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4.3 Medizin in der griechisch-römischen Antike

Noch einmal führt uns die Geschichte zurück in den Beginn des naturphilosophischen Denkens der griechischen Antike. Wir hatten verfolgt, wie sich das naturphilosophische Denken zusehends von den überkommenen Denkmustern der Mythologie ablöst, sein eigenes Vorgehen systematisiert und als Verfahren reflektiert. Zugleich werden damit Berechnungsverfahren als Operationen begriffen, in denen ein Zahlenraum erschlossen und damit Bezüge zwischen Naturgrößen in einer ganz neuen Weise betrachtet wurden. Im Resultat gewinnen sich damit die Bestimmungen des Mathematischen, nach denen wir bis heute Naturordnungen kennzeichnen und so dann auch die Größen definieren, in denen wir Naturdinge bemessen.

Damit wurde nun aber nicht das gesamte Naturwissen auf eine Darstellung solch mathematischer Relationen reduziert. Vielmehr bleiben, unabhängig von dieser Entwicklung, die tradierten Kenntnisse, die wir schon in der Darstellung des Magischen skizzierten, erhalten: Der Wissensfundus eines Schamanen kann durch die Darstellung einer möglichen Systematik des etwaig von ihm gesammelten Wissens ja nicht einfach ersetzt werden. Diese Systematik gibt aber einen neuen Rahmen, in dem Wissen um Verfahren, Praktiken, Therapien und Techniken nun ggf. in einen neuen Kontext eingebunden wird. So verliert sich denn auch dieses Wissen nicht in der Mathesis Platons, er fordert vielmehr – wie wir noch sehen werden – das tradierte Einzelwissen eben nur neu zu ordnen und damit auch neu zu bewerten. So ist dann neben dieser Entwicklung, in der die Naturreaktionen als Größen bemessen, derart dann aufeinander bezogen und so in ihren Gesetzmäßigkeiten beschrieben werden, auch eine Tradition des Erfahrungswissens zu kennzeichnen, in der Befundungen, Praktiken und Fertigkeiten vermittelt, systematisiert und weiterentwickelt wurden. Und so können wir in der Naturkunde eine Traditionslinie nachzeichnen, in der unabhängig von den Bestimmungen neuer Wissenszusammenhänge das aufgehäufte Einzelwissen weitergegeben wurde. Dabei blieben die Bereiche, in denen es darum ging, Handlungen auszurichten und die so am Handlungserfolg zu bemessen waren, für diese Art tradierter Wissensbestände besonders interessant. Für diesen Bereich einer Sicherung der deskriptiven Wissensbestände steht die Medizin. Hier zählt der Therapieerfolg, nicht die Organisation der tradierten Wissensbestände.

Dabei weist die Medizin mit dem in ihr tradierten Erfahrungsschatz zurück in die Zeit des Mythos. Allerdings ist der spätere Gott der Heilkunde, Asklepios, bei Homer noch ein

bloßer Held, wenn auch zugleich ein trefflicher Arzt. Zu Homers Zeiten war demnach der Heiler eben kein Schamane mehr. Dass die Geschichte sich dann im Nachhinein in einen neuen Mythos einband, zeigt nur, dass wir vorsichtig sein müssen, die hier gespannten Linien hin zu einer zunehmenden Systematisierung und Rationalisierung der Wissensbestände absolut zu nehmen. Wir streifen hier eine vielfältig angelegte Kultur, die zum einen in bestimmten Eliten die hier nachzuzeichnende Diskussion um Wissen und Wissenschaften über Jahrhunderte forttrug, die aber, zum anderen, fortlaufend neue kulturelle Einflüsse integrierte, selbst in verschiedenen politischen Konstellationen teilsweise komplette Machtumschichtungen und damit auch neu gesetzte Schwerpunkte strategischer, ökonomischer und religiös weltanschaulicher Ausrichtungen erfahren musste.

