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4.1.3.2 Strukturen der Wissensvermittlung im Hellenismus und deren Nachwirkung

Nach der Auflösung des Alexanderreiches hatte sich die Macht im Osten neu verteilt. Die Stadtstaaten der griechischen Halbinsel waren weiterhin von Mazedonien dominiert. Das Ptolemäerreich hatte sich auch auf die Küstenstädte Kleinasiens ausgeweitet und war damit ökonomisch und zusehends auch kulturell dominierend. Bis hin zur Auflösung eines eigenständigen Pharaonenreiches durch die Römer war es die führende Macht im östlichen Mittelmeerbereich und behielt seine kulturell dominierende Stellung auch noch bis in das zweite Jahrhundert nach Chr.. Mit dem zunehmenden Interesse Roms am Osten und den zunehmenden Anforderungen des neunen politischen Systems, für das das tradierte griechische Kulturerbe zunächst nur eine Marginalie darstellte, baute sich die kulturelle Bedeutung Alexandriens zunehmend ab. 30 v. Chr. wird es zur Hauptstadt einer römischen Provinz. Seine lokale Dominanz bleibt unangefochten, nur ist es jetzt Teil eines übergeordneten Gefüges und nicht mehr selbst das Zentrum einer sich neu versichernden Kultur.

Alexandria

ImZentrumdes antiken Alexandria lagen die kцniglichen Palдste, in deren unmittelbaremUmfeld fanden sich auch dasMuseion und die alexandrinische Bibliothek. Bei den kцniglichen Palдsten lag ferner die Begrдbnisstдtte Alexander des GroЯen und der ptolemдischen Pharaonen. Neben dem Wohnbezirk der Дgypter gab es einen Wohnbereich der Griechen, die sich so nicht integrierten, sondern ihrer sozialen Stellung entsprechend separierten. Zudem gab es ein eigenes Areal, das von einer vergleichbar groЯen Jьdischen Kolonie bewohnt wurde. Bedeutsam war der Hafen dieser Stadt, ьber den Alexandria den Reichtum Дgyptens, der diese Stadt ьber den Nil erreichte, mit Gewinn in den Mittelmeerraum exportieren konnte. Auf der Vorinsel Pharus befand sich der berьhmte 279 vor Chr. vollendete Leuchtturmder Stadt.

Dennoch blieb Alexandria zunächst zumindest die zweitgrößte Stadt des Römischen Reiches (nach Rom) und gewann ab dem 2. Jahrhundert nach Chr. dann auch erneut an Bedeutung. Diese neue Bedeutung verdankte sich aber nicht einem Aufleben der alten hellenistischen Traditionen. Zwischen dem dritten und fünften nachchristlichen Jahrhundert war Alexandria vielmehr ein Zentrum des neu erstarkenden Christentums. Geprägt wurde diese Phase durch die Patriarchen Athanasios, Kyrillos und Klemens. Diese führten etwa 100 Bischöfe und aktivierten eine eigene, auf die mystischen Traditionen Ägyptens zurückgreifende Tradition des Umgehens und der Betrachtung von Natur. Alexandria, das vormalige Zentrum analytischer Naturforschung, die Stätte an der sich eine umfassende, auch philologische Expertise aufbaute, und in der das Ideal einer mathematische fundierten Naturwissenschaft, wie es Platon formuliert hatte, seine nachhaltige Realisierung erfuhr, wirkt im dritten Jahrhundert n. Chr. in einer theosophischen Interpretation der Tierwelt, die in den Formen der Natur die Bilder und Gleichnisse des Göttlichen entdeckt. Das Museion ist als Bildungsinstitution noch greifbar, wir finden hier noch immer eine angewandt ausgerichtete Mathematik. Auch die Bibliothek von Alexandria ist im 3. Jahrhundert noch nicht zerstört, aber doch ihrer Hauptmäzene, der ptolemeischen Pharaonen, beraubt.

