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4.3.2.3 Galen

Und so stammt denn auch der bedeutendste Arzt der römischen Antike aus dem griechischen Kulturbereich Kleinasiens: Claudius Galenus (Galen) wurde 131 n. Chr. in Perga-

Karte 4.10 Karte des römischen Reiches um 120 n. Chr.

mon geboren und starb um 216 in Rom. Sein Vater war der Architekt Nikon, der nach Galens Angaben in Arithmetik, Rechenkunst und Grammatik sehr bewandert war. Pergamon war zu dieser Zeit ein kulturelles und kommerzielles Zentrum Kleinasiens, überdies der Sitz eines der berühmtesten Asklepiosheiligtümer der Kaiserzeit. An den Schulen Pergamons wurden die Lehren der Philosophen Platon, Aristoteles, Epikur, sowie die der Stoiker unterrichtet. Galen wurde in diesem Geist erzogen. Nach mathematischen und philosophischen Studien in Pergamon begann er mit 16 Jahren seine medizinische Ausbildung in Smyrna und Korinth und setzte seine Studien dann in Alexandria fort. 158 kehrte er, nunmehr 28 Jahre alt, nach Pergamon zurück und bekam dort auf Vorschlag des Oberpriesters des Asklepiosheiligtums eine Stelle als Gladiatorenarzt. Er war darin so erfolgreich, dass er diese öffentlich bezahlte Stelle noch dreimal zugesprochen bekam. 162 wandte Galen sich nach Rom, wo er sich als Lehrer der Medizin etablierte, und hierzu unter anderem auch öffentliche Sektionen durchführte. In dieser Zeit erkrankte Eudemos, der ebenfalls aus Pergamon stammte und in Rom ein geachteter Philosoph war, lebensgefährlich. Galen heilte Eudemos und wurde so in Rom mit einem Schlag berühmt. In der Familie des Konsuls Flavius Boëthius wurde er schließlich Leibarzt, nachdem er die Frau des Hauses von einer nicht näher beschriebenen Krankheit geheilt hatte. Unvermittelt verließ Galen dann aber die Stadt Rom, reiste über Kampanien nach Griechenland und war so 166 im Alter von 37 Jahren wieder zurück in Pergamon. Ob er vor der Pest oder etwaigen Streitigkeiten flüchtete, ist unklar. In Pergamon arbeitete er wieder als Gladiatorenarzt und nahm gleichzeitig seine ehemalige Praxis wieder auf. 169 kehrte er dann aber wieder auf Aufforderung der Kaiser Marc Aurel und Lucius Verus nach Rom zurück. 168 schloss sich Galen dann als Militärarzt dem Heer des Marc Aurel an, blieb aber als medizinischer Berater und Leibarzt des Kaisersohnes Commodus in Rom. Nach dem Tode des kaiserlichen Leibarztes Demetrios nahm Galen dessen Stellung ein und blieb wohl auch nach Marc Aurels Tod, 180, in Verbindung mit dem kaiserlichen Hof. Von seinem weiteren persönlichen Geschick ist kaum noch etwas bekannt. Sicher jedoch scheint, dass er weiterhin in Rom praktizierte. Galen hinterließ ein umfassendes Werk. Insgesamt sind dreihundert von ihm verfertigte Arbeiten zumindest vom Titel bekannt. 150 dieser Arbeiten wurden bis in die Neuzeit hinein übermittelt. Die gedruckte Ausgabe seiner Werke umfasst 20.000 Seiten.[1]

Übersicht der Arbeiten Galens

Allgemeine Medizin

De propriis placitis

Ars medica

De optimo docendi genere libellus

De constitutione artis medicae ad Patrophilum liber

De sanitate tuenda libri VI

Methodi medendi libri XIV

De partibus artis medicae

De constitutione artis medicae ad Patrophilum liber

De optimo medico cognoscendo

Definitiones medicae

Anatomie

De anatomia

De anatomia mortuorum

De anatomia vivorum

De anatomiae dissentione

De corporis partibus

Physiologie

De semine libri III

De instrumento odoratus

De partium homoeomerium differentia

De usu partium corporis humani libri I–XVII

De locis affectis libri VI

De pulsibus introductio

De atra bile

Therapie

Methodus medendi libri XIV

Diät und Lebensweise

De bono habitu

De diaeta et morbis curandis

De victu attenuante

De facultatibus naturalibus libri III

De alimentorum facultatibus

De probis, pravisque alimentorum succis

Reinigung (purgatio)

