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2.5 Folgen von Gewalterfahrungen

Obwohl die Tatmotive bei rechter Gewalt in der Weltanschauung der Täter oder Täterinnen zu suchen sind und Betroffene für ihr Leiden in Folge der Viktimisierung nicht verantwortlich sind, tendieren Gewaltopfer dazu, auf der Suche nach Erklärungen und Ursachen nach Schuld in der eigenen Person zu suchen. Gerade die scheinbare Irrationalität rechter Gewalt lässt Betroffene umso rastloser nach Gründen der Gewalterfahrung fragen. Dabei hängt es entscheidend von der Art und Weise des Umganges durch Erstkontakte (oft die Polizei) und das nahe soziale Umfeld (zum Beispiel Familie, Freunde und Freundinnen, Kollegen und Kolleginnen) sowie von der Verfügbarkeit professioneller Unterstützung ab, wie das Gewaltopfer die eigene Viktimisierung interpretiert und verarbeitet: Ob dem Opfer die Schuld oder eine Mitschuld an einer Gewalterfahrung vermittelt wird, hat Einfluss auf sein Selbstbild und Verhalten nach der Tat. Weil weltanschauliche Tatmotive oft wenig greifbar sind, besteht die Gefahr, Eskalationsgründe im Verhalten der Opfer zu suchen. Die Gefahr sekundärer und tertiärer Viktimisierung bei Opfern rechter Gewalt ist daher besonders groß. Dies erfordert vom sozialen Umfeld und den fallrelevanten Akteuren ein hohes Maß an Sensibilität. Für die Beratungspraxis für Opfer rechter Gewalt steht dieser Aspekt im Vordergrund: Betroffene werden „nicht aufgrund individueller Faktoren, sondern wegen ihrer Zugehörigkeit zu bestimmten ethnischen, kulturellen, sozialen oder politischen Gruppen Opfer von gruppenbezogener Gewalt“ (Thüringer Hilfsdienst für Opfer rechter Gewalt, 2009, S. 16). Weiterhin werden Betroffene zumeist unverhofft zum Opfer. Das heißt, der Tat gehen keine Provokationen seitens des Opfers voraus, sie geschieht nicht aufgrund persönlicher Differenzen oder Interessenkonflikte, sondern basiert auf Ungleichwertigkeitsvorstellungen aufseiten der Täter und Täterinnen.

Abbildung 1 Prozessmodell nicht begleiteter rechtsmotivierter Viktimisierung

Das heuristische Prozessmodell in Abbildung 1 verdeutlicht die Folgen nicht begleiteter Viktimisierung von schwachen Gruppen in der Gesellschaft. Mit der primären Viktimisierung – der Opferwerdung einer Person, einer Gruppe oder Organisation durch einen oder mehrere Täter (Kiefl & Lamnek, 1986, S. 170) – wird das Opfer direkt geschädigt. Zudem können sekundäre und tertiäre Viktimisierungen eintreten. Mit der Tat wird zudem eine Botschaft der Einschüchterung an diejenige soziale Gruppe kommuniziert, welcher der oder die Betroffene durch die Täter oder Täterinnen zugerechnet wird (beispielsweise Asylsuchende, Punks …). Gesellschaftlich werden die Gleichwertigkeit der Menschen sowie ihr universelles Recht auf Unversehrtheit infrage gestellt.

Zusätzlich sind auch die Reaktionen der von der Gewalttat provozierten Akteure entscheidend: Wie geht der oder die Betroffene mit der Viktimisierung um? Wie nimmt die durch die Tat viktimiserte Gruppe den Angriff auf? Wie reagiert die Gesellschaft auf die Verletzung verfassungsmäßiger Rechte von Individuen? Art und Weise des Umganges können die individuellen, kollektiven und sozialen Negativfolgen der Gewalttat im Weiteren abschwächen oder verstärken. Entsteht bei dem oder der Betroffenen und dessen sozialer Gruppe der Eindruck, allein gelassen zu werden und mit der Tat unter der schwebenden Drohung der Wiederholung selbst fertig werden zu müssen, kann dies dazu führen, dass das Vertrauen in die Gesellschaft schwindet und Betroffene Möglichkeiten zum Selbstschutz suchen, beispielsweise indem sie sich bewaffnen. Eine Eskalation von Konfrontationsgewalt aufgrund mangelnder Opferunterstützung als Ausdruck der „Mängel in der staatlichen Rechtsextremismusbekämpfung“ (Roth, 2010, S. 29) ist eine mögliche Folge. Durch versagte Unterstützung oder die Erfahrung negativer Diskriminierung im Nachtatsbereich kann ein Keil zwischen Opfer, deren soziale Gruppe und die Gesellschaft getrieben werden, indem Differenzen betont und Machtgefälle verfestigt werden. Wird dies durch potenzielle Täter und Täterinnen entsprechend wahrgenommen, fühlen diese sich in der Selbstwahrnehmung als Vollzieher der Mehrheitsmeinung bestätigt und im ärgsten Fall zu (weiteren) Taten motiviert. Unterbrochen werden können dieser Kreislauf und das Leiden der auf diese Weise Ausgegrenzten durch die Aufhebung des Machtverhältnisses zwischen jenen, die sich aufgrund ihrer (vermeintlichen) Machtposition zur Abwertung, Unterdrückung und Schikane berechtigt und befähigt sehen und jenen, die nicht als gleichwertig anerkannt werden. Es wird hier die These vertreten, dass je stärker die soziale Unterstützung und Solidarität ist, welche die Betroffenen erfahren und je entschiedener rechte Gewalt geächtet wird, desto effektiver können negative Folgen vermieden und das Ausmaß rechter Gewalt langfristig reduziert werden.

 
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