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2 Früh- und Vorgeschichte

2.1 Wissensrepräsentation und Wissensordnungen vor Erfindung der Schrift

Der Begriff der Naturwissenschaften findet sich im deutschen Sprachraum erst gegen Ende des 18. Jahrhunderts in den Vorlesungsverzeichnissen der Universitäten. Naturwissenschaft als Darstellung eines Wissens um und über die Natur führt aber in eine lange Tradition zurück, deren erste Quellen vor die Schriftkulturen, auf die Darstellungen der Vorzeit unserer Geschichte, verweisen, die zeigen, wie detailliert schon der Mensch der Steinzeit zu beobachten vermochte, die aber auch vorsichtig machen sollten in unserer Beschreibung einer Geschichte des Wissens. Führen uns doch die archäologischen Funde und das, was wir aus vergleichenden anthropologischen Studien wissen, auf Wissenszusammenhänge, die in einem religiös beschwörenden Sinne zu verstehen sind. Es sind Schamanen, die hier ihre Spuren hinterlassen haben, Zauberer, die über ein immenses Erfahrungswissen verfügen, das sie aber immer im Sinne ihrer Weltsicht interpretieren und ggf. sogar praktisch zu nutzen suchen. So sind diese Naturerfahrungen gegebenenfalls in ganz anderer Weise gewusst, als wir heute meinen Wissensbestände systematisieren zu können. In der Weltsicht des Schamanen bindet dieser sich selbst in ein Weltgeschehen ein, das er gerade dadurch beherrscht, dass er sich in das Gefüge der von ihm beschworenen Welt mit einbindet und hier gleichsam von innen heraus agiert. Der reflektierende Europäer, der sich neben die Natur stellt und sich zu dieser Natur in einer von ihm reflektierten Weise verhält, operiert anders. Für ihn ist Wissen etwas, das er neben die Natur setzen kann, das er in Bücher oder Bilder entlagert, etwas, das er an sich ins Gedächtnis nehmen kann. Der Schamane sieht das anders, sein Wissen ist selbst Teil dieser Natur, etwas mit dem er über das, was er weiß, diese Natur zu verändern vermag. Und doch beginnt unser Naturwissen mit solchen Schamanen, die bis in die beginnende griechische Kultur eben auch unser Umgehen mit und unseren Begriff von Natur bestimmen. Wir werden noch sehen, wie sich die Anfänge der griechischen Naturphilosophie und dieses Schamanentum verzahnen; wir werden erfahren, wo sich bis in die Zahlenreihen und die Harmonik der Musik ein Nach-hall dieser frühen Traditionen findet, die wir heute noch in den Berichten über die Sitten der nordamerikanischen Indianer, in Darstellungen der Kulturen der Hopi oder der Polynesier erfahren können. Eine der ersten Erzählungen, die uns in unserer Kulturgeschichte verfügbar ist, das Gilgamesch-Epos aus Akkad, zeigt auf, wie in einem rituellen Kontext Weltordnungen und Naturdinge systematisiert werden konnten.

30.000–20.000 erste Höhlenmalereien

15.000 Höhlenmalereien im malerischen Stil 9000 Domestikation des Schafes

7. Jahrtausend in Irak und in Palästina Getreidezucht – Weizen, Geste, Hirse

6. Jahrtausend Ausbreitung der Töpferei im Nahen Osten Vor 3500 Tonwaren

3500 Gründung von Uruk

Prädynastische Periode im Niltal – Verwendung von Hacke, Pflug; Ackerbau und Viehzucht

Bronze in Ur/hydraulische Konstruktionen

3200 Hügelgrab Newgrange, Irland Gründung von Troja, Karthago Minoische Kultur

Einigung Ägyptens

3100 frühe Formen der Hieroglyphen

2900 Alte Dynastien in Mesopotamien klassische Sumerische Kultur

2900–1700 Stonehenge

2900 Erste bekannte Karte (von Ägypten)

2900 Systematische Himmelsbeobachtungen in Mesopotamien, Ägypten, Indien, China

2850 erstes Zeugnis für einen Sonne-Mond-Kalender – Troja 2770 Ägypten 365-tägiger Kalender

