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4.3.1.8 Die koische Schule

Die koische Schule nimmt demgegenüber an, dass das Gehirn das Zentralorgan der Geistestätigkeit sei. Durch die Adern kommuniziere es mit dem ganzen Körper. Durchströmt werden diese vom Pneuma. Dieses sei der Träger des Denk- und Erfindungsvermögens. Dabei sind dann die Arterien mehr mit Luft, die Venen weniger mit Luft gefüllt. Die Pathologie dieser Schule basiert auf der Viersäftetheorie. Initiiert, getragen und in ihren wesentlichen Momenten formiert wurde diese Schule von Hippokrates, dessen Werk und die dann folgende Zuschreibung auf ihn noch eingehender zu betrachten ist.

Von einer Einheitlichkeit der Lehre innerhalb dieser Schulen ist keine Rede; schon der Schüler wich häufig von der Lehre des Meisters ab. Besonders klar tritt das in der koischen Schule zu Tage, wo bereits Praxagoras, das Haupt dieser Schule in aristotelischer Zeit, unter Aufgabe der Lehre der Koer von der Bedeutung des Gehirns, die diokletische Lehre vom Herzen als Sitz der Seele und Ausgangspunkt der Nerven zum Dogma erhob. Er und seine Schüler beherrschten mit ihren Theorien die zweite Hälfte des 4. Jahrhunderts. So haben dann auch die Stoiker an diesen Lehren angeknüpft.

Längeren Bestand hatten von diesen Schulen nur die koische und die knidische. Beide Schulen übten dann in hellenistischer Zeit in Alexandria großen Einfluss aus. So wirkte die koische Schule über Praxagoras auf den noch zu besprechenden Alexandriner Herophilos: über Chrysippos führt dagegen die knidische Tradition bis hin zu Erasistratos.

Dabei unterscheiden sich diese beiden Schulen, die koische und die knidische Ärzteschule, im Wesentlichen in ihrem therapeutischen Ansatz, nicht aber in Bezug auf die grundlegenden naturphilosophischen Vorstellungen. Die Anhänger der koischen Schule gingen davon aus, dass es so etwas wie ein allgemeines Krankheitsbild gab, zu dem die jeweils individuelle Krankheit je eine individuelle Abwandlung darstellte. Demgegenüber beschrieben die Knideer jeweils einzelne Krankheiten, die sie dann in ihrer jeweiligen Eigenart zu therapieren suchten. Entsprechend vielfältiger waren denn auch deren therapeutische Ansätze, insbesondere auch im Bereich operativ-chirurgischer Eingriffe. Allerdings werden gerade diese Bereiche, einschließlich der Gynäkologie, dann schon relativ bald von der koischen Schule in ihren kanonischen Schriftenbestand mit integriert. Das zeigt sich etwa in den gynäkologischen Schriften des so genannten corpus hippocraticum, des Gesamtbestandes der in Kos kanonisierten Schriften, in denen Einflüsse der knidischen Schule nachzuweisen sind.

Die koische Schule wendete sich dabei allerdings radikal von den überkommenen magisch-religiösen Vorstellungen ab und erklärte die Krankheiten naturphilosophisch, rückgreifend auf die Vorstellung des Empedokles, als Resultat des Ungleichgewichtes der vier Körpersäfte (Blut, Schleim gelbe und schwarze Galle). Krankheit wurde derart, ganz in diesem Sinne, als Ungleichgewicht der Körpersäfte interpretiert. Die Krankheitssymptome werden als Reaktionen des Körpers gedeutet, kranke Säfte unschädlich zu machen und auszustoßen. Darin konnte dann der Arzt den Körper durch Umstellung in der Lebensweise, Verordnung einer Diät, Arzneimittel und operative Eingriffe unterstützen. Hierzu werden in den nach dem zentralen Autor der koischen Schule hippokratisch genannten Schriften zahllose Behandlungsmaßnahmen begründet, über die dieses Gleichgewicht der Säfte wieder herzustellen sei. Hierzu gehören dann etwa die bis in die frühe Neuzeit übliche Anwendung von Aderlässen sowie die Nutzung von Schröpfköpfen und Abführmitteln.