De venae sectione adversus Erasistratum

De curandi ratione per venae sectionem

De hirudinibus, revulsione, cucurbitula, in medicamentis, et quo tempore

De purgantium medicamentorum facultate

Medikamente

De compositione medicaminum per genera libri VII

De simplicium medicamentorum temperamentis ac facultatibus libri I–XI

De compositione medicaminum per singulares corporis partes libri I–X

De simplicium medicamentorum temperamentis et facultatibus libri I–XI

Remedia

De remediis paratu facilibus liber

De remediis parabilibus libri III“ (nach 193 n. Chr.)

De compositione medicamentorum secundum locos I–X

Psychologie

De consuetudinibus

De propriorum animi cuiuslibet affectuum dignitione et curatione

Embryologie und Geburtshilfe

De foetuum formatione

De uteri dissectione

Schriften über Hippokrates

In Hippocratis de aere aquis locis librum commentarii

De elementis ex Hippocratis sententia libri II

De placitis Hippocratis et Platonis libri IV

Hippocratis aphorismi et Galeni in eos commentarii libri

In Hipp. librum de alimento commentarii IV

Hippocratis de humoribus librum commentarii III

Hippocratis de natura hominis liber primus et galeni in eum commentarii

In Hippocratis De natura hominis commentarius tertius

In Hippocratis de victus ratione in morbis acutis

In aphorismos Hippocratis commentarii I–VII

De diaeta Hippocratis in morbis acutis

In Hippocratis prorrheticum I commentaria III

De comate secundum Hippocratem

In Hippocratis prognosticum commentarii III

In Hippocratis Epidemiarum librum commentaria I–VI

Nichtmedizinische Schriften

Adversus Lycum“, „Adversus Iulianum

De ventis, igne, aquis, terra

Galeni in Platonis Timaeum commentarii fragmenta

Lexicon botanicum

Sammelwerke

Das wichtigste Werk stammt aus der Spätzeit Galens und fasst viele der früheren Werke nochmals zusammen: „Die Heilkunst“ (deren Entstehungszeit lag laut Illberg in der Regierungszeit des Septimus Severus, d. h. in den Jahren nach 193 n. Chr.), zitiert werden darin zahlreiche Werke der obenstehenden Liste.[2]

Galen war Eklektiker. Ohne selbst ein schöpferischer Forscher zu sein, fasste er orientiert am corpus hippocraticum die Ergebnisse der griechischen Medizin zusammen. Sein Ziel war, vor die empirische Schule zurückgreifend, die eigentliche hippokratische Lehre wiederherzustellen. Schließlich hatte die Schule von Alexandria die Säftelehre des Hippokrates aufgegeben, und entsprechend auch das vereinfachte, auf Empedokles zurückgehende Ordnungsschema, nach dem die Organe, die Körperflüssigkeiten und die Eigenschaften des Menschen auf ein Grundschema materieller Organisation rückgeführt werden konnten, das zudem auch Mensch und Kosmos und damit auch die Sterne und die Mineralien in ihrer Konfiguration auf das Organisationsschema der menschlichen Existenz bezog – durch physiologische Vorstellungen ersetzt. Entsprechend hatten sich auch die Vorstellungen von der Wirkung der Therapien, nicht aber unbedingt diese selbst verändert. Allerdings war es nach diesem neuen Denken, das zudem durch die Schule des Asklepiades in Rom noch einmal vereinfacht wurde, nicht einsichtig, einfach der Natur Zeit zu lassen, um eine Krankheit gleichsam auswachsen zu lassen. Das Heer und die Verwaltung des römischen Reiches erlaubte es schlicht auch nicht, die dann erforderlichen langfristigen Therapien zur Norm werden zu lassen. Und in dem Moment, in dem nicht mehr nur wenige Nobilitierte, sondern ganze Bevölkerungsschichten Anspruch auf eine medizinische Versorgung hatten, erübrigten sich sowieso derart langwierige und demnach schon von ihrem Personaleinsatz teure Verfahren.