Im Weiteren kam es dann aber bedingt durch die Hinwendung des alexandrinischen Patriarchats zum Monophysitismus, das heißt einer im Weiteren als Irrlehre gebrandmarkten theologischen Auffassung, zu Spannungen innerhalb der Kirche, die Alexandria dann nach 500 n. Chr. auch in der christlichen Kultur marginalisierten, Allerdings war es in dieser Phase auch schon längst durch das neue Zentrum des östlichen Mittelmeeres, die Stadt Konstantinopel, in eine zweite Linie zurückgedrängt worden. So verlor Alexandria schon im dritten. Jahrhundert drastisch an Bedeutung. Schon in dieser Phase wurde die Bibliothek wiederholt durch Brände geschädigt, ohne dass die Schäden dann wirklich nachhaltig verbessert wurden. So trat Alexandria dann sukzessive selbst gegenüber kleinasiatischen Städten wie Pergamon oder Ephesus, die vor 30 v. Chr. noch direkt unter ihrer Herrschaft standen, in seiner Bedeutung zurück. Immerhin hatte das auf Grund des blühenden Hinterlandes wirtschaftlich dennoch prosperierende Alexandrien 642 n. Chr. noch gegen 300.000 Einwohner. In diesem Jahr wurde es aber von den Arabern erobert, die das Museion und die Reste der Bibliothek zerstörten und damit die Restbestände dieses antiken Kulturzentrums definitiv vernichteten.

658 vor Chr. war im Bereich des späteren Konstantinopel eine griechische Kolonie – Byzantion – gegründet worden, die durch den Schwarzmeerhandel. insbesondere den Handel mit gepökeltem Fleisch und Getreide, das etwa Athen aus der Krim importierte, schon sehr bald wirtschaftlich prosperierte, 196 v. Chr. von den Römern erobert und zerstört, wurde es dann auf Wunsch Caracalls wieder aufgebaut. Dieses Byzantium blieb zunächst eine Kaufmannsstadt. Die Erweiterungen Roms im Osten, die Verwaltung der neuen kleinasiatischen Provinzen und die militärische Sicherung der nordöstlichen Grenzen Roms machten eine stärkere Präsenz Roms im Osten des Mittelmeeres erforderlich. Byzantion mit seiner Lage am Rande des europäischen Kontinents, an der Nahtstelle zwischen Mittelmeer und dem Schwarzen Meer und nahe bei einer Fülle bedeutender Handlungsrouten, gewann hier eine Schlüsselstellung. So verwundert es letztlich nicht, dass Kaiser Konstantin 330 n. Chr. dann diese Stadt unter seinem Namen – Konstantinopel – zum neuen Rom ausrief. Struktur, Aufteilung Privilegien und Verfassungseinrichtungen dieser neuen Hauptstadt wurden dann bis ins Detail nach dem römischen Vorbild kopiert. Entsprechend intensiv wurde in die Stadt investiert. 413–439, unter Theodosus dem II., wurde die Metropole durch eine starke Mauer gesichert. Unter der Herrschaft Justinians (527–565) erlebte sie ihre Glanzzeit und zählte da dann auch etwa 500.000 Einwohner. Ab dem 7. Jahrhundert geriet die Stadt immer wieder in politische Wirren und verlor zusehends auch an wirtschaftlicher Kraft, so dass dort im 15. Jahrhundert, kurz vor der Eroberung durch die Türken auch nur mehr knapp 50. 000 Einwohner zu zählen waren. Nichtsdestotrotz bewahrte diese Stadt trotz der Verwüstungen von 1203 und 1204 durch das Heer des 4. Kreuzzuges, das der Venezianische Doge statt gegen das arabisch besetzte Jerusalem gegen das christlich beherrschte, aber dem venezianischen Handel hinderliche Konstantinopel führte, ihre Kultur. Und so erhielten sich hier bis in den Beginn der Neuzeit Tradition und Selbstgefühl der spätrömischen Antike. Diese direkte strukturelle Konstanz, die nach der Erhebung des christlichen Glaubens zur Staatsreligion in der Spätantike ja auch hinsichtlich der Tradierung des antiken Bildungsgutes ungebrochen blieb, ist gerade auch in der Darstellung der Geschichte des europäischen Naturwissens immer wieder mit zu bedenken.

