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4.3.1.9 Hippokrates und das corpus hippocraticum

Grundlegend für den Erfolg und die weitreichende Bedeutung der Ärzteschule in Kos ist deren kanonisiertes Schrifttum, das als corpus hippocraticum überliefert ist. Demnach tragen mindestens 60 Schriften seinen Namen, deren Entstehungszeitraum allerdings vom 4. Jh. v. Chr. bis in das 1. Jh. n. Chr. reicht. Nur der kleinere Teil dieser Schriften dürfte von Hippokrates verfasst worden sein, allerdings ist er zum mindesten der Autor der Schriften Epidemien I, III und VII sowie des Prognostikon, vielleicht aber auch der Autor der Schrift über Epilepsie, der Schrift „Über die heilige Krankheit“ sowie des Traktats „Über die Umwelt“. Die chirurgischen Abhandlungen De fracturis und De articulis dürften zur Zeit des Hippokrates entstanden sein, entstammen aber sicher nicht seiner Feder.

Die Epidemien (die Schriften über zeitweise örtlich verbreitete Krankheiten) enthalten eine Reihe von sehr detailliert geschilderten Krankengeschichten. Den Lesern – gedacht war die Schrift eigentlich nur für Ärzte – sollte damit die Möglichkeit gegeben werden, bei ähnlichen Erkrankungen Voraussagen über den Krankheitsverlauf zu machen und etwaige Behandlungsmethoden zu übernehmen. Ein besonderes Gewicht liegt dabei in der Berücksichtigung der Umwelteinflüsse, insbesondere des Klimas.

In der Schrift Über die heilige Krankheit wird versucht, eine Erklärung der Epilepsie und ihrer Symptome zu geben. Deren Grundgedanke ist nicht, Magie oder religiöse Denkmuster anzuwenden, sondern physiologische Prozesse als Erklärung für gerade auch diese besonders herausgehobene Krankheit darzulegen. Um hier die Art der Argumentation und die Qualität der Beobachtung augenfällig zu machen, wird im Weiteren eine längere Passage aus dieser Schrift zitiert. Dabei ist zwar nicht völlig sicher, ob diese Schrift aus der Feder von Hippokrates selbst stammt. Sicher aber entstand sie in seinem näheren Umfeld und sicher ist sie symptomatisch für das naturwissenschaftliche Denken und den Beobachtungsstil der hippokratischen Schule. Der Medizinhistoriker Capelle schreibt hierzu: Hippokrates hat es als Arzt und Naturforscher unternommen, die Lehre des Alkmaion vom Primat des Gehirns zur Erklärung von der Entstehung und dem Verlauf der Epilepsie als Grundlage zu nehmen, was noch nie jemandem in den Sinn gekommen war. Es war ja überhaupt vor ihm noch niemandem eingefallen, Entstehung und Verlauf epileptischer Anfälle erklären zu wollen. Dieser Gedanke des Hippokrates kann nach seiner Konzeption und nach seiner Ausführung nicht nur als völlig original, sondern geradezu als genial bezeichnet werden.[1]

Quellentext: Hippokrates – Über die Heilige Krankheit

Mit der sogenannten heiligen Krankheit hat es folgende Bewandtnis. Sie scheint mir um nichts göttlicher oder heiliger zu sein als die anderen Krankheiten, sondern sie hat den gleichen Ursprung wie die anderen. Doch haben die Menschen infolge ihrer Unwissenheit und ihrer Verwunderung, weil sie in nichts den anderen Krankheiten gleicht, geglaubt, ihr Wesen und ihre Ursache seien etwas Göttliches. Und infolge ihrer Ratlosigkeit – weil sie den wahren Sachverhalt nicht erkennen – bleibt ihr (bei den Menschen) der göttliche Charakter gewahrt; dagegen geht ihr infolge der Leichtigkeit des Heilungsverfahrens, das die Menschen ihr gegenüber anwenden, dieser Charakter verloren, weil sie sie durch Sühnungen und Besprechungen zu heilen versuchen. Wenn sie aber wegen ihrer wunderbaren Natur für göttlich gehalten wird, dann muß es sehr viele heilige Krankheiten und nicht nur diese eine geben. Wie ich denn zeigen werde, daß andere Krankheiten, die niemand für heilig hält, um nichts weniger wunderbar oder rätselhaft sind. Denn einerseits scheinen mir die Fieber, die jeden Tag und ebenso die, welche drei oder vier Tage dauern – über die sie sich weiter gar nicht wundern – nicht weniger heilig zu sein und von einem Gott herzurühren als diese Krankheit. Andererseits sehe ich Menschen, die aus keinem einleuchtenden Grunde wahnsinnig und geistesgestört sind und vielerlei Unsinniges tun. Wie ich denn auch weiß, daß viele Menschen im Schlaf jammern und schreien und daß andere zu ersticken wähnen und andere von ihrem Lager aufspringen und hinauslaufen und von Sinnen sind, bis sie aufwachen und dann wieder gesund und bei Verstand sind wie vorher. Doch sind sie noch bleich und angegriffen, und dies kommt nicht einmal, sondern oft vor. Und noch viel andere Dinge aller Art gibt es; wollte man über jedes von ihnen reden, würde das ins Endlose führen.

