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2.4 Reaktionen von Ermittlungsbehörden

Die Polizei ist häufig der erste Kontakt für Betroffene nach einer Tat. Sie wird vom Opfer selbst oder von Zeugen und Zeuginnen verständigt und trifft in diesem Fall zum Teil noch am Tatort auf die Konfliktparteien. Die Geschädigten erwarten dabei von der Polizei, dass sie als Opfer ernst genommen werden, Gehör und Beachtung finden und konkrete Hilfe erfahren (Haupt, Weber & Bürner, 2003, S. 60). Ein Problem besteht dabei in den unterschiedlichen Betrachtungsund Herangehensweisen von Polizei und Betroffenen. Für Letztere ist klar, dass sie das Opfer der Tat sind. Die Polizei hingegen muss zunächst versuchen, die Situation unabhängig zu beurteilen. Zu ihrem Auftrag gehört es, vor Ort Beund Entlastendes zusammenzutragen. Weiterhin zählen für sie derartige Situationen eher zum Berufsalltag, während die Betroffenen mit einem einschneidenden Erlebnis konfrontiert sind (Bolick, 2010, S. 44). Weiterer Kontakt mit der Polizei ergibt sich für die Betroffenen bei eventuellen Zeugenaussagen oder der Erstattung einer Anzeige. Das geschieht meist kurze Zeit nach der Tat auf der zuständigen Dienststelle.

Sekundäre Viktimisierung kann im Umgang mit der Polizei ebenso wie im sozialen Umfeld aus Bagatellisierungen, unsensiblem Verhalten und Mitschuldvorwürfen resultieren. Ein sensibles, verständnisvolles Vorgehen ist auch unter Beibehaltung von Distanz und Sachlichkeit möglich, ebenso das Ansprechen von Widersprüchlichkeiten, ohne eine Vorwurfshaltung einzunehmen (FröhlichWeber, 2008, S. 75). Das ist vor allem im Umgang mit traumatisierten Personen wichtig, denen es mitunter schwerfällt, über das Erlebte zu sprechen, oder die sich (partiell) nicht mehr an den Vorfall erinnern (Rothkegel, 2013, S. 268). Besondere Schwierigkeiten können sich durch Sprachund Kulturbarrieren bei Opfern rassistischer Gewalt ergeben (Haupt et al., 2003, S. 61; Bolick, 2010, S. 44). Ein erhöhtes Risiko sekundärer Viktimisierung besteht im Falle von fahrlässigem oder absichtlichem Fehlverhalten der Polizei, in Form von stigmatisierendem oder beleidigendem Verhalten gegenüber den Opfern, oder wenn Einzelpersonen oder Gruppen (vermeintlich) aus dem Polizeialltag bekannt sind und als polizeifeindlich gelten oder bereits als Täter oder Täterinnen in Erscheinung traten und ihnen deswegen der Opferstatus versagt wird (Bolick, 2010, S. 45). Viktimologen empfahlen daher bereits 1986, „gerade solche Vertreter der formellen sozialen Kontrolle mehr als bisher mit der Problematik der sekundären Viktimisierung vertraut zu machen, die erfahrungsgemäß im Rahmen ihrer Alltagsroutine weniger mit den Opfern schwerwiegender Straftaten zu tun haben“(Kiefl & Lamnek, 1986, S. 252f).

 
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