Galen stellte sich gegen diese Entwicklung. Er griff zurück auf die ursprüngliche Säftelehre des Hippokrates, vereinfachte diese jedoch zu einem Schematismus, dem folgend er nun die verschiedenen Funktionen und Wirkungen von Klima, Krankheit, Medikamenten und zeitlichen Konstellationen nach einem Muster behandeln und damit auch in einem Regelwerk fixieren konnte. Galen nahm insoweit die naturphilosophische Grundkonzeption des Hippokrates auf, variierte aber dessen Grundansatz, demzufolge jede Krankheit als Einzelschicksal zu fassen sei, das als eine so auch immer nach individuell variierenden Vorgaben jeweils auf den Einzelfall zuzuschneidende Neueinstellung des Grundgleichgewichtes eines Körpers zu therapieren war. Er entwarf demgegenüber eine nach allgemei-nen Prinzipien einzustellende Therapie. So konnte dann die Therapie als ein zumindest in Grenzen zu schematisierendes Verfahren gelehrt werden. Ein Arzt konnte so nach diesen Prinzipien auf Grund einer Diagnose seine Therapie einstellen.

Galen zufolge war Gesundheit der Zustand, der durch ein ausgeglichenes Verhältnis der den Körper bestimmenden Grundelemente gekennzeichnet war. Dieses Gleichgewicht wurde durch eine rechte Nahrungsaufnahme, durch Atmung und eine natürliche Abgabe von Stoffen erhalten. Dabei nahm er vier Grundeigenschaften der Materie an, die er in den Grundbestimmungen von warm, kalt, trocken und feucht beschrieb. Diese Bestimmungen meinen nun nicht einfach einen äußeren Zustand von Materieeinheiten, sondern bezeichnen mit diesen einfachen Zuordnungen Grundfunktionen des Materiellen, wie wir sie schon in der ionischen Naturphilosophie kennen gelernt hatten. Umschichtungen in diesem Verhältnis bedingen Krankheiten. Diese müssen aber nicht nur von innen, durch unreflektierte Nahrungsaufnahme und ein damit induziertes Ungleichgewicht der Grundkonstellationen des Körpers bedingt sein. Vielmehr wirkte das Umfeld mit seinen Konstellationen auch unabhängig von einer Nahrungsaufnahme oder dem Einatmen von Stoffen jeweils direkt auf den Körper. Galen zufolge gab es hier kritische Konstellationen des Umfeldes und damit dann auch besondere Tage, an denen es besonders einfach war, diesen Gleichgewichtszustand zu verlieren. Dabei war für ihn – ganz gegen die Lehre des Erasistratos und erst recht gegen den vereinfachenden Atomismus des Asklepiades – der Körper nicht einfach ein physiologisch zu fassendes Reaktionsgefüge, vielmehr existiere ein Gleichgewichtszustand, in dem die Grundkonstellationen des Makrokosmos nach Maßgabe des speziellen Zweckbezuges des einzelnen Organismus jeweils speziell abgestimmt waren: In dieser fortlaufenden Abstimmung blieb der Körper lebendig. Diese Abstimmung leistete das sich als Selbstzweck setzende belebende Prinzip, die Seele, die ihren Körper nach ihrer Konstitution und auf ihren Willen hin einstellte. So kann Galen die Vorstellung einer Entelechie, einer sich zweckbezogen einstellenden Organisation des Körpers in diesem Sinne umdeuten. Und so wird ihm der Körper zu einem Instrument der Seele. Das Göttliche und dessen Vollkommenheit spiegele sich, so Galen, im Körper des Menschen und in dessen Reaktionen wider. Insoweit war Galens Vorstellung von Medizin denn auch mit der späteren christlichen Vorstellung einer gottgeschaffenen Natur und der herausgehobenen Stellung des Menschen in dieser Schöpfung vereinbar.