Es war nicht das hellenistische Alexandria, sondern das christianisierte Konstantinopel, das derart die Kontinuität der Antike wahrte und das – aber dies wird uns erst sehr viel später noch einmal eingehender interessieren – durch seine Politik dann auch die arabische Rezeption und Tradierung der antiken Autoren und des antiken Denkens bestimmte. In der Phase des erstarkenden Konstantinopel war Alexandria auf eine zweite oder gar drittklassige Bedeutung zurückgefallen. Diese Brüche in der kulturellen Entwicklung des oströmischen Bereiches wurden nun aber auch nicht durch Entwicklungen im Westen oder eine Verlagerung der Bildungsbereiche aus dem Orient in den Okzident abgefangen. Zwar finden wir in der weiteren Wissenschaftsgeschichte auch Pergamon benannt, und wir haben noch im achten Jahrhundert über byzantinische Ärzte zu berichten, die die antike Tradition nicht einfach nur kennen, sondern aus ihr und in ihr arbeiten. Im Westen – das werden wir noch sehen – sind es dann allerdings die Trainingslager der Gladiatoren, die die Ausbildungs- und Profilierungsbereiche für die römische Ärzteschaft bilden.

Wir können also die griechisch-römische Antike zumindest strukturell nicht einfach als einen einheitlichen Raum beschreiben. Wir werden uns auch noch einmal eingehend mit dem römischen Profil der Naturwissenschaften auseinanderzusetzen haben. Wissen, das zeigen solche Bauten wie das Pantheon oder etwa die Straßen Roms, ist nicht einfach nur übernommen, es wird weiterentwickelt und zeigt sich bis hinein in die Organisation von Infrastrukturmaßnahmen als erfolgreich, innovativ und staatstragend. Wissen um die Natur ist konstitutiv für die Existenz des Riesenreiches Rom. Im Gegensatz zu den kurzfristigen Eroberungen Alexanders gewinnt und hält Rom ab dem zweiten Jahrhundert v. Chr. einen Raum weit um die eigentlichen Anrainer des Mittelmeeres hinaus, den es bis in das sechste Jahrhundert n. Chr. stabil zu halten vermag. Wissen auch im Sinne eines Wissens um die Natur der Dinge ist ein unverzichtbarer Bestandteil dieser Kultur und zeigt sich, suchen wir nicht in den Büchern der Römer, sondern in deren Produkten, in einer enormen Entwicklung. Nur – wir kennen weder originelle Autoren noch Schulen oder auch nur den Ansatz eigenständiger weitergreifender Schriften, in denen ein Fortwirken der alexandrinischen Kultur eben nicht nur als Reminiszenz, sondern in eigenen Produktionen eines mathematisch analytischen Geistes dokumentiert ist. Dies fehlt in Rom. Wir werden statt origineller Befunde zu Physiologie, Flora und Fauna Kompilate griechischer Autoren beschreiben, die in Rom referiert und tradiert werden. Wir werden uns mit sozial deklassierten Naturforschern beschäftigen müssen und Naturwissen dann im Kontext einer Ausbildung zum Rhetor verankert finden. Wir werden in Cicero einen Redner kennen lernen, der uns verdeutlicht, was mit Sprache zu erreichen ist, der in seinen Konzepten aber ebenfalls auf die griechische Antike verweist, deren Aussagen er nurmehr in neuen Formen fasst. Dabei zielt sein Ausbildungsprogramm auf die rhetorische Praxis. Wie überhaupt das Wissen in dieser Kultur nicht akademisch, sondern praktisch ausgerichtet ist. Die römische Bildung ist gleichsam marktorientiert, und sie zielt auf Produktion und Explikation, auf Umsetzung in einer Praxis.

