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4.3.1.2 Die Medizin im 5. und 4. Jahrhundert

Schon die frühen Ärzte hatten bei den Griechen hohes Ansehen. Ihr Beruf galt als eine des Freien würdige Beschäftigung. Dabei konnten sie auch frei praktizieren. So wissen wir von Demokedes von Kroton, einem Arzt des 6. Jahrhunderts vor Chr., dass er nacheinander in Aigina, Athen und am Hof des Polykrates von Samos, der uns schon einmal, in der Darstellung des Tunnelbaus des Eupalinos begegnet ist, praktizierte. Danach verschlug es ihn – so berichtet Herodot – an den Hof des Perserkönig Dareios Hystaspes nach Susa in Mesopotamien. In den griechischen Stadtstaaten scheint er als staatlich besoldeter Arzt angestellt gewesen zu sein. Für die hellenistische Zeit ist diese Einrichtung, dass ein Arzt für eine bestimmte Zeit eingestellt wurde, in Athen war dies jeweils ein Jahr, und dann zur unentgeltlichen Hilfeleistung verpflichtet war, als eine grundsätzliche Einrichtung der griechischen Stadtstaaten bezeugt, die bis in die römische Zeit erhalten blieb. Diese staatlich bestellten Ärzte hatten eine besondere Klinik, in der die Behandlung erfolgte. Zu ihrer Besoldung wurde seitens der Polis eine eigene Abgabe erhoben. Die Arzneien wurden von ihnen selbst zubereitet; die dazu erforderlichen Medizinalstoffe (Wurzeln, Säfte, Früchte, Drogen) lieferten vielfach die gewerbsmäßigen Rhizotomen (Wurzelschneider) und Pharmakopolen (Heilmittelkundige), die ihnen nicht selten auch erfolgreich Konkurrenz machten.

Im fünften Jahrhundert ist diese Heilkunde als staatlich organisierte Heilpraxis aber auch als Heilkunde, deren Aetiologie (Ursachenlehre) in den verschiedenen Naturphilosophischen Systemen diskutiert wurde, voll entwickelt. Zudem entwickelte sich eine Kriegschirurgie, und sodann wurde der Unterricht in Körperhygiene und Gymnastik, als eine Gymnasien integriert.

Zentrale Bedeutung für die Entwicklung der Heilkunde hatte dabei das naturphilosophische Lehrgebäude des Alkmeon von Kroton (etwa 570–500 v. Chr.). Dieser den Pythagoreern nahestehende Naturphilosoph erarbeitete ein erstes konsequentes Bild der Stellung des Menschen im Kosmos. Von den Göttern unterscheide sich der Mensch, da er nur vermute und nichts wisse, von den Tiere unterscheide er sich dann aber wieder, dass er begreife und nicht nur wahrnehme. Die Strukturen, die die Gestalt des Menschen, aber auch die, die die Gestalt des Kosmos bestimmen, erklärt er als Resultat eines Spiels von gegensätzlichen Prinzipien. In den verschiedenen Strukturen stehen diese entgegengesetzten Prinzipien im Gleichgewicht. Unordnung und damit auch Krankheit entstehe, wenn dieses Gleichgewicht gestört ist. Eine Therapie muss also bestrebt sein, dieses Gleichgewicht wieder herzustellen, indem sie die widerstrebenden Prinzipien wieder ins Gleichgewicht zueinander bringt. Die Resonanz dieser Lehre, nach der auch die tradierten Heilpraktiken in einen systematischen Kontext gebracht werden konnten, und in dem zugleich durch die Zuordnung von Mensch und Kosmos ein Verständnis der Wirkung von Substanzen erarbeitet werden konnte, war umfassend. Die sich gerade in dieser Zeit professionalisierende Heilkunde baute dann im Weiteren auf diesem Vorstellungsgrundansatz auf. Dabei wird dieser Ansatz dann in unterschiedlicher Weise aufgebaut. Heilkunde wird dann aber auch gelehrt. Und so lassen sich Ärzteschulen identifizieren, nicht im Sinne einer jeweils einheitlichen Lehrauffassung – dazu war der bisher gewonnene Ansatz zum Verständnis physiologischer Zusammenhänge noch zu offen – wohl aber im Sinne einer unmittelbaren Tradierung von Erfahrungszusammenhängen. Eine dieser Schulen, die des Hippokrates von Kos, konnte sich dann mit dem in ihr zusammengestellten Erfahrungswissen über die Jahrhunderte durchsetzen und damit nicht nur die Therapieverfahren und deren Aetiologie bis in die Neuzeit hinein bestimmen. Zugleich tradierten sich mit den Vorstellungen dieser Ärzteschule auch die Grundmuster des Selbstverständnisses und des gesellschaftlichen Bildes eines europäischen Arztes, die sich nicht etwa nur in seinem Erfahrungsansatz, sondern eben auch in dessen sozialen Positionierung fundamental unterschieden etwa von dem völlig unabhängig von dieser Tradition erwachsenen Vorstellungsgefüges der chinesischen Medizin. So ist bis heute der sogenannte Eid des Hippokrates für einen europäischen Mediziner verbindlich. Sein Ethos und das daraus erwachsene gesellschaftliche Rollenverständnis des Arztes ist demnach in seinen Grundzügen das eines Angehörigen einer Ärzteschule des 5. Jahrhunderts vor Chr.