Dabei arbeitete Galen im Detail durchaus auch im Sinne der alexandrinischen Schule, beschrieb die Anatomie des Knochengerüstes, der Muskeln und des Nervensystems sowie die Struktur von Verdauungs- und Fortpflanzungsorganen. Er nennt fünf Augenhäute und unterscheidet vier Flüssigkeiten des Auges. Er teilte die Organe nach ihren Funktionen ein (z. B. Blutzubereitung, Verdauung, Ausscheidung, Aufnahme und Verbreitung des Pneumas). Die Hirnventrikel waren ihm ebenso bekannt wie der Unterschied zwischen Empfindungs(sensorischen Nerven) und Bewegungsnerven (motorischen Nerven). Das Gehirn ist dank des psychischen Pneuma, das in den Seitenventrikeln bereitet wird (spiritus animalis) und über die hohlen Nerven zu den Organen gelangt, Sitz des Denkens, der Empfindung und Bewegung. Von ihm findet sich auch eine minutiöse Beschreibung der Anatomie der Hand und der Finger und der ihnen möglichen Bewegungen.

Allerdings ist unklar, ob er auch außerhalb Alexandriens menschliche Körper obduziert hatte. Sicher hat er Schweine, die ja von der Nahrungsaufnahme her unserer Physiologie sehr nahe kommen, seziert und anhand der Darstellung der so gewonnenen Eindrücke Rückschlüsse auf die anatomische Organisation des Menschen gewonnen. Er beobachtete im Tierversuch, dass die Durchtrennung der Medulla oblongata (verlängertes Rückenmark) Atemstillstand zur Folge hat, dass eine Durchtrennung des Nervus recurrens (rückläufiger Nerv) zum Verlust der Stimme führt, und dass Rückenmarksläsionen Querschnittslähmungen verursachen. Er unterschied willkürliche und unwillkürliche Muskeln und erkannte durch Experimente die Funktion der Harnleiter. Durch Abbinden dieses Gefäßes bewies er, dass der Urin in der Niere und nicht in der Blase erzeugt wird. An Körperfunktionen unterscheidet Galen: einfache (Hunger, Verdauung, Expulsion und Retention) sowie zusammengesetzte Bewegungen. Die wichtigsten zusammengesetzten Körperfunktionen sind in der Lehre von den „digestitiones“ (Verdauungen) und der Blutbewegung sowie der Pulslehre zusammengefasst.

Vom Bau her unterscheidet er im Körper die ursprünglichen Organe, an denen Gefäße inserieren. Dies sind für ihn Hirn, Herz, Leber und Testes. Aus diesen hervorgehende und so diesen ursprünglichen Organen zuarbeitende Organe, sind dann jeweils entsprechend Nerven und Rückenmark, Adern und Samengefäße. Die Nerven enthalten ihm zufolge einen Hohlraum, der mit spiritus animalis gefüllt ist. Darüber vermitteln sie den Organen ein Gemütsoder Bewegungsprinzip, das – ihm zufolge – so wichtig sei, wie das Licht, das uns von der Sonne geschenkt wird. Daneben gibt es für ihn dann sogenannte autonome Organe, dies sind Knorpel, Knochen, Bänder, Membranen, Drüsen, Fett und einfaches Fleisch. Und schließlich identifiziert er von dem Gefäß- und Nervensystem abhängige Organe; das sind all die übrigen Organe wie Magen, Nieren und Eingeweide. Dabei sind Galen zufolge all diese Organe, ganz im aristotelischen Sinne, als zweckbestimmte Teile des Körpers zu beschreiben. Sie sind derart entwickelt und mit solchen Fähigkeiten versehen, dass sie ihre Funktion richtig erfüllen und dem Organismus gut dienen können. Dabei führen Organe, Nerven und Pneuma ein eigenständiges Leben, das aber zum Leben des ganzen Organismus beiträgt. Der Magen nimmt die Nahrung auf oder stößt sie ab. Die Niere verarbeitet die flüssigen Säfte, die Milz absorbiert die Überreste aus der Leber, die sie durch die Milzader erhält. Die Gallenblase nimmt die überflüssige Gallenflüssigkeit auf. Außer der Fähigkeit der Flüssigkeitsaufnahme besitzt die Gallenblase noch drei weitere Funktionen: die des Zurückhaltens, die des Umwandelns oder Verdauens und die des Ausstoßens.

