< Zurück   INHALT   Weiter >

Gilgamesch

Das Gilgamesch-Epos ist die дlteste uns ьberlieferte literarische Darstellung, die allerdings nur in Fragmenten vorliegt. Die bislang vollstдndigste Version des Epos hat sich auf 12 Tontafeln aus der Bibliothek des Assyrischen Kцnigs Ashurbanipal erhalten. Die дltesten erhaltenen Fragmente stammen aus der Zeit um 1800.

Gilgamesch, derHeld der Geschichte, ist zu zwei Dritteln Gott und zu einemDrittel

Mensch und herrscht als Kцnig in Uruk. Sein Regierungsstil ist despotisch, seine

Bauprojekte fьhren zu bedrьckenden Lasten, und damit zu Unruhen vor allem der

Frauen in Uruk, die sich bei Ištar, der Gцttin der Liebe, des Krieges und der Prostitution beschweren. Um Gilgamesch zu bдndigen, erschafft die Muttergцttin gemдЯ der Anordnung des Himmelsgottes, des Vaters der Ištar, aus Lehm ein wildes, menschenдhnlichesWesen, Enkidu (Abb. 2.4). Gilgamesch erhдlt mittels zweier Trдume Kenntnis von Enkidu und erwartet ungeduldig dessen Ankunft. Der mit der Natur und den Tieren verbundene Enkidu schützt die Wildtiere vor den Nachstellungen eines Fallenstellers. Dessen Vater rät ihm, nach Uruk zu gehen und Gilgamesch um die Entsendung einer Dirne zu bitten, die Enkidu durch sexuelle Verführungen von den Wildtieren entfremden soll. Dies geschieht. Enkidu erliegt den Verführungskünsten der Dirne, darauf fliehen ihn, wie der Vater des Fallenstellers vorhersagte, die Wildtiere. Die Dirne kann nun Enkidu überzeugen, mit ihr nach Uruk zu gehen. Dabei lernt Enkidu in einem Hirtenlager nahe Uruk die menschliche Nahrung und das Bier kennen und wandelt sich endgültig zu einem Menschen. In Uruk treffen Enkidu und Gilgamesch aufeinander. Der sich anschließende Kampf endet unentschieden. Ermüdet von der Auseinandersetzung, sinken die beiden Helden nieder und schließen Freundschaft. Gilgamesch und Enkidu nehmen sich nun vor, gemeinsam eine Heldentat zu vollbringen, und zwar, in Ištars Wald Zedern zu fällen. Dies gelingt ihnen. Ištar verliebt sich dennoch in den Helden Gilgamesch. Doch Gilgamesch weist sie zurück. Erbost darüber, lässt sie den Himmels-Stier aussenden, um Gilgamesch zu töten. In Uruk angelangt, tötet der Stier Hunderte von Uruks Männern, wird aber von Enkidu und Gilgamesch erschlagen. Für diese Tat werden die beiden von den Göttern bestraft, indem sie eine Krankheit schicken, an der Enkidu stirbt. Darauf begibt sich nun Gilgamesch auf eine lange Wanderschaft, um das Geheimnis des Lebens zu finden. Er findet den Weg zum Fährmann Ur-šanabi, der ihn über das Wasser des Todes zur Insel der Seligen bringen soll, auf der Uta-Napištim mit seiner Frau lebt. Beschrieben wird nun die Fahrt zur Insel der Seligen. Darin bricht der überlieferte Text ab und setzt erst mit der Tafel an, die die Geschichte einer Flutkatastrophe erzählt. Eine vollständig erhaltene Fassung der Tafel ist nicht vorhanden, der nach anderen Quellen rekonstruierten Fassung zufolge sucht Gilgamesch seinen Urahnen Uta-Napištim auf, der ihm die Geschichte von der Flut erzählt. Dieser Erzählung zufolge hatte der Gott Enki den Menschen Ziusudra vor einer Flut gewarnt, die alles Leben vernichten wird, und ihm geraten, ein Schiff zu bauen. Auf ausdrückliche Weisung Enkis verrät er den anderen Menschen nichts von dem drohenden Untergang. In das Boot lässt Ziusudra nun die Tiere der Steppe, seine Frau und seine Sippe einsteigen. Nach dem Anhören der Geschichte schläft Gilgamesch sechs Tage und sechs Nächte lang. Nachdem er am siebten Tag aufgewacht ist, sagt Uta-Napištim ihm schließlich, wo er die geheimnisvolle Pflanze finden kann, die das ewige Leben bewirkt. Gilgamesch kann das Gewächs finden und macht sich auf den Weg zurück in die Heimat, wo er die Wirkung der Pflanze zunächst an einem Greis testen will, ehe er die Substanz der Pflanze an sich selbst erprobt. Als Gilgamesch an einem Brunnen rastet, ist er jedoch unvorsichtig, und eine Schlange kann ihm die Pflanze des Lebens stehlen. So waren alle Mühen umsonst und er kehrt er unverrichteter Dinge mit dem Schiffer Ur-šanabi nach Uruk zurück, wo er diesem seine herrlich gebaute Stadt zeigt. Am Schluss erscheint Enkidus Geist und beschwört Gilgamesch, sich dem irdischen Los zu unterwerfen.

