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2.2 Die frühen Schriftkulturen

Auch in Ägypten, aus dem wesentlich ältere, aber eher ornamental ausgerichtete Sternbilder bekannt sind, zeigt sich an den dortigen Kult-Bauten, wie der Cheopspyramide, dass diese nach den Himmelskörpern orientiert sind. So ist die Cheopspyramide, lange vor Entdeckung des Kompasses, exakt nach der Achse Nord-Süd ausgerichtet. Auch in Ägypten war der Jahreslauf auf den Sternenhimmel bezogen. Nur war hier für die Organisation des Jahres ein Stern, der Sirius, bestimmend. Wenn für einen Beobachter in Ägypten dieser hellste Stern des Morgenhimmels kurz vor der Sonne aufgeht, wird der Nil über seine Ufer treten. Dessen alljährliche Überflutungen mit dem dadurch über die Felder gebrachten Schlamm garantierten den Reichtum des Landes, banden dieses Land jedoch in eine strikte Jahresrhythmik ein. Entsprechend differenziert war denn auch die Beobachtung des Sternenhimmels, nach dem diese Gliederung des Jahres bei den Ägyptern bestimmt wurde. Für die Einteilung des Jahreslaufs nutzten die Ägypter die Sternkonstellationen. Neben dem Sirius wurden hierzu weitere 35 Sterne herausgegriffen, die in gleichen Abständen über den Himmel verteilt waren. Die Ägypter wussten, dass sich der Himmel gegenüber der Erde bewegt und sich dabei die Konstellationen der Sterne zum Horizont über das Jahr verändern. Entsprechend konnten die sich verändernden Positionen der 35 Sterne als eine Art astronomischer Jahresuhr genutzt werden. Im Fortgang des Jahres erscheinen diese morgens in Abständen von jeweils 10 Tagen vor der Sonne. Daher leitet sich auch deren Name, Dekasterne, ab. Insoweit war dann mittels dieser Sterne die Zeit des Jahres zu bestimmen. Doch war mittels dieser Sterne zugleich auch die Nachtzeit zu bestimmen. Da sich die Sterne während der Nacht über der Erde zu bewegen scheinen, so gehen dann auch die Dekasterne über die Nacht in regelmäßiger Folge auf. Da in der Morgen- und Abenddämmerung diese Sterne kaum zu sehen waren, reduzierte sich die im Dunkeln registrierbare Zahl dieser Sterne auf 12. Der ägyptischen Vorstellung des Alten und des Mittleren Reiches zufolge legte nun der Sonnengott von Sonnenuntergang zu Sonnenaufgang durch die den Blicken verborgenen Teile des Himmels einen Weg zurück, auf dem er 12 Tore zu durchschreiten hatte. Dem entsprachen die 12 im Laufe der Nacht zu beobachtenden aufgehenden Dekasterne: Die Priester des Sonnengottes erleichterten ihrem Gott nun die Passage der 12 Tore jeweils durch ein rechtzeitiges Opfer. So war die Nacht in ihrem Ablauf durch die Kulthandlungen gegliedert. Das Zeitmaß, nach dem für den Sonnengott ein Opfer zu bringen war, ergab sich aus der Beobachtung der Dekasterne. Deren Aufgehen teilte die Nachtzeit in zwölf Vigilien. Entsprechend konnte mit jedem Beginn einer neuen Vigilie für den Durchgang eines neuen Tores geopfert werden. Dass sich damit die Nachtwache in 12 Abschnitte gliederte, was letztlich unsere Darstellung von Nacht- und Tageszeit bestimmte, ist das Eine; dass sich die astronomischen Beobachtungen auch hier in einen rituellen Kontext einbanden, ja aus diesem heraus interpretiert wurden, ist das Zweite. Womit sich noch einmal ausweist, wie schon in der magisch-mythischen Weltsicht Natur beobachtet wurde, und sich zugleich auch zeigt, dass sich in dem Ritus Ordnungsmuster unserer Kultur fixierten, nach denen wir bis heute unseren Tages- und Jahresablauf strukturieren.

 
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