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3.1.2.2 Ägyptische Astronomie

Zentral für die Organisation und Ökonomie Ägyptens war der Nil, mit seiner regelmäßig im Sommer erfolgenden Überschwemmung der landwirtschaftlichen Nutzflächen. Dabei ist diese im Jahreszyklus wiederkehrende Überschwemmung in den Veränderungen des Sternenhimmels abgebildet. Der erste in der Morgendämmerung erfolgende Aufgang des Sirius im Osten, um den 17. Juli, kündigt die Nilschwelle, das steigende Nilwasser, an. Im ägyptischen Kalender galt denn auch der Aufgang des Sirius (Sothis) als Beginn des Kalenderjahres. Das Jahr wurde dann mit 12 × 30 Tagen plus fünf Zusatztagen bemessen. Da dieses Jahr mit seinen 365 Tagen zu kurz war, verschob sich so der Jahresbeginn alle vier Jahre um einen Tag, um dann nach 1461 Jahren wieder am Beginn zu stehen. Diese 1491 bildeten die sogenannte Sothis-Periode. Erst unter Kaiser Augustus wurde diese Zählung verändert, er ließ alle vier Jahr einen zusätzlichen sechsten Schalttag einbinden. Erst seit dem Mittleren Reich sind wir nun aber durch eingehende Darstellungen, wie etwa die Deckenmalereien im Grab des Pharaos Sethos I (um 1290), über Details der astronomischen Kenntnisse Ägyptens unterrichtet. Besondere Bedeutung gewannen – wie schon eingangs beschrieben – Sterne, deren Aufgang über dem Horizont jeweils zehn Tage auseinander lag. Diese wurden als sogenannte Dekane aufgelistet. An anderer Stelle erscheinen im selben Grab Gottheiten, die dem Mond zugeordnet waren und die Mondphasen verkörpern. Ältere Darstellungen finden sich in dem Grab eines Günstlings der Hatschepsut, des Senenmut, die gegen 1470 vor Chr. entstanden. Auch hier sind die 12 Tierkreiszeichen, die wir aus Babylon kennen, noch nicht aufzufinden. Diese werden erst während der Ptolemäerzeit aus Babylon übernommen und dann jeweils aber durch drei Dekane unterteilt.

Echnaton

Pharao Amenhotep IV., der spдtere Echnaton, war der jьngere Sohn Amenhoteps

III. und der Pharaonin Teje (Abb. 3.12). Mit seinem Namen verbindet sich

der erste monotheistische Aufbruch in der Religionsgeschichte derMenschheit. Um

1350 vor Chr. proklamierte dieser Kцnig den Sonnengott, in seiner sichtbarenGestalt als Sonnenscheibe, genanntAton, zumalleinigenGott. Er ersetzte damit den Kultum Amun Damit war zugleich der alten Fьhrungselite, der Priesterschaft des Amun-Re und der anderen Gottheiten, die Macht entzogen. Im sechsten Regierungsjahr verlegte er die Hauptstadt vonTheben in den Norden in dasWьstenfeld Tell el-Amarna, wo die neu gegrьndete Stadt Achetaton (Lichtort des Aton) entstand. Fortan nannte er sich Echnaton und arbeitete in den darauf folgenden Jahren an einer umfassenden religiцs kulturellen Umstrukturierung Дgyptens. DieseKonzentration auf die Innenpolitik lдsst die дgyptische Autoritдt in Asien schwinden, seine Position ist damit geschwдcht. Direkt nach dem Tode des Echnaton werden denn auch seine Neuerungen rьckgдngig gemacht, der Regierungssitz wird nachTheben zurьckverlegt. Seine Schwiegersцhne (einer davon war Tutenchamun) werden durch einen revoltierenden General von derHerrschaft verdrдngt, der auf Grund seinermilitдrischen Erfolge die Reaktion gegen Echnaton stabilisiert und die vollstдndige religiцse und kulturelle Restauration abschlieЯt.