Der schon vorab betrachtete Bereich um die Ägäis, mit seiner zunächst eher lokalen Ausrichtung in der politischen Organisation von Stadtstaaten, die sich mit ihrer Kultur nur durch eine massive ökonomische Präsenz behaupten konnten – und dies gewährte ihnen ihr Handel – steht da in einer Ausnahmestellung. Durch den Handel sowieso mit dem gesamten Mittelmeerraum und dem Hinterland in Kleinasien verbunden, sind für diese Kulturbereiche politische Umschichtungen weniger bedeutsam. Erst dann, als die lokalen Ökonomien sich zunehmend in ein eben auch ökonomisch zentriertes politisches Gefüge zu integrieren hatten, ändert sich dies. Dieser Einschnitt kam mit dem Ende der Republiken Griechenlands, nach dem Selbstzerfleischen dieser Kultur im peleponnesischen Krieg. Im Gegensatz zu den Persern, für die der Küstenbereich des Mittelmeeres eher periphere Bedeutung hatte, verzahnten sodann die Römer die Städte in auch diesem Bereich nach den Anforderungen ihrer auf Rom ausgerichteten Ökonomie und Logistik. Dabei definierte sich Rom zumindest ab dem Ende der Republik kulturell als Nachfolger des von ihm politisch gleichgeschalteten Griechenlands, blieb aber selbst ohne wirklich eigenständige Entwicklungen. Vielmehr entlehnte Rom, ggf. durch Raub oder auch durch Kauf und Kopie, seine Kulturgüter der griechischen Kultur. Das zeigen nicht nur die Fülle der Kopien von griechischen Plastiken und die Zitate griechischer Architekturen; dies zeigt sich auch darin, dass Rom zwar die Kultureinrichtungen in Athen und Alexandria erhielt, aber seinerseits in Rom selbst nichts Gleichwertiges und Eigenständiges aufzubauen suchte.

Rom adaptierte und band ein, formte aber keine wirkliche Synthesen der übernommenen Kulturen. Das Pantheon in Rom gibt ein direktes Zeugnis dieser Art, Kulturen zu integrieren. Hier fand sich eine Vielfalt von Altären für die verschiedensten Religionen. Und in dieser Vielfalt gab es, gleichsam als Sicherung gegenüber den noch nicht einverleibten Territorien, selbst einen Altar für einen noch unbekannten Gott. Dieser Altar und überhaupt dieser heilige Raum eines Nebeneinanders tolerierter religiöser Praktiken sind symptomatisch für die Kultur Roms in der beginnenden Kaiserzeit. Nicht dass damit eine später verlorene weltanschaulich/religiöse Toleranz dingfest zu machen wäre. Rom bestand auf seinem Staatskult; es tolerierte das Andere, solange es sich unterordnete und verfolgte die Weltanschauungen, die sich eigenständig neben dem Staatskult behaupten wollten. Das Wort „gebt dem Kaiser was des Kaisers ist“, (Mk 12,15 ff.) mit dem Christus selbst auf die Frage reagierte, ob dem römischen Kaiser nicht aus religiösen Gründen die Kopfsteuer zu verweigern sei, genügte Rom eben nicht. Das spürten vorab schon die Juden und dies lernten die Christen dann auch nur zu bald, im Rahmen der Christenverfolgungen, kennen.

Im Rahmen dieser Verfolgungen wehrte sich die Kultur Roms gegen das Andere, das sie zu überformen schien. Es war nicht die souveräne Haltung des sich kulturell überlegen Denkenden, die sich hier zeigte, es wird vielmehr deutlich, dass sich hier Staatlichkeit, im Sinne eines Macht- und Deutungsmonopols, machtpolitisch und nicht im Diskurs sichert.[1] Das ist dann nicht mehr die Atmosphäre der unabhängigen Eliten des vormaligen Griechenlands. Das ist aber zugleich auch ein Zeichen für eine umfassende Änderung der Dimension, in der sich eine Kultur in einer Gesellschaft einbindet. Diese war in Rom äußerst heterogen. Die Dominanz eines Stadtstaates über ein Weltreich war politisch gesehen riskant und nur durch eine strikte Sicherung der ökonomischen und machtpolitischen Dominanz Roms auch nur mittelfristig zu gewährleisten. Roms Eliten waren schon mangels Masse in Gänze in diese Sicherungspolitik eingebunden. Dies umso mehr, als die Struktur des Römischen Reiches, nicht zuletzt auch aus ökonomischen Gründen, auf Expansion angelegt war. Das galt nicht nur, um eine Befriedung der Grenzen aufrechtzuerhalten. Das galt auch, um etwa den notwendigen kontinuierlichen Nachschub an Sklavenarbeitern zu gewährleisten, die die auf Wachstum eingestellte römische Ökonomie benötigte. Dass diese Kopplung von Expansion und Sicherungsbestrebungen wechselseitig eskalierte, bedeutete auch, dass der Freiraum für Roms Eliten immer geringer wurde. Die Sicherung des erhaltenen Status erzwang eine Ausweitung der vorhandenen Ordnungsstrukturen und erlaubte so auch in der Peripherie des Römischen Reiches, in dem die Zentralmacht ja nur in ihren administrativen und militärischen Organisationen greifbar war, eine fortwährende Sicherung der Autorität Roms. Rom verkörperte sich in dieser Administration und im Militär. Träger solcher Identität war nun aber nicht einfach eine numerisch bescheidene Elite, sondern vergleichsweise breite Bevölkerungsschichten. Der römische Zenturio, der zum Schluss mit einem Landgut in Gallien belehnt wird, verkörpert diese römische Identität. Die Idee des römischen Bürgers, der als Administrator in den Provinzen fungierte, sich in seinen Wurzeln aber immer wieder in Rom zurückband, dorthin seinen Sohn zur Erziehung sandte und sich damit in Rom und seinen Repräsentanten wiederfand, band diese römische Kultur in weite Bevölkerungsschichten ein. Rom war in diesem Sinne auch in seiner Kultur populär. Es war nicht das ausgearbeitete System einer archimedischen Physik, die dabei als Kultur Roms verstanden wurde. Wohl aber waren es die Konsequenzen solch einer Physik, die sich in den Konstruktionen der Aquädukte, der Logistik der römischen Heeresversorgung und den landwirtschaftlichen Produkten Roms zeigten. Der Moselwein – als römisches Exportprodukt – wird so zu einem nachhaltigen Signum römischer Kultur. Stil und Hygiene, Raumplanung und Weltsicht sind die Foren, in denen sich diese Kultur äußert. Diese Kultur wird eben nicht mehr nur eingegrenzt, in einem Planungsstab, einer Schule oder einem – wie wir es heute nennen würden – akademischen Korrespondenzkreis kultureller Eliten, verhandelt. Sie ist ein überall verfügbares Moment, mit dem allgemein umzugehen ist, und das so für die Masse der Bewohner des Römischen Reiches auch anschaulich wird. Damit schreibt sich in Rom, nehmen wir dessen Staatsinteresse und die sich an ihm ausrichtende Kultur des Wissens ernst, die Wissenschaftsgeschichte, die wir in Athen beginnen ließen, in ganz anderen Formen fort.