Natürlich gibt es auch in diesem praxisorientierten Rom Repräsentationsbauten, in denen diese Kultur aufzeigte, was sie an Wissen besaß. Es sind dies etwa die Bibliotheksbauten eines Hadrians. Natürlich hat auch Rom eine umfassende Ausbildung für seine Bürger vorgesehen, insbesondere für diejenigen, die Rom und dessen Recht und Ökonomie zu repräsentieren und zu organisieren haben. Nur ist diese Ausbildung, wie wir sehen werden, dann auch an dieser Praxis, der sie dienen soll, orientiert. Rom ist zudem ein Militärstaat. Es bedarf des Heeres, um seine Herrschaft zu sichern; und das Heer, als eine staatlich gelenkte Arbeitsmaschinerie erlaubte es Rom dann auch, seine Infrastruktur aufzubauen und zu erhalten. Es ist diese andere Ökonomie, diese andere Organisation, die nicht mehr den Stadtstaat, sondern ein Weltreich zu tragen sucht, die die römische Kultur schon im Ansatz signifikant von dem griechischen Kulturbereich unterscheidet. Ägypten – unter den Ptolemäern ist – im Sinne unserer Betrachtung der strukturellen Bedingungen der Wissenschaftsentwicklung – hier in einer hybriden Situation. Es findet sich hier eine griechische Herrscherschicht, die mit griechischer Kultur eine ägyptische Ökonomie beherrscht. Sie tut dies mit Grandezza. Alexandria ist eine Metropole. Und in dieser führt sich dann auch das, was im griechischen Kernland zunächst bescheiden in Form von Schulen, die sich um einzelne Philosophen bildeten, angelegt ist, nunmehr im großen Stil weiter.

Die großen Bildungseinrichtungen des hellenistischen Griechenlandes sind zunächst die platonische Akademie und das aristotelische Lykeion. Beide finden sich in Athen, beides sind private Stiftungen, und beide leben so von der Unterstützung durch ihre Mitglieder und durch persönliches Mäzenatentum. Beides sind Bildungs- und Lehrinstitutionen und beide formieren die Traditionen des Lernens und der Lehre, die für Europa im Weiteren verbindlich werden sollten. Noch heute kennen wir die Forschungseinrichtungen der Akademien, die insoweit auf Platon zurückverweisen. Wie denn auch das Lyceum, das erst die Politik der letzten Jahrzehnte zur Auflösung brachte, unmittelbar auf Aristoteles zurückverweist. Schon 529 erklärte allerdings Justinian, per kaiserlichem Dekret, die platonische Akademie für geschlossen. Ganz bewusst beschließt er damit die strukturelle Tradition der griechisch-heidnischen Antike und setzt dagegen die neue Staatsreligion, das Christentum. Dieses Datum markiert insofern zwar eine politische, nicht aber eine wirklich tiefgehende kulturelle Zäsur. Und dennoch ist es ein Signal, zumal die Akademie nicht eine bloße Einzelinstitution markierte. Sie stand an der Spitze einer breiteren Bildungs- und Lehrtradition, die sich architektonisch in den sogenannten Gymnasien greifen lässt. Es sind dies Multifunktionsbauten, in denen Sport getrieben wurde – insbesondere dem Ringen galt große Aufmerksamkeit –, in denen aber ein breiterer Lehr- und Unterrichtsbetrieb aufrechterhalten wurde. Es gab einen Raum für Vorlesungen und Konzerte, ein Archiv, mit Urkunden zur Geschichte der jeweiligen Stadt und einzelner Bürger, sowie – zumindest teilweise – auch eine Bibliothek. Die Ausgrabungen in Pergamon zeigten, welches Ausmaß entsprechende Sport- und Lehranstalten in einer hellenistischen Stadt gewinnen konnten.[1] Diesen Bildungseinrichtungen standen nunmehr klerikale Organisationsformen gegenüber, die als Alternative zu diesen heidnischen Ausbildungsstätten Förderung gewannen, so dass sich mit der Akademie letztlich ein ganzes Bildungsprogramm vor die Tür des oströmischen Reiches gesetzt sah.