Mir aber scheinen diejenigen, die zuerst diese Krankheit für heilig erklärt haben, Menschen solcher Art zu sein, wie es auch jetzt Zauberer, Sühnepriester, Bettler und Schwindler gibt, die sich den Anschein geben, als wären sie ganz besonders gottesfürchtig und wüßten mehr als die gewöhnlichen Menschen. Diese nun nehmen die Gottheit zum Vorwande für ihre Ohnmacht, um etwas zu besitzen, was sie anwenden könnten, um den Menschen zu helfen, damit sie ihrerseits nicht als Menschen entlarvt werden, die überhaupt nichts wissen. Diese Menschen sind es, die behauptet haben, daß diese Krankheit heilig wäre. Sie haben sich nämlich alle möglichen glaubhaften Gründe ersonnen und so ihre angebliche Heilung für sich selber gefahrlos gemacht. Sie wandten Sühnungen und Besprechungen an, verordneten, keine Bäder zu nehmen und mancherlei Speisen zu meiden, die für kranke Menschen schädlich wären: so von Seetieren keine Barben, Schwarzschwänze, Pfriemenfische und Aale – denn der Genuß dieser Fische wäre besonders gefährlich –; sie verbieten aber auch Fleisch von Ziegen, Hirschen, Schweinen und Hunden – denn diese Fleischarten bringen den Unterleib am stärksten in Aufruhr, und von Vogelarten dürfte man nichts essen vom Huhn, von Turteltauben und Trappen, ferner all das nicht, was als besonders stark wirkend gilt. Und von Gemüsen verbieten sie Minze, Knoblauch und Zwiebeln; denn Scharfes sei für Kranke nicht zuträglich. Man dürfe auch keine schwarze Kleidung tragen – denn Schwarz sei die Farbe des Todes – und auch nicht in einem Ziegenfell schlafen oder ein solches tragen und nicht einen Fuß vor den anderen setzen und nicht eine Hand auf die andere legen; denn all diese Dinge seien Hindernisse.

Dies alles verordnen sie wegen der Gottheit, als ob sie mehr als andere Menschen wüßten und andere Gründe hätten, damit, wenn der Kranke gesund würde, dies ihr Verdienst infolge ihrer Weisheit wäre; wenn er aber stürbe, daß dann ihre Verteidigungen sicher Glauben finden würden und sie einen Grund dafür angeben könnten, daß sie nicht daran schuld wären, sondern die Götter. Denn sie hätten ja keine Mittel zu essen oder zu trinken verordnet, auch keine Bäder empfohlen, so daß es scheinen könnte, als ob sie die Schuldigen wären. Ich für meine Person meine, daß dann von den Libyern, die das Binnenland bewohnen, kein einziger Mensch gesund wäre, weil sie in Ziegenfellen schlafen und Ziegenfleisch essen. Denn sie haben keine Decke des Nachts, kein Kleid und keine Sandalen, die nicht aus Ziegenfellen gemacht wären. Sie haben auch kein anderes Vieh als Ziegen und Rinder. Wenn aber diese Dinge, wenn man sie anzieht oder ißt, die Krankheit verursachen oder, infolge ihrer Verordnung nicht gegessen, heilen, dann ist nicht die Gottheit die Ursache von irgendeinem Geschehen, und nicht die Entsühnungen nützen irgend etwas, sondern die Speisen sind es, die heilen oder schaden. Dann ist aber die Einwirkung der Gottheit ausgeschlossen. Daher scheinen mir diejenigen, die auf solche Weise versuchen, diese Krankheit zu heilen, diese weder für heilig noch für göttlich zu halten. Denn wenn sie durch solche Sühnemittel und ein solches Verfahren vertrieben wird, was hindert da, daß sie auch durch andere Praktiken gleicher Art den Menschen angehext wird und sie anfällt? Dann wäre aber nicht mehr die Gottheit schuld daran, sondern Machwerk von Menschen. Denn wer imstande ist, durch Sühnezeremonien oder Zaubermittel ein solches Leiden zu bannen, der kann es auch durch andere Praktiken heraufbeschwören. Unter dieser Voraussetzung kann von einer göttlichen Einwirkung keine Rede sein.

