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4.3.1.5 Die sizilische Schule

Die Grundlage dieser Schule bildet die naturphilosophische Konzeption von Empedokles von Akragas (500–430). Dessen Naturlehre geht davon aus, dass es kein Werden und Vergehen gibt, sondern nur mehr Mischung und Trennung vorhandener Grundprinzipien. Er unterscheidet vier „Wurzelkräfte aller Dinge“. Dies sind Feuer, Luft, Wasser und Erde, wobei diese Grundkräfte Prinzipien sind, deren Grundeigenschaften in den benannten vier Elementen dargestellt sind. Dazu treten als bewegende Kräfte Liebe und Streit. Diese beiden Wirkkräfte kämpfen im Kosmos gegeneinander. Der Sieg des Streites führt zur Reduktion der Dinge auf die vier Elemente; der Sieg der Liebe zu einer Vereinigung aller Elemente zu einer perfekten Sphäre. So resultiert eine periodische Entwicklung zwischen diesen Extremen. Wie nun der Kosmos grundsätzlich aus diesen vier Elementen zusammengesetzt ist, so wird auch jedes Ding im Kosmos und damit auch jedes Lebewesen durch eine Zusammenstellung dieser Elemente gebildet. Deren Zusammenstellung bestimmt zugleich dann auch die Qualität des Dinges, das je nach dem Mischungsverhältnis Qualitäten in Richtung eines oder mehrerer Elemente besonders prägnant ausbildet. Dabei entstehen dann die Lebewesen aus einer Mischung der vier Elemente in jeweils festen Proportionen. Wird dieses Mischungsverhältnis gestört, so ist dieses Lebewesen aus seinem Gleichgewicht geworfen: Es wird krank. Empedokles begründet hiermit die im Weiteren für die Medizin bis in die Neuzeit kanonische Vorstellung von den vier Elementen, deren Wirkung wir dann bis in die Temperamentenlehre mit ihrer Unterscheidung von Melancholiker, Choleriker, Sanguiniker und Phlegmatiker verfolgen können.

Pneuma

Das Pneuma ist zunдchst so etwaswie ein Lufthauch, das der umgebenden Luft unterliegende belebende Prinzip, es ist das, was wir einatmen und ist so ein immaterielles, aber in der Materie wirkendes Prinzip. Seit Hippokrates ist es in der Medizin als zentrales Element anerkannt. Dieses Pneuma ist das belebende Prinzip, das, aus der Umwelt aufgenommen, die Organe durchstrцmt und so Leben ermцglicht. Damit wird es als solch belebendes Prinzip in der Stoa, einer um 300 v. Chr. Gegrьndeten Philosophenschule in Athen, spдter dann auch zugleich als dieManifestation des Gцttlichen, das die Dinge durchdringt und belebt, begriffen. Im Kontext magischer Praktiken wird dann – insbesondere im Bereich des цstlichen Mittelmeeres – das Pneuma ein immaterielles geistigesWesen, das in dieMaterie herabgestiegen ist und das dann – so die Gnosis, eine im цstlichen Bereich des rцmischen Reiches verbreitete frьhchristliche Lehre – die Menschen, in denen es sich seiner selbst bewusst wird, erlцsen kann. Hier zeigt sich schon in dieser groben Skizze die Vielfalt von Entwicklungen, die basierend auf diesen einfachen Grundannahmen schon in der Antike selbst angelegt werden und dann in den verschiedenen Traditionen und in verschiedenenWissensbereichen

so bis in die Neuzeit fortwirken.

Der Sitz des Denkens ist für Empedokles das um das Herz wallende Blut. Wahrnehmung vollzieht sich ihm zufolge durch den Kontakt der Elemente in uns mit den Elementen in den Gegenständen. Demnach ist das Herz Zentralorgan des Verstandes und der Blutzirkulation. Krankheitsursache ist – entsprechend der Elementelehre – die Störung der Säfte und des Pneuma. Wobei er nun, entsprechend den vier Elementen, vier Absonderungen des menschlichen Körpers kennt, in denen sich die vier Elemente abbilden, dies sind Blut, Schleim, gelbe und schwarze Galle. Entsprechend der hieraus erwachsenen Viersäftetheorie ist nun eine Krankheit dadurch zu bekämpfen, dass das ursprüngliche Mischungsverhältnis dieser vier Säfte, das aus dem Gleichgewicht geraten ist und so die Krankheit verursachte, wieder herzustellen ist. Bevorzugtes Mittel hierzu ist die Diätetik.

In der ersten Hälfte des 4. Jahrhunderts arbeitete Philistos von Lokri bei Syrakus seine Pathologie auf Grundlage dieser Viersäftelehre aus. Sie basierte auf der skizzierten Vorstellung vom Mischungsverhältnis der vier Säfte und der Vorstellung eines belebenden Pneumas. Eigene Werke sind unbekannt, doch muss er zumindest zur Diätetik Werke veröffentlicht haben. Um 364 vor Chr. besuchte er die platonische Akademie, spätestens damit wurden so die Vorstellungen des Empedokles und die hierauf aufbauende Konzeption der sizilischen Schule in Athen eingehender bekannt. Ein Einfluss des Philistos auf Platon lässt sich nachweisen.

 
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