480, nachdem Athen seine führende Rolle im Aufstand gegen die Perser mit der Zerstörung der Stadt bezahlt hatte, wurde diese durch Themistokles neu befestigt, und 460 entstand die lange Mauer, die Athen mit ihrem Hafen Piräeus verband. politisch positioniert und wirtschaftlich als eine der führenden Seehandelsmächte im Aufschwung spielte Athen dann eine führende Rolle in der Gründung des attisch-delischen Seebundes, über den es seine Vormachtstellung noch auszubauen suchte. Ende des fünften Jahrhunderts beherrschte Athen den Seeverkehr von Südosteuropa und dem Schwarzen Meer zu den Küstenländern des Mittelmeeres bis an den karthagische Herrschaftsbereich. Nachdem der Seebund in den langen Jahrzehnten des peloponnesischen Krieges von 431–404 v. Chr., in dem Athen und Sparta um die Vormacht in Griechenland rangen, Bedeutung verlor, verlor auch Athen sukzessive an Macht und musste sich endlich der Landmacht Sparta beugen. Im mazedonischen Krieg gegen Philipp V. schlug sich Athen auf die Seite Roms, scherte dann sehr viel später aus der Koalition mit Rom aus und wurde dann 86 v. Chr. von Sulla erstürmt. Auf Grund seiner wirtschaftlichen Potenz behielt Athen aber eine herausgehobene Stellung. Diese besaß Athen bis in die römische Kaiserzeit. Nachdem Alexandria und die erstarkenden Städte in Kleinasien ebenso wie später das zusehends wachsende Byzanz die wirtschaftliche Vormacht Athens sukzessive eingeschränkt hatten, bewahrte es zunächst aber noch seine herausgehobene Stellung als Kulturmittelpunkt und Bildungsstätte. Nach dem politisch für Athen desaströsen Ende des peloponnesischen Krieges war um 400 das Gymnasium im Bereich der Agora gegründet worden, hier bildeten sich die ersten Philosophenschulen.

Die hier mögliche Ausbildung und das hieran wachsende Interesse markiert den Hintergrund für die eigenen Gründungen Platons und später Aristoteles', die so auf existierenden Traditionen aufbauen konnten und an eine derart schon vorstrukturierte eine Kultur der philosophisch wissenschaftlicher Diskussion anschließen konnten. Diese Institutionen begründeten den Ruf Athens, der sich trotz sukzessivem Abbau der politischen und wirtschaftlichen Potenz dieser Stadt bis in das römische Kaiserreich hielt. Das markiert nicht zuletzt der Bibliotheksbau in dem Kaiserforum des Hadrian, der diesen Ort, Athen und nicht Alexandria, für eine Demonstration kultureller Kontinuierung wählte. Hier konnte Athen dann wieder gegen Alexandria punkten, das nach der Deklassierung Ägyptens zu einer römischen Kolonie eben auch seine kulturelle Autonomie verloren hatte und politisch integriert in das Weltreich Roms eben auch seine kulturelle Zentralstellung eingebüßt hatte. Doch blieb das freie Athen der vorhellenistischen Zeit auch unter diesen Bedingungen eben nur Erinnerung. Wirtschaftlich von lokaler Bedeutung, war es schon in der Zeit des Hellenismus in eine Randlage gelangt: Zunächst Alexandria und später Konstantinopel setzten Athen wirtschaftlich und kulturell in die zweite Reihe zurück. Nichtsdestotrotz hielt es – selbst nach Schließung der Akademie durch Justinian – seinen Ruf als Kulturstadt, wenn es im 6. Jahrhundert wirtschaftlich dann doch sehr rasch auf den Rahmen einer Provinzstadt zurückfiel und so selbst hinter Korinth und Theben zurückstand. Die Besiedlung der Stadt grenzte sich in dieser Zeit auf den Nord- und Osthang der Akropolis ein.

