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4 Thüringer Aktionsplan Demokratiebildung

Zu dem vorweg ausgeführten fügt sich seit 2012 der Blick auf Aktivitäten und das Netzwerk des NSU. Bislang stehen in der öffentlichen Diskussion einerseits die strafrechtlich relevanten Fragen und anderseits die Versäumnisse der Sicherheitsbehörden im Zentrum der Aufmerksamkeit. Eine weitergehende Diskussion möglicher Konsequenzen und Antworten auf die Frage nach der Verantwortung des Einzelnen sind nicht erkennbar. Scheinbar haben „wir“ noch nichts aus dieser jüngeren massiven rechtsorientierten und gewalttätigen Struktur gelernt. Die Notwendigkeit einer intensiven Suche nach Antworten, wie man die Herausforderungen einer sich stetig verändernden Gesellschaft in unsicheren Zeiten vermittelt und Heterogenität nicht nur als Aufgabe erkennt, sondern vor allem als Chance begreift, ist für die Demokratiepädagogik offensichtlich. Überdeutlich wird dies aktuell in der Auseinandersetzung mit den zahlreichen PEGIDA-Demonstrationen in Deutschland, welche im Herbst 2014 begannen und deren Teilnehmende scheinbar vor allem durch zahlreiche diffuse Ängste mobilisiert werden.

Der Zustand der Demokratie kann sich daher nicht nur an der Höhe der Wahlbeteiligung und der praktischen Resonanz ihres institutionellen Gefüges widerspiegeln: Dies greift zu kurz und beschreibt unser gemeinsames Wertesystem nur unzureichend. Aufgrund der besonderen – auch lokal spezifischen – Verantwortung bei der Aufarbeitung des NSU-Komplexes wird daher im Kompetenzzentrum Rechtsextremismus der Friedrich-Schiller-Universität Jena an einem Aktionsplan Demokratiebildung gearbeitet. Für die Ausbildung demokratischer Einstellungen und Werthaltungen ist es notwendig, die Möglichkeiten und Grenzen von Lerngelegenheiten und Bildungsangeboten in den Blick zu nehmen und diese – soweit möglich – auf ihre Präventionschancen zu überprüfen. Zwar kann nicht erwartetet werden, dass bei der Bildung und Erziehung durch Institutionen wie den Kindergärten, Schulen und Hochschulen sich gewissermaßen nebenbei und von Natur aus alle demokratieund menschenrechtsfeindliche Einstellungen beheben lassen. Es bleibt aber unbestritten, dass diese immer noch die umfassendsten Interventionszugänge gegen die Herausbildung von Vorurteilen und Intoleranz darstellen. Neben Bildungsinhalten ist für die Beurteilung einer wirksamen Demokratieerziehung das Handeln des professionellen pädagogischen Personals in den Blick zu nehmen. Hier liegen Beratungsund Entwicklungsaufgaben. Der Umgang mit Vielfalt und deren Anerkennung ist für professionelle Akteure in pädagogischen Arbeitsfeldern eine grundlegende Kompetenz ihres beruflichen Wirkens, die erlernt und vor allem verinnerlicht werden muss. Doch ergibt sich diese nachweislich nicht allein durch die berufliche Qualifikation (Bischoff, König & Zimmermann, 2013).

Mit dem Aktionsplan Demokratiebildung wird in Thüringen versucht, sich adäquaten Antworten zu nähern, wie Bildung für Demokratie gestärkt werden kann. Einmalig ist dabei der Ansatz, dass sich der Vorschlag nicht auf einzelne Bildungsbereiche beschränkt, sondern „von der vorschulischen Erziehung bis zum Hochschulstudium“ eine umfassende Perspektive einnehmen wird. Bereits vorhandene Initiativen, Strukturen und Projekte in Thüringen sollen dabei systematisch aufgegriffen und einbezogen werden. Ein Schwerpunkt des Aktionsplans ist zunächst die Lehrerbildung in allen ihren drei Phasen. Parallel zur Arbeit am Aktionsplan Demokratiebildung wurde im Wintersemester 2014/15 unter dem Titel „Angegriffene Demokratie – Befunde und Gegenmittel“ eine interdisziplinäre Ringvorlesung begonnen, die als fakultatives Angebot für Studierende aller Fachrichtungen gedacht ist und ebenso Lehrpersonen ansprechen soll, da sie durch das Thüringer Lehrerfortbildungsinstitut als Fortbildung anerkannt ist. Die Veranstaltungsreihe wird im Sommersemester 2015 und Wintersemester 2015/16 fortgesetzt werden. Als ein weiteres Element des Aktionsplans ist für den Oktober 2015 eine Fachtagung in Jena geplant.

 
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