Eid des Hippokrates

Ich schwцre bei Apollon, dem Arzt, bei Asklepios, Hygiea und Panakeia und bei allen Gцttern und Gцttinnen, indem ich sie zu Zeugen mache, daЯ ich entsprechend meiner Kraft und meinem Urteilsvermцgen folgenden Eid und folgenden Vertrag erfьllen werde:

Denjenigen, der mich diese Kunst gelehrt hat, gleich zu achten meinen Eltern, ihn an meinem Lebensunterhalt teilhaben zu lassen und ihm an den für ihn erforderlichen Dingen, wenn er ihrer bedarf, Anteil zu geben, seine Nachkommenschaft meinen männlichen Geschwistern gleich zu werten, sie diese Kunst zu lehren, wenn sie sie zu lernen wünschen, ohne Entgelt und Vertrag, an Unterweisung, Vorlesung und an der gesamten übrigen Lehre Anteil zu geben meinen Söhnen und den Söhnen dessen, der mich unterrichtet hat, den vertraglich gebundenen und durch ärztlichen Brauch eidlich verpflichteten Schülern, sonst aber niemandem.

Diätetische Maßnahmen werde ich zum Nutzen der Kranken entsprechend meiner Kraft und meinem Urteilsvermögen anwenden; vor Schaden und Unrecht werde ich sie bewahren.

Auch werde ich niemandem auf seine Bitte hin ein tödlich wirkendes Mittel geben, noch werde ich einen derartigen Rat erteilen; in gleicher Weise werde ich auch keiner Frau ein fruchtabtreibendes Zäpfchen geben. Rein und heilig werde ich mein Leben und meine Kunst bewahren.

Das Schneiden werde ich nicht anwenden, nicht einmal bei Steinleidenden, dies werde ich vielmehr den Männern überlassen, die diese Tätigkeit ausüben.

In alle Häuser, die ich betrete, werde ich eintreten zum Nutzen der Kranken, frei von jedem absichtlichen Unrecht, von sonstigem verderblichen Tun und von sexuellen Handlungen an weiblichen und männlichen Personen, sowohl Freien als auch Sklaven.

Was auch immer ich bei der Behandlung oder auch unabhängig von der Behandlung im Leben der Menschen sehe oder höre, werde ich, soweit es niemals nach außen verbreitet werden darf, verschweigen, in der Überzeugung, daß derartige Dinge unaussprechbar sind.

Wenn ich nun diesen Eid erfülle und nicht verletze, möge es mir zuteil werden, daß ich mich meines Lebens und meiner Kunst erfreue, geachtet bei allen Menschen für alle Zeit, wenn ich ihn aber übertrete und meineidig werde, möge das Gegenteil davon eintreten.

[1]

Insgesamt lassen sich dabei für das 5. Jahrhundert sechs Ärzteschulen unterscheiden.

  • [1] webcache.googleusercontent.com/search?q=cache:7oieea7PR58J:aerzte-pfusch.de/

    genfergeloebnis.html 19.4.2011

 
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