Die – nach dem Urteil von Platon und Aristoteles – beeindruckendste Gestalt nicht nur der Schule von Kos, sondern der seinerzeitigen medizinischen Schulen überhaupt war Hippokrates, der Sohn des Herakleides. Hippokrates ist die zentrale Figur der antiken praktischen Heilkunde, deren Anhänger sich allerdings über die gesamte Antike hinweg immer wieder mit stärker analytisch, physiologisch ausgerichteten Ansätzen in der Medizin auseinandersetzen mussten. Hippokrates von Kos wurde um 460 v. Chr. auf der griechischen Ägäisinsel Kos geboren und starb um 375 v. Chr. in Larissa, Thessalien. Hippokrates stammte aus dem Geschlecht der Asklepiaden, die sich selbst auf den Heilgott Asklepios zurückführten. So erhielt er seine erste medizinische Unterweisung von seinem Vater. Der Tradition zufolge, die aber ins Legendenhafte führt, lernte er aber auch bei dem Philosophen Demokrit von Abdera und dem Gymnasten Herodikos von Selymbria. Über sein Leben selbst ist – das zeigen schon diese Einschränkungen – wenig bekannt. Offenbar praktizierte er als wandernder Arzt in Griechenland und Kleinasien. Unklar ist auch sein persönlicher Beitrag zu dem umfassenden nach ihm benannten Schriftcorpus der von ihm begründeten Schule von Kos. Es lässt sich allerdings erschließen, dass zumindest die Bücher über die Epidemien sowie das Prognostikon im Wesentlichen auf ihn zurückgehen. In der letzten Schrift erschließt sich denn auch die spezifisch hippokratische Betonung der Prognostik, d. h. die systematische Beobachtung aller Anzeichen bei einem Patienten und die daraus gezogenen Schlüsse über das Auftreten und den Verlauf der Krankheit. Wobei charakteristisch ist, dass der jeweilige Einzelfall in all seinen Besonderungen dargestellt wird. Es galt für Hippokrates zu vermeiden, dass vereinfachende Verallgemeinerungen aufgestellt wurden. Seine Schriften enthalten denn auch detaillierte Fallstudien, die in ihrem Nebeneinander a) den Blick für das Erkennen von Anzeichen schärfen, und die dann auch

b) Vergleichsfälle bereithalten, an denen sich der Mediziner für den Aufbau einer speziellen Therapie in dem ihm vorliegenden Fall orientieren kann. Wobei er dann im Verlauf der Behandlung aber immer wieder einzelne vergleichbare Fälle, die hier registrierten Phänomene und die damit einhergehende Entwicklung der Krankheitsverläufe zu vergleichen hat. Auf ein vereinfachendes generelles Schema eines Krankheitsverlaufes wird dabei bewusst verzichtet. Dieser therapeutische Ansatz und dessen konsequente Durchführung ist originär hippokratisch. Sie ist verbunden mit einem hohen Ethos des behandelnden Arztes, der sich dann in der Tat in den Dienst der Behandlung seines Patienten stellt und hierzu auch sein eigenes Leben weitgehend nach dem Krankheitsverlauf seines Patienten ausrichtet. Dieses hohe Ethos, das Hippokrates für die Mitglieder seiner Schule explizit machte, findet seinen Ausdruck noch heute in der Formel des hippokratischen Eides, der dieses Verständnis von Therapie und die entsprechenden Anforderungen an einen Arzt für die europäische Tradition verbindlich gemacht hat. Dieser Ansatz wurde dann in Kos zunächst von seinen Söhne Drakon und Thessalos weitergeführt.

 
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