Mit solchen Reden und Machenschaften geben sie sich den Anschein, als ob sie ein tieferes Wissen besäßen, und betrügen die Menschen, indem sie ihnen Reinigungen und Entsühnungen vorschreiben. Und vor allem zielt ihre Rede auf die Einwirkung der Gottheit und der Dämonen. Wahrhaftig! Mir wenigstens scheinen sie ihre Reden nicht über Gottesfurcht zu halten, wie sie wähnen, sondern vielmehr über Gotteslästerung, und daß es keine Götter gibt. Denn ihre angebliche Frömmigkeit und ihre Gottesfurcht ist in Wahrheit Gotteslästerung und der Tod aller Religion, wie ich zeigen werde. Denn wenn sie behaupten, sie könnten den Mond herabziehen, die Sonne verfinstern und Sturm und gutes Wetter machen und Regen und Dürre und Land und Meer mit Unfruchtbarkeit schlagen und Teufelswerke solcher Art vollbringen – sei es, daß die Menschen, die so etwas betreiben, behaupten, durch geheime Weihen oder vermittels einer anderen Erkenntnis oder Praktik so etwas fertigzubringen –, dann scheinen sie mir Gott zu lästern und überhaupt nicht an Götter zu glauben, oder doch, wenn es sie gäbe, anzunehmen, daß sie überhaupt keine Macht haben und daß sie nicht imstande sind, irgendetwas von diesen unheimlichen Dingen zu verhindern. Und wenn sie solches tun, sind sie Todfeinde der Götter. Denn wenn ein Mensch durch Zauberei und Opfer den Mond herabzöge, die Sonne verfinsterte und Sturm und gutes Wetter machte, dann wäre meines Erachtens nichts von diesen Dingen göttlichen Ursprungs, sondern nur Menschenwerk, wenn die Macht der Gottheit durch Menschenwitz überwältigt und geknechtet wäre. Doch vielleicht ist das alles überhaupt nicht so, sondern Menschen, die nichts zu essen haben, hecken alles mögliche aus und verwenden Lügengespinste auf alles mögliche andere, vor allem aber auf diese Krankheit, indem sie von jeder Erscheinungsform dieser einem Gott die Schuld geben. Denn nicht einmal, sondern tausendmal bringen sie solches Zeug vor. Und wenn die Kranken das Meckern einer Ziege nachahmen oder mit den Zähnen knirschen, und wenn sie nach der rechten Seite hin fallen, dann sagen sie, das käme von der Göttermutter. Wenn der Kranke aber lauter und stärker schreit, dann sagen sie, das klänge wie das Wiehern eines Pferdes, und davon sei Poseidon die Ursache. Wenn aber dem Kranken Kot entfährt – was ja oft bei den von dieser Krankheit Befallenen vorkommt –, dann heißt es, das wirke „der Gott am Wege“. Wenn aber die Exkremente dünner und häufiger sind, wie bei den Vögeln, dann käme das von Apollon Nomios. Wenn aber der Fallsüchtige Schaum aus dem Munde schleudert und mit den Füßen um sich schlägt, dann sei Ares daran schuld. Wenn aber nachts Schreckbilder vor ihnen stehen und Ängste und Wahnvorstellungen und sie von ihrem Lager aufspringen und in ihrer Todesangst aus dem Hause stürzen, dann sagen sie, das seien Anfälle der Hekate und Anfechtungen von Heroen. Und da veranstalten sie Entsühnungen und Besprechungen und machen, wie mich dünkt, die Gottheit zum Ruchlosesten und Gottlosesten. Denn sie „reinigen“ die von der Krankheit Befallenen mit Blut und anderen ähnlichen Mitteln, als ob diese einen scheußlichen Schandfleck an sich hätten oder fluchbeladene Mörder oder von Menschen gebrandmarkt wären oder irgendeine Greueltat verübt hätten! – Sie sollten doch gerade das Gegenteil von diesen Dingen tun: opfern und beten und den Greuel in die Tempel bringen und die Götter um Gnade anflehen. Sie aber tun nichts derart, sondern „entsühnen“ nur. Und die Gegenstände der Entsühnung verbergen sie in der Erde; andere werfen sie ins Meer, andere bringen sie auf abgelegene Berge, wo keiner hinkommt und sie berührt. Sie sollten doch diese Dinge vielmehr in die Tempel bringen und der Gottheit weihen, wenn wirklich ein Gott daran schuld wäre.