Platons Akademie befand sich im Nordwesten vor den Mauern Athens nahe bei einem Heiligtum des attischen Heros Akademos. Gegründet wurde sie zwischen 387 und 361 v. Chr. und sofort nach einem strikten Reglement organisiert. Ihrer rechtlichen Form nach war sie ein privater Kultverein zu Ehren der Musen. Schulvorsteher war zunächst Platon. Als solcher war er dem Staat Athen für die Schule verantwortlich. Er bestimmte dann allerdings auch die die Richtlinien für die Lehre und den Lebensstil der Schulangehörigen. Ihm unterlag die Entscheidung über die Aufnahme und den etwaigen Verweis von Schülern. Die Schule kennzeichnete sich zwar durch eine große Freiheit in der Diskussion und der Kritik an der Lehre auch des Schulvorstandes aus, allerdings durften dadurch nicht die Grundsätze des Lehrprogramms in Frage gestellt werden. Ein Mitglied der Schule, das dieses tat, schloss sich aus und wurde wohl auch der Schule verwiesen.

Schulangehörige waren im strengen Sinne nur jene, die sich entschlossen, ihr Leben der philosophischen Arbeit und Lehre im Sinne der Akademie zu widmen. Neben der Forschung und Diskussion in der Schule konnten sich Schulangehörige mit Erlaubnis des Schulleiters auch staatlichen Missionen wie Gesandtschaften zur Verfügung stellen. Platon selbst hatte seinen Nachfolger in der Schulleitung noch testamentarisch bestimmt, dessen Nachfolger wurde dann durch die Schulangehörigen gewählt.

Die materielle Grundlage der Schule gab zunächst Platons Grundbesitz. Später folgten weitere Stiftungen und stattliche Zuwendungen, wobei das bedeutende Privatvermögen Platons zunächst als Finanzierungsgrundlage ausgereicht haben dürfte. Der Komplex der Akademie bestand aus Parkanlagen, Räumen für die Diskussion, Bibliothek und Wohnungen für den Schulleiter und derjenigen Schüler, die nicht in Athen selbst eine Wohnung besaßen. 87 v. Chr. wurde die Akademie während der Belagerung Athens durch Sulla schwer beschädigt, danach aber wieder aufgebaut und erst 529 n. Chr. durch Erlass des Kaiser Justinian geschlossen.

Das Lykeion wurde um 355 v. Chr. von Aristoteles gegründet. Es entstand als eine Abspaltung von der platonischen Akademie. Organisatorisch war es nach der platonischen Akademie aufgebaut. Allerdings waren die Grundlagen ihrer Philosophie entsprechend der Konzeption des Aristoteles variiert und bezogen insbesondere auch die empirische Forschung in einer der Akademie unbekannten Weise mit ein. Die ersten Schulleiter waren nach Aristoteles dessen Schüler Theophrast und danach Eudemos von Rhodos. Mit Straton von Lampsatos erreichte das Lykeion in der hellenistischen Epoche noch einmal große Bedeutung. Schon gegen 300 v. Chr. geriet das Lykeion aber in eine Krise, entfaltete jedoch – nicht zuletzt auf Grund der umfassenden und raschen Rezeption der Werke des Aristoteles, als dessen Sachwalter sich das Lyzeum verstand – eine große Ausstrahlung. Als Mitglieder finden wir im 3. und 2. Jahrhundert v. Chr. dabei aber nicht nur Philologen und Philosophen, sondern auch Forschungsreisende, Naturforscher, Techniker und Historiker. Im 1. Jahrhundert v. Chr. wurde das Lehrprogramm des Lykeions dann auf der Grundlage der stoischen Philosophie neu ausgerichtet. Bedeutung erlangte hier insbesondere Andronikos v. Rhodos. Dabei wuchs die Tendenz, die Differenzen zwischen Akademie und Lykeion nunmehr nur als Variationen einer letztlich doch einheitlich zu interpretierenden Theorie zu deuten. In der römischen Kaiserzeit kommt es dann zu einer kritischen Ausgabe der Aristotelischen Werke, die insbesondere seine für die Rhetorikausbildung in Rom kanonisierten Arbeiten zur Logik mit Kommentaren und Paraphrasen verfügbar halten. Im 4. Jahrhundert erlischt diese Schule dann allerdings.

