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Erdalter

Eusebius von Caesarea schuf gegen Ende des 3. Jahrhunderts nach Chr. eine erste umfassende Chronik der Weltgeschichte, die die römische, die ägyptische, die christliche (auf Abraham rückgebundene) Zeitrechnung und die Perioden der Olympiaden aufeinander abstimmte. Im Jahre 382 verfertigte Hieronymus auf Anweisung des Papstes Damasus I. eine Übersetzung dieser Chronik des Eusebius ins Lateinische, die umfassenden Einfluss erlangte. Eusebius fußte seinerseits auf der hebräischen Bibel sowie den Darstellungen des Flavius Josephus und des Julius Africanus. Wobei Julius Africanus der Erste war, der nun auch explizit das Alter der Erde zu bestimmen suchte. Da er hierzu auch die hebräische Bibel zu Rate zog, kam er auf folgende Annahmen: Zu bestimmen war für ihn zunächst der Zeitraum nach der Erschaffung Adams, 5 Tage nach dem Beginn der Schöpfung, und der Sintflut zur Zeit Noahs. Er nahm nun die Generationslisten der Bibel und die dortigen Angaben der Lebenszeiten zur Grundlage seiner Schätzung und errechnete so für diesen Zeitraum eine Dauer von 2261 Jahren. Die Flut dauerte ihm zufolge 12 Monate, und so beginnt die Ära nach der Sintflut 2262 Jahre nach Erschaffung der Welt. Den Zeitraum vom Verlassen der Arche durch Noah bis zum Beginn der Wanderung Abrahams, des Stammvaters der Israeliten, gibt er mit 1015 Jahren an. Für die Phase der Ankunft im gelobten Land bis zur Verkündig der 10 Gebote, für die er noch andere Quellen heranzieht, setzt er 430 Jahre an, die weiteren Phasen bis zur Geburt Christi benennt er mit 585 sowie mit 651 Jahren. Demnach setzt er die Geburt Christi für das Jahr 5500 nach Schöpfung der Welt an Diese Zeitmaße wurden über Thomas von Aquin und Luther bis hin zu James Usher, der im Jahre 1650 die Schöpfung der Welt auf 4004 vor Chr. datierte, im Wesentlichen fortgeschrieben. Somit ergab sich ein Weltalter von etwa 6000 Jahren. Auch der englischen King James Bibel zufolge, die im 17. Jahrhundert erschien, datierte das Erdalter auf etwa 6000 Jahre. Einer dort zu findenden Radnotiz zufolge datierte die Schöpfung auf den 23. Oktober 4004 vor Chr. Raum für eine sich nach eigenen Prinzipien strukturierende Natur war in diesen Zeitvorgaben nicht zu finden. Und auch die Buffon'sche Erweiterung des Erdalters auf 75.000 Jahre ließ für eine graduelle Entstehung von Naturformen schlicht keine Zeit. Erst James Hutton legte in einer Schrift von 1788 Beweise vor, die das Erdalter in einen weit größeren Zeitrahmen einbanden. Seine Altersschätzung basierte auf der Idee, dass die Form der Erdoberfläche das Resultat eines enorm langsamen Erosionsprozesses sei, in Verbindung mit den dynamischen Bewegungen der Eroberfläche, die durch die starke Hitze im Erdinneren verursacht waren. Charles Lyell schließlich systematisierte diesen Gedanken Huttons und kam so Mitte des 19. Jahrhunderts auf eine Zeitdauer von Hunderten von Millionen von Jahren.

Es geht also immer wieder um die Frage, wie sich unser Naturwissen und damit das Bild von der Natur und mit diesem auch das Bild, das wir von uns selbst gewinnen, ver-ändert hat. Aus dem vorab Geschriebenen ist damit schon klar, dass wir nicht einfach Wissensbestände aufzuaddieren haben, sondern immer wieder neu nach Interpretationen, Handlungsausrichtungen, strukturellen Festlegungen zu fragen haben, in denen sich unsere Kultur ihr Bild der Natur und ihr Bild des Wissens von der Natur formte. Zusammenhänge sind aufzuweisen, und dann ist zu fragen, was von diesen Zusammenhängen in einzelnen an uns heute vermittelten Wissensfragmenten noch wirksam ist und uns so ggf. auch in einem neuen Zugang und einem neuen Naturbild zumindest mit bestimmt.

 
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