Rom konserviert nicht nur einfach die vormalige griechische Kultur. Es setzt sie in einer neuen Form um und macht die Formen des griechischen Denkens so in seinem Staat verbindlich. Schon die griechische Stadtkultur war sozial durch ein hierarchisches System, mit Sklaven, einfachen Bauern und einer Abstufung sozialer Positionen, bestimmt. An deren Spitze stand eine vergleichsweise kleine Gruppe miteinander versippter Eliten. Rom wird diese Abstufung später noch ausweiten. Die sozialen Unterschiede werden mit wachsender Größe der Staatssysteme zusehends krasser. Neben den Sklaven finden wir unterworfene Völker mit nur mehr abgestuften Rechten. Römischer Bürger zu sein, war in diesem sozialen Gefüge zur Kaiserzeit die Auszeichnung für einen Angehörigen eines unterworfenen oder verbündeten Volkes. In Rom selbst herrschte dabei eine extreme soziale Hierarchie. Die Masse der Lohnarbeiter, die als Klientel für die herrschenden Familien Roms käuflich war, stellte das Volk Roms. Das bekannte Wort von „Brot und Spielen“, mit denen diese Familien ihre Klientel bedienten und an sich banden, zeigt die Heterogenität einer Kultur, die auf dieser öffentlichen und zugleich politisch enorm bedeutsamen Ebene fern von der kulturellen Differenziertheit der hier nachzuzeichnenden Entwicklung stand. Adoptiert wurden hier bestenfalls Praktiken, Erfolge und Moden.

Sozialer Aufstiegsraum und der Bereich, in dem diese grob skizzierte soziale Hierarchie zumindest in Grenzen zu überbrücken gelingen konnte, war das Militär. Das galt, wenn auch in Grenzen, schon für das Heer Alexander des Großen. In der römischen Zeit war es allein das Heer, in dem auch ein einfacher Bürger zumindest in Grenzen auf einen sozialen Aufstieg hoffen konnte. Dass dieser Aufstieg dann ggf. in der Zuweisung eines Landstriches in einer der Grenzregionen Roms resultierte und der so belohnte Römer seine Familie so fern von der kulturellen Zentrale zu gründen und sozial zu konsolidieren hatte, steht auf einem anderen Blatt. Deutlich wird dabei schon in dieser kurzen Skizze der sozialen Bedingungen der antiken Kultur deren Heterogenität und – was die von uns betrachteten Leistungen anbelangt – auch deren Exklusivität.

