Wie narzisstisch ist Verliebtheit?

Der Stoff, aus dem die Träume sind, wie sich die Blicke finden, wie das Beste in den anderen hineingesehen und herausgeliebt werden kann, das ist die Sehnsucht. Diese Verschmelzung der Spiegelungen wird als vollkommenstes Gefühl empfunden. Die Sehnsucht erfüllt den Wunsch, durch den anderen ein Ganzes zu werden. Die Distanz, der Abschied, wird als Verarmung und Schmerz empfunden.

Der Zustand kann aufgrund des rauschartigen Charakters kritisch als „Hormonpsychose“, Dopaminrausch, Verblendung oder Paranoia gesehen werden, bleibt jedoch zentrales Motiv der Menschheitskultur auf der Suche nach dem Paradies. Diese besondere Form der Idealisierung ist jedoch auch psychologisch sinnvoll: durch die Überstrahlung und Resonanz das Beste des anderen zu sehen und zu lieben, ist ein Schatz, ein Energiequell, der als Oase für lange Wüstenwanderungen im Herzen konserviert bleiben kann. Dieses Konservieren ist jedoch in der Regel davon abhängig, wie der Zauber verfliegt, wie die Entidealisierung schrittweise im Alltag stattfinden kann und ob ein kleiner Sonnenstrahl der Idealisierungsbereitschaft übrigbleibt: „Verliere niemals Deine Träume.“

Die Fähigkeit, diesen Schatz der Idealisierung, der narzisstischen Überhöhung, zu erhalten, wird in der Bindungsfähigkeit gesehen. Der Glücksrausch ist biologisch nur episodisch möglich. Ob er zur Asche zerfällt oder auf milder Flamme weiterglüht, hängt von der Bindungsfähigkeit ab, die Beziehungskonstanz schafft.

Warum vermeidet der Narzisst Nähe?

In dem Mythos von Narkissos (Kap. 1) gibt es die Schlüsselstelle, in der Echo ruft: „Ich möchte mit Dir liegen“, und Narziss stößt sie vehement von sich. Dieses Distanzierungsbedürfnis, die Aversion und Angst vor Nähe, wurde von der Bindungsforschung und Psychoanalyse in vielen Facetten untersucht.

Vermeidender Bindungsstil Der vermeidende Bindungsstil als ein sehr häufiger Grundtypus der Bindungsunsicherheit, der bei Männern häufiger als bei Frauen vorkommt (ca. 20 %). Dies ist ein Stil, mit dem die Trennungsangst am Ende des ersten Lebensjahres bewältigt wird. Diese Angst wird unterdrückt bzw. deaktiviert, sodass bei der Betrachtung des Kindes in dieser Phase keine Zeichen der Angst wie Unruhe, Kümmernis und Irritation bei einer Trennung wahrzunehmen sind. Das Kind kann sich weiterhin dem Spiel zuwenden, auch wenn die Mutter das Zimmer verlässt. Bindungsforscher sehen jedoch, dass die Konzentration beim Spiel deutlich nachlässt. Psychophysiologen finden bei Stressuntersuchungen einen erhöhten Cortisolspiegel im Speichel. Die Kinder wirken sehr unabhängig, was bei vielen Müttern, besonders deutschen Müttern, den Kommentar auslöst: „Wie gut mein Kind schon alleine bleiben kann.“ Die Kinder bilden ein Grundmuster der Distanz, tanken bei Trennungsangst nicht bei der Mutter auf, indem sie sich an diese binden und von ihr beruhigen lassen. Sie zeigen eine Selbstberuhigungs- und schließlich eine Distanzierungstendenz. Die Mütter bemühen sich nicht aktiv um die Nähe, die Kinder erleben Nähe immer weniger als beruhigend, schließlich sogar als unangenehm. In der Weiterentwicklung bleiben die Kinder näheintolerant und können auch dadurch den anderen wenig einbinden, wenig beruhigen, stehen eher daneben, wenn ein anderes Kind oder ein Erwachsener zum Beispiel Schmerzen hat oder weint.

Verstärkte Näheintoleranz Ein sehr wechselnder, mal distanzierend-ignorierender, dann wieder sehr vereinnahmender Stil kann in der weiteren Entwicklung beim Kind „verstärkte Verschlingungsängste“ bewirken. Die Wechselhaftigkeit, die Bipolarität, zwischen extremer Nähe und starker Distanz verstärkt das Vermeidungsverhalten bezüglich der Nähe. Das Urvertrauen ist nicht gegeben. Im Gegenteil kann sehr häufig gegenüber der Hauptbezugsperson ein Misstrauen entstehen, durchmischt mit Zweifel und Aversion. Im weiteren Verlauf in der Trotzphase kann das Kind massive Machtunterwerfung erleben, indem die Sauberkeit forciert wird und die Kontrolle über das Verhalten wie über Körperfunktionen belohnt wird. Hier entsteht eine besondere Dominanz des Kontrollverhaltens und der Unterwerfung unter die Kontrolle. Dies sind Schlüsselstellen für die soziale Regelung, die Hierarchiebildung, die in pathologischer Ausprägung zu einer besonderen Macht-Ohnmachts-Sensibilisierung führen kann.

Beziehungstraumatisierung Verlassenheitssituationen, die im Bindungssystem ein Bindungstrauma hinterlassen, sind ein häufiges Grundschema für eine allgemeine Stressvulnerabilität. Diese liegt bei ca. 10 % der Bevölkerung vor. Neben dieser allgemeinen Verunsicherung ist nun in der Regel die Nähe-Distanz-Regulation gestört, sodass durchlässige Selbstgrenzen resultieren. Diese können Kinder zu sogenannten Selbstobjekten der Eltern machen, das heißt sie erfüllen wie ein verlängertes Selbst die Bedürfnisse der Eltern nach Zuwendung und Bewunderung und werden dann ihrerseits für Leistungen bewundert, wie die Eisprinzessin, die die Delegation von der Mutter erhält und sich deren nicht erfüllten Ich-Ideale zu Eigen zu machen. Diese Entwicklung eines falschen Selbst, nicht die eigene Autonomie und das authentische Selbst zu entwickeln, ist einer der häufigsten Befunde bei der Entwicklung von narzisstischen Störungen. Aber auch andere Traumata wie Gewalt, emotionale Vernachlässigung sind neben dem emotionalen Missbrauch besonders abzuklären.

 
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