Form des Nachweises einer solchen programmspezifischen Wirkung gibt. Gleichwohl unterstützt „Demokratisch Handeln“ aktuelle Arbeiten zur Messung der Verstehenstiefe von Demokratielernen [1] systematisch und die an der Programmdurchführung beteiligten Pädagoginnen und Pädagogen gehen davon aus, in dieser Richtung in absehbarer Zeit Fortschritte und damit eine Stärkung der Demokratiepädagogik als präventionswirksamer Idee erreichen zu können

  • [1] Derzeit arbeiten Mario Förster und Michaela Weiß an der Stärkung der Messgenauigkeit eines Fragebogeninstruments zum „Demokratieverstehen“ im Rahmen ihrer Qualifikationsarbeiten an der Universität Göttingen. Die dabei gewählten Lernsituationen oder „Vignetten“ sind von „Best-Practice“-Projekten des Förderprogramms inspiriert.
 
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