Das Museion in Alexandria war eine Gründung der Ptolemäer, die auch als Mäzen diese Einrichtung und die mit ihr verbundene Bibliothek massiv unterstützten. Organisation und Reglement des Museions war am Vorbild der platonischen Akademie angelehnt.

Abb. 4.25 Rekonstruktion des Gebäudekomplexes des Museion in Alexandria

Der Gebäudekomplex in Alexandria war mit den Königspalästen verbunden, im Brucheion untergebracht und beherbergte zahlreiche Gelehrte und Künstler aller Gebiete, die dort gemeinsam lebten und arbeiteten (Abb. 4.25). Sie bildeten – analog der Konzeption des Platon – einen religiösen Verein unter Leitung eines vom Pharao benannten Priesters und durften sich dann im Alltag in Freiheit ihrer Forschung widmen. Dabei wurden von Anfang an die Überlieferungen der Texte sicherzustellen gesucht, so dass sich sehr rasch eine philologisch-historische Schule bildete, in der die verschiedenen Texte gesammelt, ggf. kritisch kommentiert und zum Teil auch neu ediert wurden. Dabei ergänzte sich die Arbeit des Museios dann aber auch um praktische Bereiche. Zum einen war durch die beschäftigten Künstler und die Handwerker in Alexandrien direkt auch praktisches Wissen verfügbar, zum anderen wurden entsprechende Arbeiten aber auch direkt ermuntert. Anscheinend gab es Räume für experimentelles Arbeiten, belegt sind zumindest Räume für Sektionen und physiologische Experimente.

Von Ptolemaios I. 280 v. Chr. in Alexandrien gegründet, kam das Museion unter Ptolemaios II. zu einer ersten Blüte und konnte dann auch nach der Eroberung Ägyptens durch Rom unter Augustus noch einmal prosperieren. Bei den Unruhen zur Zeit des Caracalla wurden Museion und Bibliothek jeweils 269 und 272 nach Chr. verwüstet; in dieser Phase erfolgte noch ein umfassender Wiederaufbau. Die erneute Zerstörung um 389 leitete dann

Abb. 4.26 Rekonstruktion der alexandrischen Bibliothek

aber einen weiteren Verfall ein. Definitiv beendet wurde die Arbeit des Museions und der Bibliothek 642 n. Chr. bei der Eroberung Alexandriens durch die Araber, die diese Kulturstätten der Antike ganz bewusst in Brand setzten.

Die Bibliothek in Alexandria umfasste in ihrer Blütezeit etwa 400.000–500.000 Buchrollen, das entspricht etwa 100.000 Büchern; dies waren Sammlungen von Pergamentschriften und zu einem großen Teil aber auch Papyrusrollen (Abb. 4.26). Angeschlossen an die Bibliothek etablierte sich im Museion sehr bald auch eine philologische Expertise. Schon früh kam es zu kritischen Textausgaben der Arbeiten von Homer und Hesiod, später dann auch der Schriften des Aristoteles sowie zur Publikation von Lehrbüchern wie den Elementen des Euklid. Hier entstand mit der berühmten „Pinakes“ des Dichterbibliothekars Kallimachos auch die erste Bibliographie der griechischen Literatur. Im Gegensatz zur Akademie und zum Lykeion war das Museion nun aber keine Lehr-, sondern eine Forschungseinrichtung.