So entwickelt sich dann die Galen'sche Vorstellung von einem Stoffumsatz: Aus dem Speisebrei entsteht im Magen-Darm-Kanal durch mechanisches Zerreiben wie Zersetzung der Chylus. Von den Überschussstoffen werden die erdigen Bestandteile von der Milz angezogen, die die schwarze Galle daraus bereitet. Die Abfallstoffe werden durch den Darm ausgeschieden. Der Chylus gelangt mittels anziehender Kräfte über die Pfortader in die Leber. In der Leber entsteht aus dem Chylus mit Hilfe des physischen Pneumas (Spiritus naturalis) das Blut als Gemisch der vier Körpersäfte. Den Überschuss zieht als gelbe Galle die Gallenblase ab und gibt ihn als Harn ab. Das Blut gelangt zur Ernährung der Organe durch die Venen in die Peripherie des Körpers und verteilt sich dort in die einzelnen Gewebe. Der größte Teil verlässt die Leber jedoch durch die Lebervenen, gelangt in die Vena cava und von dort in die rechte Herzkammer. In der rechten Herzkammer wird dieses Blut durch die in der linken Herzhälfte lokalisierte, eingepflanzte Wärme gekocht und gereinigt. Als Abfallprodukt entsteht hier eine Art Ruß, der über die Vena pulmonalis in die Lunge geführt wird und bei der Ausatmung entweicht. Durch die Arteria pulmonalis gelangt ein Teil des zur Nahrung dienenden venösen Blutes in die Lunge und durch die Vena cava superior in den Kopf und die Arme.

Die in der linken Herzkammer eingepflanzte Wärme wird durch die Atemluft (Pneuma) unterhalten. Die Atemluft dient dabei auch der Kühlung beim Kochungsprozess. Diese Luft gelangt über die Vena pulmonalis in die linke Herzkammer. Zudem wird bei der Ausdehnung des schlagenden Herzmuskel über die Vena pulmonalis Pneuma in die linke Herzkammer gesaugt und dort zu Lebenspneuma (Spiritus vitalis) umgebildet. Durch Löcher im Septum, der Haut, die die linke und rechte Herzkammer voneinander trennt, gelangt das im rechten Ventrikel verbliebene Blut in den linken Ventrikel. Dort entsteht ein Gemisch aus dem ernährenden Blut und Lebenspneuma, das während der Kontraktionsphase des Herzmuskels in das Arteriensystem getrieben wird. Zusammen mit dem venösen Blut ernährt das arterielle Blut, das das Lebenspneuma enthält und sich demnach auch in der Färbung vom venösen Blut unterscheidet, die Organe. Diese geben dann noch anfallende Abfallstoffe mit dem Schweiß über die Haut ab. Das Blut wird demnach in den Organen aufgebraucht und beständig in der Leber neu gebildet. Es gibt Galen zufolge also keinen Kreislauf, sondern nur eine Blutbewegung vom Herz in die Peripherie, die von der Leber und vom Herzen ausgeht, in fast allen Gefäßen in peripherer Richtung verläuft, allerdings in den Gefäßen bei Bedarf auch die Richtung wechseln kann. Damit wird dann auch einsichtig, wie das Ungleichgewicht der Säfte, das die verschiedenen Krankheiten verursacht, zu therapieren ist. Zum einen die Nahrung so einzustellen, dass das etwaige Ungleichgewicht zu korrigieren ist, dazu können Medikamente den Stoffwechsel anregen oder gezielt einzelne Elemente hinzufügen. In einer akuten Krankheitssituation sind aber dann die krankheitsverursachenden Stoffe abzuziehen. Und das geschieht, weil das Blut ja fortlaufend neu gebildet wird, dadurch, dass ein Patient zur Ader gelassen wird. So wird also auch bei hohem Fieber, der Galen'schen Lehre nach, die Ursache solch einer lebensgefährlichen Situation dadurch bereinigt, dass Blut abgeführt wird, was natürlich nach unserer Vorstellung, die wir von einem geschlossenen Blutkreislaufsystem ausgehen, alles andere als fördernd für den Patienten wirkt.