Natürlich sind es in diesem Gefüge dann Praktiken, die allgemein verfügbar werden, dies betrifft im römischen Reich vor allem die Technik und auch Fragen der Organisation und der Infrastruktur, in der sich diese Kultur bestimmt und auf Grund der erreichten Leistungen für jeden augenfällig von den Leistungen der Barbaren abhebt. Die Darstellung des Archimedes schon in der römischen Tradition zeigt, wie hier nachhaltige Aufmerksamkeit erlangt wurde. Doch selbst bei den direkt praktischen Momenten einer Wissenskultur müssen wir beachten, dass die soziale Schichtung und die geographisch nachzuzeichnende Isolierung der im Nachhinein bedeutenden Kulturträger eben nicht zu einem breiten Bewusstsein um die Bedeutung etwa der philosophischen Entwürfe eines Aristoteles führte. Wir mussten hier sehen, dass er in seiner Zeit vor allem als Parteigänger des Alexander bewertet wurde und so nach dessen Fall auch aus Griechenland fliehen musste. Platons wechselvolle Biographie, die ihn trotz seiner sozialen Zugehörigkeit zur Elite Athens nicht vor dem Verkauf in die Sklaverei gerettet hätte, wenn sich hier nicht ein Freund persönlich ins Zeug gelegt hätte, spricht hier genauso für sich wie das spätere Schicksal dieser gesamten Traditionen im römischen Reich. Es sind Spitzen einer Entwicklung, die wir wahrnehmen, die für uns – das werden wir im Kontext der römischen Medizin noch sehen – an doch vergleichsweise überraschenden Orten erscheinen und die sich dann in der römischen Phase der Antike auch durch ihre Zuordnung zu den jeweils leitenden politischen Figuren und Institutionen behaupten. So finden wir die Kulturträger der Spätantike am Hof in Ravenna, wo zumindest einer von ihnen dann auch im politischen Gestrüpp seiner Tage stolpert. Und wir finden die bedeutenden Ärzte Roms am Hof der römischen Kaiser. Dass hier mit Marc Aurel unter den Kaisern selbst ein Intellektueller auftrat, ist – für Westrom – eine Ausnahme. So hat dann diese Koinzidenz auch nicht zur Folge, dass sich in Rom ähnlich wie bei den Ptolemäern in Alexandria ein höfisch getragenes Kulturzentrum etablierte. Die römische Wissenschaft war zunächst Ökonomie – wobei in einer letztlich agrarisch getragenen Wirtschaft mit großen Metropolen der Organisation und Sicherung von Handel eine besondere Bedeutung zukam, so in der Politik im Sinne der Steuerung der römischen Masse und so in einer vor allem durch Auftritt und Rede gekennzeichneten Ausübung von Herrschaft und eben auch und vor allem in der Organisation des Militärwesens. Wissenschaft in dem vorab skizzierten Sinne ist hier dann nur mit einer dienenden, für weiterführende Zwecke einzusetzenden Funktion zu betreiben. Eine Landwirtschaft benötigt – wird sie im großen Stil betrieben – Kenntnisse über die Organisation und Optimierung von Anbautechniken, Saat- und Bewirtschaftungsformen. Unabhängig von diesen in einen größeren Zweck eingebundenen Praktiken gab es dann aber die Medizin, als eine Praxis, die für Jeden Relevanz haben konnte. Der Krieger Homers, der seine oder die Verwundungen seines Mitstreiters pflegte, ist hier nur ein Beispiel. Der Erhalt der Gesundheit, der Arbeitskraft und der Kampf gegen den Schmerz war schon das Ziel der alten vorwissenschaftlichen Praktiken der Lebensführung und religiös untersetzten Therapien vor dem 6. Jahrhundert. In den Jahrhunderten nach 600 werden diese Praktiken im Zusammenhang der naturphilosophischen Konzeptionen in einen neuen Deutungszusammenhang gestellt. Sie begründen sich nicht auf Annahmen zur Organisation eines Weltganzen, sondern auf Einsichten in die Organisation der Physis.

  • [1] Dies galt eben auch nicht für einen etwaigen Diskurs der Eliten, der hier ja zumindest einen gewissen Freiheitsgrad einräumen musste. Selbst Seneca war in diesem machtpolitischen Gefüge nicht zu tolerieren. Allerdings zeigt etwa Alkibiades für das klassische Athen, dass hier auch die griechische Kultur fern von einem Ideal demokratisch bestimmter Diskussionen (und sei es auch nur der kulturellen Elite) zu beschreiben ist. Nicht zuletzt der Tod des Sokrates zeigt auch hier die gerade für die „Intellektuellen“ oftmals sehr schmale Bandbreite von Äußerungs- und Aktionsmöglichkeiten. Andererseits zeigen wiederum insbesondere die Komödien des Sophokles, der ja nun gerade auch Sokrates in einer öffentlichen Präsentation zum Ziel seines Spottes machte, dass es so etwas gab wie eine – beeinflussbare, damit aber auch in Grenzen entscheidungsleitende – öffentliche Meinung. In Rom sieht das später anders aus. Die Diskussionen im Senat sind die Diskussionen eines politischen Führungsgremiums, das Machtbereiche abstimmt, über Strategien und ggf. auch einzelne Personen urteilt, nicht aber den Konsens des Machterhalts des römischen Staates (um nahezu jeden Preis) in Frage stellt
 
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