Überliefert sind uns die Leiter dieser Einrichtung bis zur Zeitendwende. Es waren:

• Zenodontos von Ephesos,

• Appolonios von Rhodos,

• Eratosthenes aus Kyrene,

• Appolonios von Alexandrien,

• Aristophanes aus Byzantion und

• Aristarchos von Samothrake.

Museion, Lykeion und Akademie waren die zentralen Bildungseinrichtungen der Antike. Natürlich gab es immer wieder Schulbildungen und Tradierungen, die unabhängig und parallel zu diesen Bildungs- und Forschungsstätten entstanden, doch fehlte ihnen mit Ausnahme vielleicht der Medizinerschule auf Kos, die wir noch zu betrachten haben, die Nachhaltigkeit der benannten Zentren. Zudem waren nur diese drei Einrichtungen in dem umrissenen breiten Sinne Forschungs- und Lehreinrichtungen, in denen ein ganzes Wissenschaftsprogramm behandelt wurde.

Allerdings bestand in hellenistischer Zeit auch eine große Bibliothek in Pergamon, die zur Zeit des Markus Antonius einen Bestand von etwa 200.000 Buchrollen aufgewiesen haben soll, sie hatte damit also knapp 2/5 der Größe der alexandrinischen Bibliothek.[2] Auch hier handelte es sich um eine durch das Königshaus, unter der Herrschaft von Eumenes II. (Herrschaft von 197–159 v. Chr.) massiv ausgebaute Bibliothek, die Pergamon für Gelehrte und Künstler interessant machte und so an den Königshof band. Zudem bestand eine Bibliothek in der Residenz der makedonischen Könige in Pella. Kleinere Bibliotheken gab es zudem an Schulen der verschiedensten Ausrichtungen, auch im Bereich der Elementarausbildung oder eher technisch orientierter Ausbildungsstätten. Augustus eröffnete 28 v. Chr. eine griechisch lateinische Doppel-Bibliothek, die Palatina, und seinem Beispiel folgten eine Reihe römischer Kaiser. Dabei blieben diese Bibliotheken Einrichtungen, die die Sammlung von Literatur mit einer Forschungs- und Lehrstelle verbanden. Diese Organisation war kennzeichnend für die zentralen Wissenschaftseinrichtungen der Antike. In Rom wurde der Polyhistor Terentius Varro (116–27 v. Chr.) zum Bibliothekar der ersten öffentlichen Bibliothek Roms berufen. Größere Bibliotheksbauten errichtete wie erwähnt noch Hadrian in Athen, nicht aber in Rom. Allerdings besaßen gebildete Römer zur Zeit Ciceros eine Privat-Bibliothek. Bedeutung erlangte aber insbesondere die spätere Kaiserliche und Patriarchats-Bibliothek in Konstantinopel, die über knapp ein Jahrtausend, nach dem Ausruf Konstantinopels zum neuen Rom bis zu dessen Eroberung durch die Türken, das Erbe der griechisch-römischen Antike dokumentierte. Vergleichbares fehlte im Westen. Die Kultur der Antike verblieb strukturell im oströmischen Reich verhaftet, wurde allerdings von christlichen Strukturen überformt, dennoch entwickelte sich hier, insbesondere in praktischen Bereichen wie der Medizin, die antiken Traditionen weiter.

  • [1] W. Radt, Pergamon. Geschichte und Bauten einer antiken Metropole. Darmstadt 2011, S. 113–146
  • [2] Antonius verschenkte als Herrscher des Orients diese Bibliothek 41/40 v. Chr. an Kleopatra
 
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