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2 Theoretischer Hintergrund

2.1 Opfererfahrungen, Diskriminierung, Gewalt

Dass Menschen dazu tendieren, Opfererfahrungen auszublenden und sich mit dem Schicksal von Gewaltopfern nicht näher befassen wollen, ist in der menschlichen Psyche verankert: Psychologen und Psychologinnen weisen auf die Neigung hin, die Existenz von Opfern möglichst zu verdrängen oder bei ihnen eine Mitschuld zu vermuten, um nicht an die eigene Schwäche erinnert zu werden oder Schuldgefühle in sich selbst zu erwecken (Mitscherlich: zitiert in Bolick, 2010). Abgewehrt wird zudem die Infragestellung von gesellschaftlichen Machtverhältnissen gegenüber sozialen Minderheiten. Denn die Opfer rechter Gewalt unterliegen meist über die Ausübung einer rechtsextremistischen oder rassistisch motivierten Gewalttat hinaus „der Durchsetzung eines länger andauernden Machtverhältnisses, das auch nach dem Übergriff durch die Androhung weiterer Gewaltausübung aufrechterhalten wird. […] Opfer rechtsextremistischer Macht haben in der Regel unter einer lang währenden Unterordnung ihrer Person unter einen Täter bzw. eine Tätergruppe zu leiden.“ (Böttger, Lobermeier & Plachta, 2014, S. 42) Erscheinungsformen dieser andauernden Unterordnung reichen von Gewalt als „direktester Form von Macht“ (Popitz, 1992, S. 46), über strukturelle Schädigungen bis zu anderen, strafrechtlich häufig nicht relevanten Formen der „negativen Diskriminierung“ (Castel, 2009). Diese negative Diskriminierung macht aus „eine[r] Differenz eine Defizienz, die für ihren Träger zu einem unaustilgbaren Makel wird. Negativ diskriminiert zu werden heißt, aufgrund einer Eigenart abgestempelt zu werden, die man sich nicht ausgesucht hat, die aber für die anderen zum Stigma wird. Eine entstandene Alterität wird zum Faktor der Ausgrenzung.“ (Castel, 2009, S. 14). Gegner und Gegnerinnen werden als Kollektive (beispielsweise die ‚Ausländer', die ‚Jüdinnen und Juden', die ‚Reichen' …) identifiziert. Die von den Tätern und Täterinnen als Opfer definierten Individuen sind in ihrer als homogen fremd konstruierten Gruppe in aller Regel beliebig austauschbar und für ihre Viktimisierung nicht persönlich verantwortlich. Die (von den Tätern und Täterinnen angenommene) Gruppenzugehörigkeit der Betroffenen ist Anlass für deren Gewalterfahrung (Köbberling, 2010, S. 189). Die durch die Gewalt transportierte Botschaft richtet sich nicht nur an das angegriffene Individuum, sondern an die gesamte Gruppe, zu der es gezählt wird: Die Gewalt wirkt sich daher auf die gesamte Gemeinschaft aus („kollektive Viktimisierung“) (Köbberling, 2010, S. 189) und intendiert die Einschüchterung der gesamten Gruppe (Finke, 2010, S. 207).

 
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