Abbildungen in den Särgen des Mittleren Reiches und der Spätzeit, sowie in den Totentempeln und Grabkammern des Neuen Reichs erlauben es nun, die wichtigsten astronomischen Elemente, die die ägyptischen Astronomen beobachteten, aufzulisten: Zentral ist das Das Bild der Himmelsgöttin Nut, an deren Leib die Sterne leuchten. In der theologischen Vorstellung verschluckte Nut am Abend die Sonne, um sie am Morgen erneut zu gebären. Die Sterne gaben nun eine Orientierung über die Zeit und den Himmelsraum. Zentral sind hierfür die erwähnten Dekansterne, deren Abbildung es dem Verstorbenen erlauben sollte sich auch im Jenseits zurechtzufinden. Identifiziert sind weiter die fünf Planeten, Sternbilder des Nordhimmels und Sternbilder des Südhimmels (Abb. 3.13). Dabei ist das zentrale Gestirn die Sonne, die im Kult des Echnaton dann auch als die direkte Inkarnation des Re verehrt wurde. Die Ägypter kennen dann Jupiter als Horus, der die beiden Länder begrenzt, Saturn als Horus, Stier des Himmels, Mars als Horus sowie Merkur, der mit dem Totengott Seth identifiziert wurde, sowie schließlich die Venus in ihren beiden Bedeutungen als Himmelsüberquerer und Gott des Morgens. Seit der Ptolemäerzeit wurden auch die 12 Figuren des Tierkreises (Zodiak) innerhalb der Himmelsbilder dargestellt.

Auf der Statue des Har-Chebi, eines Astronomen des alten Ägypten, ist ausgewiesen, worin dann nun die Aufgaben des Himmelsdeuters bestanden:

Erbprinz [... ], der in den heiligen Schriften gelehrt ist, der all das Bemerkenswerte im Himmel und auf der Erde beobachtet – klaren Auges ohne sich zu irren, den Zeitpunkt der Auf- und Niedergänge mit Hilfe der Götter, die die Zukunft voraussagen, genau wiedergibt, wofür er sich selbst reinigte an ihren Tagen, beim heliakischen Aufgang von Ach [ein Dekan] neben Benu [Venus] und er stellte das Land mit seinen Aussagen zufrieden; er, der die Kulmination jedes Sternes am Himmel beobachtet, der den heliakischen Aufgang jedes [...] in einem guten Jahr kennt, und der den heliakischen Aufgang von Sothis voraussagt. Er beobachtet sie [Sothis] am Tage ihres Erstrahlens, [...] verfolgt, was sie täglich tut, alles, was sie vorausgesagt hat, ist in seiner Obhut; er kennt die Kulminationszeiten der Sonne, verkündet alle ihre Wunder und legt die Zeit dafür fest, er gibt kund, wann sie stattgefunden haben [... ]; er, der die Stunden in die beiden Zeiten [Tag und Nacht] einteilt, ohne bei den Nachtstunden fehlzugehen [... ]; sachkundig in allem, was am Himmel zu sehen ist, worauf er gewartet hat, geschickt in Bezug auf ihre Konjunktionen und ihre regulären Bewegungen; der überhaupt nichts bezüglich der Beurteilung seines Berichts preisgibt, verschwiegen in allem, was er gesehen hat.[1]

Himmelsbeobachtungen erfolgen demnach im Kontext des Kultus; sie erlauben es, die Zeit und die Zeitabfolgen des Jahres, der Mondphasen und der Nacht festzustellen, und so die Handlungen der Priester und die Handlungen des Pharaos mit dem Naturgeschehen ab-

Abb. 3.13 Namen der Planeten

zustimmen. Dabei konnten dann in der Feststellung möglicher kritischer Konstellationen und im Ausweis von sich überlagernden Zyklen bedeutsame Phasen im Naturgeschehen beschrieben und vorhergesehen werden. Somit war der Kult in seinen Abläufen auf die Konstellationen des Kosmos hin abzustimmen. Das Bild des Sternenhimmels selbst ist dabei komplett in den Mythos eingebunden.

Beschrieben sind einfache Instrumentarien, mit denen Sterne avisiert und ihre relative Position in Bezug auf Horizonthöhe und Himmelsrichtung festgehalten werden konnte. Ausgewiesen finden wir damit dann Konstellationen und Zyklen von Ereignisfolgen, die insbesondere auf die Nilüberschwemmung bezogen werden konnten. Dabei erfuhren diese Zyklen, im Jahr, über den Monat und in dem Verlauf von Tag und Nacht, eine mythologische Deutung.

  • [1] Quelle: Neugebauer/Parker, zit. n. Höber-Kamel Wissenschaft im alten Ägypten, Kemet 4 2000, nach der Übersetzung von D. Lelonx, Astronomy, Weather and Calenders. Cambridge 2007, S. 102f
 
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