Hinter dieser Therapie steht die von Galen ausgearbeitete Humorallehre als Lehre von den Körperflüssigkeiten, die die Basis der Galen'schen Vorstellung der Krankheitsursachen bildet. Es gilt die Summe und das Gleichgewicht der Kräfte durch die richtige Einstellung der Körpersäfte aufrechtzuerhalten. Dabei schuf Galen ausgehend von Hippokrates und der aristotelischen Elementelehre ein umfassendes System der Humoralpathologie. Den vier Elementen mit ihren Qualitäten entsprechen die vier Körpersäfte mit ihren Qualitäten. Die vier Säfte werden jeweils in einem bestimmten Organ produziert und herrschen in bestimmten Jahreszeiten und in bestimmten Lebensphasen vor. Auch in die Konstituti-

Abb. 4.60 Stofffluss nach Galen, vgl. Text für Details

onslehre brachte Galen ein System. Es gibt, da jeweils ein Körpersaft in der Säftemischung vorherrschen kann, viererlei Mischungen, die die körperliche und seelische Verfassung des Menschen bestimmen, die aber letztlich auf der Verteilung der vier Grundelemente basieren. Und so kennt er denn auch vier Temperamente

Den Elementen Luft – Feuer – Erde – Wasser entsprechen dabei die Qualitäten warm – feucht – trocken – kalt.

Diesen Grundqualitäten sind nun wieder die Körpersäfte zugeordnet:

Blut – gelbe Galle – schwarze Galle – Schleim,

die entsprechend dann aber auch ihrerseits jeweils nach diesem Schematismus über

warm – feuchtwarm – trockenkalt – feucht zu qualifizieren sind.

Diesen Körpersäften sind nun wiederum die diese Säfte produzierenden Organe zuzuordnen, das sind: Herz – Leber – Milz – Gehirn (Abb. 4.60).

Im Jahresverlauf sind diese Säfte nun ihrerseits entsprechend der zuzuordnenden Jahreszeit dominant – und so entsprechen einzelne dieser Qualitäten im Zeitverlauf des Jahres dann auch den vier Jahreszeiten: Frühling – Sommer – Herbst – Winter. Und entsprechend sind denn auch die Lebensalter, in denen jeweils einer dieser vier Säfte vorherrscht, in einem Vierer-Schema zu ordnen: Kindheit – Jugend – Mannesalter – Greisenalter.

Und schließlich gibt es nach Galen jeweils den Körpersäften zugeordnete Temperamente. So entspricht nach Galen

• dem Blut – Einfalt, Naivität;

• der gelben Galle – Verstand, Scharfsinn;

• der schwarzen Galle – Beständigkeit, Gesetztheit;

• nur der Schleim habe keine Wirkung auf Charakter und Intelligenz.

In der spätantiken Rezeption Galens wird diese Zuordnung dann auch mit der aristotelischen Charakterlehre in Verbindung gebracht:

• Das Blut – ist das heitere Prinzip,

• der gelben Galle – entspricht ein aufbrausendes, kühnes Temperament,

• wohingegen die schwarze Galle einen trotzigen und unverschämten Charakter bestimmt und der Schleim schlicht auf einen trägen und törichten Charakter hindeutet.

Daraus wird dann das Temperamentenschema abgeleitet, demnach:

• das Blut für den Sanguiniker,

• die gelbe Galle für den Choleriker steht,

• und die schwarze Galle den Melancholiker auszeichnet,

• wohingegen der Schleim dem Phlegmatiker entspricht. (Abb. 4.61)

Gesundheit besteht nach Galen, wenn alle Körperbestandteile, d. h. Säfte, Pneuma und gleichartige und ungleichartige Körperteile („res naturales“), in richtiger Qualität und Quantität vorhanden sind und alle Körperfunktionen im Sinne der Zweckmäßigkeit (Teleologie) ungestört ablaufen (Homöostase). Nach Galen ist keinerlei Störung der Körperfunktionen ohne krankhafte Veränderung des für sie in Betracht kommenden Teils möglich. Daraus folgt auch, dass die galenische Krankheitslehre nicht rein humoral ist. Galen teilt die Krankheiten etwa folgendermaßen ein:

a) Krankheiten durch Veränderung der Körpersäfte, dabei räumt Galen den qualitativen und quantitativen Anomalien des Blutes – und hierin bezieht er sich auf Erasistratos – mehr Bedeutung ein als den Veränderungen der übrigen Körpersäfte.

b) Allgemeine oder humorale Krankheiten, die durch Veränderungen des Pneuma hervorgerufen werden, dies sind – entsprechend der sogenannten pneumatischen Schule der Stoa – z. B. Fieber und Entzündungen

c) Krankheiten der gleichartigen Teile (der Gewebe des Aristoteles) bzw. abnorme mechanische Zustände.

