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4.2.2 Messtechniken und Modelle: Das Räderwerk von Antikythera

Es sind im Wesentlichen die Schriften, die uns über das Wissen und die Wissenschaftspraktiken der Griechen orientieren. Schon die Illustrationen in den Handschriften sind dabei für eine Rekonstruktion der seinerzeitigen Anschauungen problematisch, dass sie über Jahrhunderte immer wieder neu umgeschrieben wurden und wir nur in seltenen Fällen, wie etwa bei dem Wiener Dioskurides-Exemplar, zumindest spätantike Originale besitzen. Il-

Abb. 4.51 Armillarsphäre – Darstellung in einem römischen Mosaik

lustrationen von wissenschaftlichen Geräten oder gar Funde dieser Geräte sind sehr selten. Einzelne dieser Funde erlauben uns aber zumindest einige Angaben. Schon in der Analyse des Tunnelbauprojekts des Eupalinos mussten wir erkennen, dass die wissenschaftliche Praxis, das heißt die Umsetzung dessen, was wir teilweise nur mühsam aus Fragmenten rekonstruieren können, ausweist, dass wir dabei in Vielem doch an der Oberfläche kratzen und uns somit selbst dort, wo wir ein etwaiges Bild aus den Texten gewinnen, das, was an technischen Erfordernissen und Umsetzungen realisiert war, eine noch viel stärkere Bedeutung des Wissens und der Wissenschaften für die Kultur der Antike ausweist als es die im Letzten doch spärlichen schriftlichen Fragmente darstellen.

Um 1900, etwa, wurden in der Ägäis nahe der Insel Antikythera bronzene Teile aus einem römischen Schiffswrack geborgen, die dann ins Athener Nationalmuseum überführt wurden. Dort entdeckte der Archäologe Valerios Stais 1902 in einem Klumpen aus korrodiertem Material ein Zahnrad. Er identifizierte einen aus Bronze hergestellten Rädermechanismus, der wahrscheinlich ursprünglich von einer Holzummantelung umgeben war. Nun war das Zahnrad als Erfindung bekannt, wenn auch diese fragile Einbindung in einen komplizierten Mechanismus so unerwartet war. Das, was hier vorliegt, ist nach den über Jahrzehnten erfolgten Rekonstruktionen ein wissenschaftlicher Apparat, ein Uhrwerk, das als eine Art von Analogrechner zu verstehen ist, mit dem die Bewegung der Himmelskörper zu berechnen ist. Dieses Räderwerk wäre also ein Planetarium, wie es Cicero von Archimedes beschrieben hat (Abb. 4.52). Das Erstaunliche an dieser Konstruktion ist nun, dass dieses Gerät ein Differentialgetriebe enthält, wie es Anfang des 19. Jahrhunderts in England zum Patent angemeldet wurde.

In den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts wurde das Gerät eingehend untersucht und hierzu auch geröntgt, um den Mechanismus darstellen zu können. Danach handelt es sich

Abb. 4.52 Das Räderwerk von Antikythera

um ein Räderwerk, das teilweise beschriftet ist. Es besitzt zwei Skalen, eine von ihnen ist fest angebracht und gibt den Tierkreis wieder. Die andere befindet sich auf einem beweglichen Ring und gibt die Monate des Jahres wieder. Jede von ihnen ist sorgfältig in Gradzahlen unterteilt. Das Frontblatt ist exakt über dem Hauptantriebsrad eingebaut, welches dem Anschein nach den Zeiger in einer Art exzentrischer Trommel bewegte. Dieses Zifferblatt zeigte offensichtlich die jährliche Bewegung der Sonne im Tierkreis. Die Bedeutung einiger Buchstaben der Inschrift auf der Tierkreiszeichenskala, übereinstimmend mit anderen Buchstaben auf der Kalenderplatte, zeigt, dass das Frontblatt zudem die Auf- und Untergänge der hellen Sterne sowie deren Konstellationen über das Jahr hindurch anzeigte. Die Zifferblätter auf der Rückseite sind komplexer und unleserlicher. Das untere besitzt drei

Abb. 4.53 Fotografie des Räderwerks von Antikythera

bewegliche Ringe, das obere vier. Jedes hat ein kleines Zusatzzifferblatt. Jedes der großen Blätter ist mit Linien – ca. alle 6 Grad – unterteilt, und zwischen den Linien befinden sich Buchstaben und Ziffern. Es scheint, dass diese Skala die Mondphasen und die Zeiten von Mondaufgang und Monduntergang darstellte. Ferner finden sich Informationen zu den Positionsdaten der den Griechen bekannten Planeten.

Die Untersuchungen ergaben zudem, dass das Gerät auch tatsächlich in Betrieb war. Man fand zwei Stellen im Getriebe, die repariert worden waren. So ist etwa ein Zahn ersetzt worden. An anderer Stelle wieder war die Speiche eines Zahnrades ersetzt worden.

Nach mehreren Nachuntersuchungen, die dann auch zu mehreren Rekonstruktionen des Gerätes führten – eine davon befindet sich im mathematisch-physikalischen Kabinett in Kassel (Abb. 4.53) – wurde zwischen 2005 und 2006 der Mechanismus noch einmal genau, unter anderem auch tomographisch, untersucht. Ein wichtiges Ergebnis dieser Untersuchung war die Entdeckung einer geschriebenen Gebrauchsanweisung, die auf den Zahnrädern des Gerätes eingeritzt ist. Der Mechanismus stammte aus dem ersten vorchristlichen Jahrhundert und wäre nach ersten Vermutungen auf der Insel Rhodos vom griechischen Astronomen Poseidonios konstruiert worden.

 
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