Abb. 2.4 Enkidu – Alabasterfigur, ca. 2500 v. Chr. (Bagdad, Museumdes Irak)

Der Text beginnt mit einer Vorrede, die genau dieses noch einmal beleuchtet:

Es war in uralten Zeiten ein König,

Enmerkar mit Namen, ein Herrscher in Uruk-Gart. Dem hatten die Wahrsagepriester verkündet:

Wen deine Tochter gebären wird,

Der wird des Königtums dich berauben.

Furcht befiel den König, und damit's nicht geschehe Schloß er die Jungfrau in einen Turm;

aufs genaueste ließ er sie dicht bewachen.

Doch nach der Götter Bestimmung, die nicht zu ändern,

Gebar sie heimlich von einem Niemandssohn [Mann unedler Abkunft]. Die Wächter, aus Furcht vor des Königs Zorn,

Warfen den Knaben vom Turm hinab.

Das erspähte ein Adler mit scharfen Augen,

Nahm das Kind eh es zu Boden schlug, auf den Rücken. Zu einem Palmengarten trug er's und setzte

Daselbst es behutsam nieder.

Der Gärtner entdeckte das schöne Knäblein, Gewann es lieb und er zog es auf, Gilgamesch nannte er es mit Namen.

Herangewachsen, zum Manne geworden

Entriß Gilgamesch Enmerkar, dem Vater seiner Mutter, das Königtum. So hat sich an ihm die Bestimmung erfüllt.[1]

Und dieser Gilgamesch kämpft nun selbst gegen das Schicksal des Todes, das zunächst seinen Freund ereilte, und es gelingt ihm für einen Moment, gegen dieses Schicksal zu obsiegen. Doch muss auch er letztlich scheitern. In dieser Geschichte tritt für uns eine Person aus dem Bannkreis des bloß Magischen. Seinerseits wieder gehüllt in einen Mythos, erzählt sich hier doch eine Geschichte, in der begonnen wird, selbstbestimmt zu handeln. Dabei wird in der Frage nach Gründen und in der Suche nach Antworten gegen die vermeintlichen Notwendigkeiten vorgegebener Ordnungszusammenhänge Natur selbst neu verfügbar gemacht. So formiert sich ein Wissen, das sich selbst zu reflektieren vermag. Dieses wird so langsam auch aus den Verfestigungen des Mythos herausgenommen, und beginnt so, zunächst noch zögerlich, sich selbst in Frage zu stellen und sich damit dann auch gegenüber der Natur zu positionieren.[2]

Weiterführende Literatur

F. Bertemes, Die Sonne und ihre Bedeutung im religiös-mythologischen Kontext der Urgeschichte Mitteleuropas. In: A. Bärnreuther, Hg., Die Sonne. Brennpunkt der Kulturen der Welt. Berlin 2009. S. 94–126.

M. H. Christiansen, S. Kirby, Hg., Language Evolution: The States of the Art. Oxford 2003.

J. Clottes, D. Lewis-Williams, Schamanen. Trance und Magie in der Höhlenkunst der Steinzeit. Sigmaringen 1997.

D. Crystal, Die Cambridge Enzyklopädie der Sprache. Frankfurt 1993.

H. Frankfort, H. A. Frankfort, John A. Wilson, Thorkild Jacobsen, Before Philosophy: The Intellectual Adventure of Ancient Man. Harmondsworth 1951.

J. Goody, The Domestication of the Savage Mind. Cambridge 1977.

A. Heidel, The Babylonian Genesis: The Story of Creation. 2. Aufl. Chicago 1963

T. Insoll, The Oxford Handbook of the Archaeology of Ritual and Religion. Oxford 2011.

H. Kühn, Die Felsbilder Europas. Stuttgart et al. 1971

E. Künzl, Himmelsgloben und Sternkarten. Astronomie und Astrologie in Vorzeit und Altertum. Darmstadt 2005.

L. Levi-Bruhl, How Natives Think. London 1926.

W. Menghin, Astronomische Orientierung und Kalender in der Vorgeschichte. Internationales Kolloquium vom 9. bis 11. November 2006 im Museum für Vor- und Frühgeschichte. Acta Praehistorica et Archaeologica 40. Berlin 2008.

S. Mithen, The Prehistory of the Mind: A Search for the Origins of Art, Religion, and Science. London 1996.

W. Schlosser, J. Cierny: Sterne und Steine. Eine praktische Astronomie der Vorzeit. Darmstadt 1996

M. Tomasello, Die Ursprünge der menschlichen Kommunikation. Frankfurt 2009.

  • [1] Das Gilgamesch-Epos. In der Übersetzung von Albert Schott. Stuttgart 1974, S. 15
  • [2] Vgl. hierzu etwa aus der Literatur des mittleren Reiches: Der Oasenmann. Eine altägyptische Erzählung. Übersetzt und kommentiert von Dieter Kurth. Mainz 2003
 
< Zurück   INHALT   Weiter >