Ich für meine Person glaube nie und nimmer, daß ein menschlicher Körper von einem Gott befleckt wird, d. h. das Vergänglichste von dem Allerheiligsten. Aber wenn ein solcher Mensch von anderer Seite befleckt werden oder etwas erleiden sollte, dann müßte er doch eher von dem Gott gereinigt und entsühnt als von diesem befleckt werden. Denn die ärgsten Frevel und ruchlosesten Taten, die tilgt und entsühnt doch gerade die Gottheit; sie ist es, die uns reinwäscht. Wir selber setzen ja die Grenzen um die Tempel und die heiligen Bezirke fest, damit sie niemand überschreitet, wenn er nicht lauter und rein ist. Und wenn wir in ein Heiligtum eintreten, dann besprengen wir uns mit geweihtem Wasser, nicht, als ob wir irgendwie befleckt wären, sondern für den Fall, daß wir noch von früher einen Makel an uns haben sollten, um diesen abzuwaschen. Das ist meine Meinung von den Entsühnungen.

Diese Krankheit scheint mir überhaupt um nichts göttlicher zu sein als die anderen; vielmehr hat sie die gleiche Natur wie die anderen Krankheiten und den gleichen Ursprung, aus dem jedes Ding geschieht. Und die Natur und die Ursache davon ist die Gottheit, von der auch alles andere seinen Ursprung hat. Und die Krankheit ist heilbar, um nichts weniger als andere Krankheiten, vorausgesetzt, daß diese nicht schon durch lange Zeit in solchem Grade eingewurzelt ist, daß sie schon stärker ist als die von Menschen angewendeten Heilmittel. Sie hat aber ihren Ursprung, gerade wie auch die anderen Krankheiten, in der Vererbung. Denn wenn von Schleimsüchtigen ein Schleimsüchtiger und von einem Gallsüchtigen ein Gallsüchtiger und von einem Schwindsüchtigen ein Schwindsüchtiger und von einem Milzsüchtigen ein Milzsüchtiger abstammt, was hindert da, daß an demselben Leiden, von dem sein Vater oder seine Mutter heimgesucht war, auch eins ihrer Kinder krankt? Denn der Samen kommt von allen Partien des Körpers her, von den gesunden ein gesunder und von den kranken ein kranker.

Ein zweiter starker Beweis dafür, daß diese Krankheit um nichts göttlicher ist als die anderen, ist dieser: die Schleimsüchtigen bekommen sie nämlich von Natur, dagegen werden die Gallsüchtigen überhaupt nicht von ihr befallen. Wenn sie aber göttlicher wäre als die anderen, dann müßte diese Krankheit alle gleichermaßen befallen und kein Unterschied zwischen Gallsüchtigen und Schleimsüchtigen sein.

Doch ist ja überhaupt Ursache dieses Leidens das Gehirn, wie auch von den anderen Hauptkrankheiten. Auf welche Weise und aus welchem Grunde sie entspringt, werde ich deutlich erklären. Das Gehirn des Menschen ist zweifach wie auch bei allen anderen Lebewesen. Seine Mitte scheidet eine feine Haut. Daher hat der Mensch nicht immer an derselben Stelle des Kopfs Schmerzen, sondern abwechselnd auf der einen und auf der anderen Seite, zuweilen aber auch im ganzen Kopfe. Und Adern münden in dieses aus dem ganzen Körper, viele feine Adern und zwei dicke, die eine von der Leber aus, die andere von der Milz her. Und mit der von der Leber herkommenden steht es so: der eine Teil dieser Ader erstreckt sich nach unten zur Rechten an der Niere und der Lende vorbei in das Innere des Oberschenkels und zieht sich bis in den Fuß und wird Hohlvene genannt. Der andere Teil steigt aufwärts durch das rechte Zwerchfell und die Lunge. Er gabelt sich aber nach dem Herzen und dem rechten Oberarm hin. Der letztere zieht sich aufwärts durch das Schlüsselbein nach der rechten Seite des Nackens, bis dicht unter die Haut, so daß man ihn sehen kann. Beim Ohr verschwindet er, und dort spaltet er sich: der dickste, größte und hohlste Arm mündet in das Gehirn, der andere dagegen, als ein feines Äderchen, geht in das rechte Ohr. Ein Zweig aber geht in das rechte Auge, ein anderer in die Nase. So gehen von der Leber die Adern aus. Es zieht sich aber auch von der Milz eine Ader nach der linken Seite, und zwar nach oben und nach unten, ganz ähnlich wie die von der Leber, aber feiner und schwächer.

