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2.3 Primäre, sekundäre und tertiäre Viktimisierung

Viktimisierung bezeichnet den Prozess des Zum-Opfer-Werdens. Dieser Prozess besteht aus „Interaktionen von Täter, Opfer und anderen [Nicht-]Akteuren und ist durch unterschiedliche Dispositionen und Tatfolgen gekennzeichnet“ (Bolick, 2010, S. 39). Mit Pfeiffer und Strobl ist dann von einer Viktimisierung zu sprechen, „wenn eine durch Konvention oder Recht legitimierte normative Erwartung enttäuscht und das dieser Enttäuschung zugrunde liegende Ereignis auf die soziale Umwelt bezogen wird“ (zitiert in: Böttger et al., 2014, S. 31 f.). Eine Opfererfahrung wäre dem folgend zum Beispiel auch die Erfahrung eines türkischen Jugendlichen, der im Gegensatz zu seinen deutschen Klassenkameraden keinen Ausbildungsplatz bekommt, obwohl er einen gleich guten oder sogar besseren Schulabschluss hat. In dem Beispiel wird die allgemein geteilte normative Erwartung des Prinzips der Chancengleichheit verletzt. Für den polizeilichen und juristischen Handlungsrahmen sind dagegen Strafrechtsnormen bindend (Böttger et al., 2014, S. 31 f.).

Bei der Viktimisierung werden drei Stufen unterschieden, die aber nicht zwangsläufig aufeinanderfolgen müssen (Kiefl & Lamnek, 1986, S. 167): Primäre Viktimisierung umfasst die eigentliche Opferwerdung, also die Schädigung einer oder mehrerer Personen durch einen oder mehrere Täter und Täterinnen. Ausgelöst und beeinflusst wird diese Phase durch verschiedene Situationsmerkmale, Opfereigenschaften, Opferverhalten, die Art der Täter-Opfer-Beziehungen und Tätereigenschaften (Kiefl & Lamnek, 1986, S. 170).

Sekundäre Viktimisierung ist eine Verschärfung der primären und entsteht durch Fehlreaktionen des sozialen Nahraums von Betroffenen (Freunde und Freundinnen, Bekannte, Familienangehörige) und/oder Instanzen der formellen Sozialkontrolle (Polizei, Staatsanwaltschaft, Gerichte) nach der primären Opferwerdung (Kiefl & Lamnek, 1986, S. 239). Sie entsteht also nicht unmittelbar aus der Tat, „sondern [wird] durch Akteure produziert […], welche mit dem Opfer der Straftat irgendeinen Umgang haben (und zwar im Hinblick auf dessen primäre Viktimisierung)“ (Kölbel & Bork, 2012, S. 39). Die primäre Viktimisierung wird dadurch verstärkt, die Betroffenen fühlen sich, als ob sie noch einmal zum Opfer geworden sind. Dabei umfasst der Begriff sowohl den Vorgang der Einwirkung der Akteure als auch die Folgen dieser Einwirkung (Kölbel & Bork, 2012). Neben den genannten können auch die Täter und Täterinnen und deren Angehörige, die Öffentlichkeit, insbesondere die Medien, und die Verteidigung der Täter und Täterinnen im Gerichtsverfahren die sekundäre Viktimisierung positiv oder negativ beeinflussen bzw. verhindern oder hervorrufen (Kiefl & Lamnek, 1986, S. 239).

Die dritte Stufe ist die tertiäre Viktimisierung, die zu einer Verfestigung der Opferidentität und damit zu einem veränderten Selbstbild führt.

 
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