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4.3.2.2 Die Kaiserzeit

Den Stand des medizinischen Wissens nur wenige Jahrzehnte nach Caesar, zur Zeit des Tiberius, markiert eine Schrift, die in der weiteren Rezeption des medizinischen Denkens kanonisch wurde, und die sich in der Tat durch eine sehr genaue, ins Detail gehende Darstellung medizinischer Therapien und chirurgischer Eingriffe auszeichnet. Dies ist besonders zu erwähnen, da ihr Autor kein Mediziner, sondern wohl ein Berufsoffizier war, dessen Schrift De medicine als Teil einer umfangreichen Enzyklopädie des praktischen Wissens etwa 30 n. Chr erschien. Von deren Verfasser, A. Cornelius Celsus, ist uns kaum mehr als dessen Name bekannt; vermutlich lebte er in der Nähe von Narbonne in Südfrankreich. Von seiner Enzyklopädie, die, neben der Medizin, die Landwirtschaft, die Rhetorik, die Philosophie, die Jurisprudenz und das Militärwesen behandelte, sind uns nur die Bände zur Medizin erhalten. Auch wenn nicht ganz klar ist, ob Celsus die Bücher zur Medizin nur aus ihm vorliegenden Büchern kompilierte, so bleibt doch deutlich, dass dieses für die weitere Rezeption der römischen Medizin zentrale Werk eine Darstellung aus zweiter Hand ist, die eben nur als Teil einer umfassenden Darstellung des praktischen Wissens konzipiert war. Schon zur Zeit des Tiberius wird diese Darstellung des Celsus dann aber etwa von dem römischen Rhetor Quintilian und auch von dem Naturforscher Plinius zitiert, wobei ihn Letzterer als Schriftsteller, nicht aber als Mediziner anführt.

Quintilian

M. Fabius Quintilian war nach Cicero der bedeutendste römische Theoretiker der Beredsamkeit. Geboren etwa um 35 n. Chr. am oberen Ebro – in Calagurris – erhielt er, der Sohn eines Rhetors, in Rom seine Ausbildung bei dem Grammatiker Remmius Palaemon und dem Redner Domitius Afer und kehrte dann gegen 57 nach Spanien zurück. Hier wirkte er als Anwalt, Redner und Lehrer der Rhetorik. Der Statthalter der Nordprovinz Spaniens, der nachmalige Kaiser Galba, nahm ihn 68 mit nach Rom. Unter Vespasian erhielt er dort dann eine gut bezahlte Lehrstelle für Rhetorik, die er 20 Jahre lang bekleidete, ehe er sich mit 90 Jahren vom öffentlichen Leben zurückzog. Neben seinen literarischen Arbeiten unterrichtete er die beiden Großneffen des Kaisers Domitian. Sein Hauptwerk, die institutio oratoria, baute – in stetem Bezug auf seinen Vorgänger Cicero – auf den griechischen Lehrern der Rhetorik auf. Es behandelt die Erziehung eines Redners von der frühesten Jugend an, und gibt uns damit einen Einblick in das Erziehungsprogramm der römischen Bildungselite. Zielstellung ist eine umfassende Beherrschung des Stoffes in Theorie und Praxis und die Ausbildung einer Urteilsfähigkeit in Kunstdingen und damit eines fundierten Geschmackes. So schreibt er über Witz und Humor, über künstlerische Komposition, Struktur und Rhythmus von Sprache und Musik, gibt einen konzisen Führer durch die griechische und römische Literaturgeschichte und schließt mit einer Darstellung von Charakterqualität, philosophischer Bildung und Stilgefühl.

Die zentralen Referenzen dieser Arbeit bilden die Schriften des corpus hippocraticum sowie die Autoren Asklepiades, Herakleides, Erasistratos und Meges von Sidon. Auf Grund dieser Referenzen wurde schon vermutet, dass es sich bei der Arbeit des Celsus um die Übersetzung einer griechischen Schrift handelt, was schon zeigt, wie unsicher die entsprechenden Zuschreibungen sind und wie außergewöhnlich diese Darstellung dann auch in der im engeren Sinne römischen Tradition dasteht.

Die Einführung der Bücher über die Medizin behandelt die Geschichte der Medizin, beschreibt ausführlich die verschiedenen griechischen Schulen und positioniert sich zwischen dem theoretischen Ansatz der Schule des Herophilos und der empirischen Schule. Insoweit erkennt diese Darstellung denn auch die Bedeutung der Anatomie für eine Fundierung der Medizin an und ist entsprechend detailliert in der Darstellung der seinerzeitigen anatomischen Kenntnisse. Das Hauptaugenmerk dieser Bände liegt allerdings auf Fragen der Therapie und der Prognose. Ausführlich behandelt werden Medikation und generelle Vorschriften zur Hygiene und physische Übungen (Gymnastik). Besonders detailliert sind die Beschreibungen zum Problembereich und zur Therapie der fiebrigen Erkrankungen.

Geschätzt wurde diese Studie zur Medizin in der Antike vor allem auch auf Grund ihres Stils. Die Sprache des Celsus ist ausgewogen, seine Gliederung durchdacht; und entsprechend gelten die Bücher über die Medizin als ein frühes Glanzstück der lateinischen Wissenschaftsprosa. Ihr Autor ist Soldat, wie denn auch der später noch zu behandelnde Autor der umfassenden uns überkommenen Kräuterkunde Dioskurides, der Ende des 1. Jh. n. Chr. wirkte, ebenfalls ein Offizier, hier aber nachgewiesenermaßen ein römischer Militärarzt war. Das zeigt schon auf, dass sich die soziale Gewandung der Vertreter des naturwissenschaftlichen Denkens im römischen Reich verändert hat. Dabei sind dies keine Sonderfälle. Wir finden auch den Naturforscher Plinius als römischen Militäroffizier. Die Autoren der verschiedenen noch zu behandelnden Werke zur Naturkunde sind profilierte Politiker, meist mit einer militärischen Ausbildung. Und auch im politischen Bereich beginnt die Karriere eines Römers, sofern er nicht von vornherein einer Familie der politischen Führungselite angehörte, in der Republik wie in der Kaiserzeit beim Militär. Hier – und nicht in Einrichtungen, die den Gymnasien und Akademien Griechenlands entsprechen – wird die römische Jugend geschult. Gebildete Römer, wie Cicero, schließen dann ggf. eine Bildungsreise nach Griechenland und nach Kleinasien an. Zwar kommt 88 v. Chr. der Leiter der Platonischen Akademie, Philon von Larissa, nach Rom. Cicero wird hier sein Schüler. Über Cicero wirken die von ihm vermittelten griechischen Traditionen dann auch in Rom selbst fort. Doch formiert sich dort über das von Cicero weitergetragene Bildungsprofil hinaus eben doch keine auch strukturell fassbare Organisation wissenschaftlicher Forschung. Der Westen des Reiches bleibt in Bezug auf die Wissenschaften Provinz.

 
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