Durch diese Adern ziehen wir auch den größten Teil der Luft ein. Denn diese sind Luftlöcher unseres Körpers, durch die wir Luft in uns hineinziehen und in den übrigen Körper durch die feinen Äderchen leiten; sie bringen Erfrischung und lassen dann die Luft wieder hinaus. Denn es ist unmöglich, daß der Atem stillsteht, sondern er geht ständig auf und nieder. Denn wenn er irgendwo stockt und abgesperrt ist, dann wird jener Teil, wo er stockt, unfähig, sich zu bewegen. Der Beweis hierfür: wenn bei einem Menschen im Sitzen oder im Liegen die Äderchen so zusammengepreßt werden, daß der Atem nicht durch sie hindurchgehen kann, dann tritt sofort eine Lähmung ein. So steht es mit den Adern und der übrigen Einrichtung des Körpers.

Diese Krankheit befällt die Schleimsüchtigen, aber nicht die Gallsüchtigen. Sie nimmt ihren Ursprung im Embryo, der sich noch im Mutterleibe befindet. Denn gerade wie die anderen Teile wird auch das Gehirn vor der Geburt gereinigt und hat ein Aufblühen. Wenn diese Reinigung gut und in dem rechten Maße vor sich geht und weder mehr noch weniger als nötig ist, abfließt, dann wird der werdende Mensch den gesundesten Kopf haben. Wenn aber zuviel von dem ganzen Gehirn abfließt und so ein übermäßiger Abfluß stattfindet, dann wird der wachsende Mensch einen kranken Kopf haben, der voll von Geräusch ist, und wird weder Sonnenschein noch Kälte vertragen können. Wenn aber der Abfluß von einem bestimmten Teile, z. B. vom Auge oder Ohr, erfolgt oder sich eine Ader zusammengezogen hat, so wird jener Teil geschädigt, je nachdem, in welchem Maße der Abfluß stattfindet. Wenn aber die Reinigung nicht erfolgt, sondern im Gehirn eine Zusammenballung stattfindet, dann muß der Mensch unweigerlich ein Schleimsüchtiger werden. Und wenn bei kleinen Kindern Wunden im Kopfe und in den Ohren und im übrigen Körper entstehen, dann befinden sich diejenigen, die dauernd Speichel absondern und Ausfluß aus der Nase haben, am besten, wenn sie älter werden. Denn auf diese Weise wird der Schleim ausgeschieden, der schon im Mutterleibe hätte ausgeschieden werden sollen. Und Kinder, die auf diese Weise die Reinigung erfahren haben, werden gewöhnlich von dieser Krankheit nicht ergriffen. Aber Kinder, deren Körper innerlich rein ist, die weder eine innere Wunde haben noch Nasenschleim noch Speichel aussondern und auch im Mutterleibe keinerlei Reinigung durchgemacht haben, die sind in Gefahr, von dieser Krankheit ergriffen zu werden.