Um 2700 Gilgamesch-Epos

2600 Cheops-Pyramide

2500 Erste mesopotamische mathematische Texte 2300 Reich von Akkad, Herrschaft von Sargon 1600 Himmelsscheibe von Nebra

Schon das magische Denken beobachtet, und es beobachtet nicht nur die Sterne, sondern auch das engere Umfeld und vor allem die Natur. Schon die ersten Zeugnisse eines erwachenden menschlichen Selbstverständnisses zeigen eben dies. Und dies können wir in den Höhlenmalereien und den Ritzzeichnungen der Eiszeit, beginnend mit der Zeit 30.000–20.000 v. Chr., d. h. in der Altsteinzeit, dingfest machen. Es geht hier nun nicht darum, eine komplette Geschichte dieser Kunst der Eiszeit aufzuzeigen, zumal die Deutung der einzelnen Szenen immer noch schwierig ist: Deutlich zu machen ist aber zumindest, dass diese in ihren Detaillierungen erstaunlich lebendigen und eine sehr exakte Beobachtungsgabe dokumentierenden Abbildungen Illustrationen waren, die in einem magischen Kontext entstanden. Sie waren eingebunden in Jagdzauber und andere Beschwörungen, in denen diese Abbilder des Wirklichen an unzugänglichen Stellen, teilweise tief in Höhlen versteckt, ihre Darstellung fanden. Dabei zeigt sich eine Stilabfolge von einfachen Umrisszeichnungen hin zu dem sogenannten malerischen Stil des mittleren Magdalénien, wie er sich etwa in Altamira findet (um 15.000 v. Chr.), um sich dann in der mittleren Steinzeit, dem Mesolithikum, stärker zu schematisieren (Abb. 2.1). Uns muss hier nur interessieren, dass diese Zeichnungen, Malereien und Ritzzeichnungen höchst realistisch waren. Sie geben Szenen der Tiere in der Umwelt unserer Vorfahren wieder, erreichen in ihren Darstellungen eine hohe atmosphärische Intensität, die uns immer wieder zeigt, wie auch in Kultzusammenhängen präzise und verlässliche Einzelbeobachtungen zu registrieren und zu dokumentieren waren. Dennoch sind es nicht einfach Illustrationen von Einzelbeobachtungen, in denen uns die Menschen des Neolithikums einen Eindruck von ihrer Lebenswelt übermitteln wollten: es ist nicht einfach eine Fauna der Eiszeit, die hier gemalt, gezeichnet oder geschnitzt wurde. Zu finden sind Darstellungen, die in einem anderen unmittelbar bedeutsamen funktionellen Kontext standen. Dies ist schon daran abzulesen, dass zumindest einzelne dieser Bilder Beschädigungen aufweisen, die zeigen, dass sie während der mit ihnen vollzogenen Zeremonien etwa mit Speeren und Steinen beworfen wurden. Vor ihnen finden sich ferner Spuren von Tänzen, Instrumente und weitere Relikte vormaliger Zeremonien. Alleine in Europa wurden bisher um die 140 Höhlen mit mehr als 4000 Höhlenbildern entdeckt, dazu kommen dann noch Plastiken und Ritzzeichnungen und – im Neolithikum – Felszeichnungen im offenen Gelände. Wir stoßen hier also auf Relikte bedeutender Praktiken und nicht auf vereinzelte und so dann isoliert zu betrachtende Darstellungen der Kultur dieser frühen Phase unserer Geschichte.

In diesen Bildern finden wir dann auch Signaturen von Menschen, die sich so, etwa mit den Abdrücken ihrer Hände, mit in das Bildgeschehen einbanden. Wir finden auch immer wieder Darstellungen von Schamanen, Menschen in Tierverkleidung, von Menschen im Tanz und von Menschen bei kultischen Handlungen, in denen nun auch das Beschwören selbst seine Darstellung fand.[1] Parallel können wir in der Entwicklung der Waffen und Instrumente eine sich sukzessive entfaltende Technologie der Steinbearbeitung ablesen. Quantitativ arbeitende Archäologen können an den Artefakten Verfertigungsregeln entdecken, Strategien in der Optimierung der Steinbearbeitung feststellen und schließlich auch Dekorations- und Funktionsstile aufweisen, die zeigen, dass sich der Mensch sukzessive auch der Details und damit der Möglichkeiten seiner Tätigkeiten und seines Tuns bewusst wurde. Zu Ende des Neolithikums können wir dann auch Bilder entdecken, die nicht mehr derart beschwörenden Charakter haben, es sind Illustrationen, wie sie sich in Skandinavien, aber auch am Nordrand der Sahara immer wieder auf offenem Fels finden lassen. Darge-

Abb. 2.1 Höhlenmalereien aus Lascaux, im sogenannten malerischen Stil

stellt sind hier die Jäger: Wobei diese Bilder Mensch wie Tier schemenhaft vereinfachen, quasi in verkürzter Bildschrift notieren, was da im Prinzip zu sehen war.

  • [1] Kühn spricht von dreißig Höhlen mit entsprechenden Darstellungen; H. Kühn, Höhlenmalerei der Eiszeit. München 1975, S. 15
 
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