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4.3.1.4 Die knidische Schule

Auch diese Schule setzt an der Lehre des Alkmaion an. Krankheit ist durch einen Ungleichgewichtszustand bedingt. Das zu solch einem Zustand führende gestörte Gleichgewicht der Prinzipien sei durch eine unausgeglichene Nahrungsaufnahme bedingt. Demnach – so der Hauptvertreter Euryphon von Knidos muss das entstandene Ungleichgewicht im Körper wieder ausgeglichen werden. Das wohl von ihm verfasste grundlegende Buch dieser Schule (Kνιδιαι γνωμαι) beschreibt, dass alle Krankheiten aus Verdauungsstörungen entstehen. Euryphon gilt zudem als bedeutender Anatom und Gynäkologe. Seiner Auffassung zufolge war das Gehirn der Ausgangspunkt aller Gefäße. Arterien und Venen seien mit Luft und Blut gefüllt und versorgen so den Körper mit Luft und Wärme. Schleim und Galle werden durch die Überschüsse der Nahrung erzeugt. Diese Abfallprodukte sind dann auch die Ursachen der Krankheiten. Seine gynäkologischen Vorstellungen wirken bis in die hippokratischen Schriften zur Gynäkologie nach. Bekannt ist Herodikos von Selymbria, bei dem u. a. auch der noch zu besprechende Hippokrates lernte. Er gliederte die Gymnastik in die Medizin ein. Ktesias von Knidos war zwischen 405 und 397 Leibarzt des König Artaxerxes am persischen Hof. Nach seiner Rückkehr veröffentlicht er eine umfangreiche Romandarstellung „Persika“, die das weitere Bild der persischen Geschichte in Griechenland weitgehend bestimmte, obwohl hier Erfindungen und Gerüchte mit wahren Darstellungen gemischt waren. Eine vergleichbare Darstellung mit dem Titel „Indika“ gab – wenn auch aus zweiter Hand erarbeitet – die erste Darstellung Indiens in griechischer Sprache.

Die medizinischen Schriften dieser Schule beschreiben nun aber nicht nur grundsätzliche Aussagen zu Krankheitsursachen, sondern auch Krankheitstypen. Dabei werden für diese Typen die Krankheitsursachen beschrieben, darauf folgt eine Darstellung der Symptome sowie ausgearbeitete Therapievorstellungen, finden sich auch Prognosen zum weiteren Krankheitsverlauf und zur Wirkung entsprechender Therapien. Besondere Bedeutung hatte die Behandlung mit Milch und Molkepräparaten. Daneben wurden Abführmittel verordnet. Zentrales Therapiemittel war eine jeweils speziell ausgerichtete Diät. Ein Beispiel für solch eine Darstellung von Krankheitstypen überlieferte Galen:[1]

Livide Krankheit: zeitweise auftretendes Fieber, Kälteschauer, Kopfschmerzen, Leibschmerzen, erbrechen von Galle. Wenn die Schmerzen den Kranken einmal ergriffen haben, kann er nichts mehr unterscheiden, denn er ist zu schwerfällig. Sein Leib ist ausgetrocknet und seine Haut an der gesamten Oberfläche fahl. Seine Lippen gleichen genau denen eines Mannes, der Maulbeeren gegessen hat. Das Weiße der Augen ist sehr trübe. Er hat weit aufgerissene Augen, als wenn er gewürgt worden wäre. Bisweilen ist dieses Symptom weniger stark ausgeprägt. Außerdem wechselt der Zustand des Kranken häufig. Auf diese Schilderung der Symptome folgt dann eine kurze Darstellung der Therapie. Diese schließt mit einer Prognose: Einem solchen Kranken verabreicht man ein Medikament, das zu einer Entleerung durch den oberen und den unteren Ausgang führt. Man veranlasst, dass er Waschungen vornimmt und reinigt seinen Kopf. Er soll sich möglichst wenig mit warmem Wasser waschen. Nach der Waschung muss er sich in der Sonne wärmen und je nach Jahreszeit Buttermilch oder Eselsmilch trinken. Er soll weiche und kühle Nahrung zu sich nehmen, aber keine scharfen oder gesalzenen Speisen Die Mahlzeiten sollen ausreichend Öl enthalten, süß und fett sein. Für gewöhnlich findet die Krankheit erst mit dem Tod ein Ende.

  • [1] Galen, Abschnitt 68 des Buches Über die Krankheiten II
 
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