Wenn aber der HerabfluЯ seinen Weg zum Herzen nimmt, dann ergreift den

Kranken Herzklopfen und Atemnot, und seine Brust will zerreiЯen; einige werden

sogar buckelig. Denn wenn der kalte Schleim zur Lunge oder zum Herzen herabstrцmt, erkaltet das Blut. Die Adern aber, die so stark erkalten, schlagen gegen die Lunge und dasHerz.Und dasHerz klopft heftig, so daЯ infolge dieses ZwangesAtemnot und Engbrьstigkeit eintreten. Denn der Kranke empfдngt nicht so viel Atem, wie er mцchte, bis der herabstrцmende Schleim ьberwдltigt und durchwдrmt ist und sich dann in die Adern verteilt. Dann hцrt das Herzklopfen und die Atemnot auf. Es hцrt aber je nach derMenge des Zuflusses auf, langsamer, wenn zuviel herabstrцmt; wenn aber weniger herabkommt, schneller. Und wenn die Zuflьsse von oben hдufiger erfolgen, finden die Anfдlle hдufiger statt, andernfalls weniger oft. Das nun erleidet der Kranke, wenn der Strom auf die Lunge und das Herz geht. Wenn er aber in den Unterleib dringt, erfolgen Diarrhцen. . . . [2]

Der römische Kompilator Plinius berichtet über Hippokrates wie folgt: Die schreckliche Pestilentz, welche zu seiner Zeit zu Athen und Illyria einfiel und von ihm vorhin war angezeigt, sol er mit seinen Juengern dergestalt abgewendet haben, daß er die Waelde allenthalben fuer der Statt ließ abhawen und grosse Feuwer drumb her machen.[3] Sicher ist, dass sich in der Schule von Kos die von Hippokrates übernommene Viersäftelehre fest etablierte (Abb. 4.59). Dieser zufolge korrespondierten diesen vier Säften die vier Grundelemente der Naturphilosophie, so dass sich die Eigenschaften der Säfte korrespondierend zu den Eigenschaften der Elemente verhielten. Diese Vorstellung gab den Ansatz für eine einheitliche medikamentöse Therapie, die Disbalancen eines Elementes entsprechend durch Abfuhr oder Zugabe der zuviel vorhandenen oder eben zuwenig angelegten Substanz auszugleichen erlaubte. Ferner ergab sich hieraus auch der Ansatz für eine Diagnose. So konnte doch an den Ausscheidungen des Körpers die Zusammensetzung der Körperflüssigkeiten abgelesen werden. So war an der Verteilung und Beschaffenheit der Körpersäfte abzulesen, ob und inwieweit ein Ungleichgewicht in der inneren Zusammensetzung der Elemente des Körpers eingetreten war. Besondere Bedeutung gewann hierbei die Urindiagnostik. Hierbei war schon für Hippokrates die Farbe und der Geschmack des Urins – etwa ein Test eines möglichen Zuckeranteils – etablierte Diagnosemethode.

Zentrale Therapiemethode war die Diätetik und das Einstellen der Lebensumstände des Patienten. Entsprechend umfassend musste sich dann auch ein Arzt einem einzelnen Patienten widmen, den er mit dieser Therapie und deren Überwachung ja über den gesamten Krankheitsverlauf begleitete.

Abb. 4.59 Schema der Grundorganisation der Körpersäfte und der körperlichen Zustände nach Hippokrates

Die anatomischen und physiologischen Vorstellungen des corpus hippocraticum zeigen den Einfluss Platons auf die Schule von Kos. So lag nach Platon der Sitz der Vernunft im Gehirn. Entsprechend setzt dies auch das corpus hippocraticum an. Dagegen lokalisiert sich das Empfindungsvermögen in der Brust – hieraus erklärt sich dann die besondere Rolle des Herzens in der weiteren Empfindungslehre. Die Begierde hingegen ist im Unterleib beheimatet. Die Leber gilt als Ort des Ahnungsvermögens. Sie stelle – so die entsprechende Schrift – einen glatt glänzenden Spiegel dar, in dem Ereignisse der Zukunft zu erahnen seien. Nahrung wird über den Darm aufgenommen, ins Blut überführt und dann mit diesem im Körper verteilt. Die reinen derart aus der Nahrung aufgenommenen Stoffe lagern sich dabei in der Milz ab, die bei Fieber anschwillt. Knochen, Muskeln und Sehnen gehen aus dem Knochenmark hervor.

  • [1] W. Capelle, Hippokrates: Fünf auserlesene Schriften. Zürich 1955, S. 63
  • [2] Hippokrates, Über die heilige Krankheit, Epid. III, 17, 5–6; zitiert nach: google.de/#hl=de& sclient=psy-ab&q
  • [3] Plinius, Von den Medicis, Apoteckern und Wundärzten, zit. nach: Plinius Gaius Secundus, Buecher und Schriften von der Natur, art und eygenschafft aller Creaturen. Frankfurt 1584
 
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