Abb. 4.61 Das Schema der Körpergrundfunktionen und der zugeordneten Körperzustände nach Galen

d) Krankheiten der Organe. Sie können primär oder sekundär entstehen, z. B. durch Veränderungen von Bau, Zahl, Umfang, Lage oder Trennung ihres Zusammenhangs.

Galen kennt innere Krankheitsursachen, wie z. B. die Beschaffenheit der Körpersäfte, die Veränderung von äußeren Faktoren wie Luft, Speise und Trank, Bewegung und Ruhe, Schlafen und Wachen, Ausscheidungen und Verhaltungen. Er erkennt aber auch, dass die Affekte der Seele Krankheiten verursachen können. Im gesamten Krankheitsvorgang unterscheidet Galen prädisponierende Ursachen (angeboren) = „causae antecedentes“, Gelegenheitsursachen (erworben) = „causae primitivae“ und unmittelbare Ursachen = „causae efficientes“. Letztere können das Leiden zum Ausbruch bringen. Nach der Veränderung des betroffenen Teils entsteht eine Störung der Funktion im Körper, die wiederum den wirklichen Krankheitszustand verursacht. Der Krankheitszustand manifestiert sich nach außen hin in Symptomen, die teils auf unmittelbarer Schädigung beruhen, teils Ausdruck der dadurch hervorgerufenen Folgen sind.

Die erste Aufgabe des Arztes ist es – ganz entsprechend der Lehre des Hippokrates – die Naturheilkraft zu unterstützen, zu einem therapeutischen Eingreifen ist der Arzt erst befugt, wenn das Ausmaß des krankhaften Prozesses die Kraft der physis und damit die natürliche Heilkraft übersteigt. Für eine etwaige Therapie – und das unterscheidet ihn von dem nur Fallstudien als Vergleichsmaterial zulassenden Hippokrates – vermag er nun allerdings, basierend auf seiner Humoralpathologie, eine methodische Anleitung zu geben. So schuf Galen, um die Anwendung der therapeutischen Maßnahmen zu optimieren, die Lehre von der Indikation. Danach waren Wahl, Dosierung und Applikationsart der Heilverfahren auf die Art der Krankheit, das betroffene Organ, die individuelle Konstitution des Kranken und die äußeren Umstände abzustimmen.

Ein wichtiger Grundsatz ergibt sich dabei aus der Auffassung, dass die Krankheit Resultat eines gestörten Gleichgewichts der Körperfunktionen ist. Demnach wären die Krank-heiten durch die entgegengesetzt wirkenden Mittel zu bekämpfen. So verschreibt er wärmende Mittel, wenn die Krankheit auf Kälte zurückzuführen ist; bei Rheuma und Gelbsucht verordnet er eine Diät, die die Säfte wieder flüssig machen soll. Daneben kennt er aber auch die gezielte Applikation von Drogen. Das Medikament oder Pharmakon definierte Galen als Substanz, welche im Körper Veränderungen hervorruft: Die Anwendung von Medikamenten bildet denn auch das Kernstück galenischer Therapien. Galenus betont die Wichtigkeit, sie richtig anzuwenden, nämlich nach wissenschaftlicher Methode und mit Vorsicht: Um diese richtige Anwendung der Heilmittel zu gewährleisten, errichtete Galenus eine systematische Lehre der Pharmakotherapie. Diese baute auf seiner Humoralpathologie und der dieser zugrunde liegenden naturphilosophischen Vorstellung der vier Grundelemente der Natur auf und ordnete jedem Mittel nunmehr – bezogen auf diesen Vorstellungsrahmen – bestimmte Eigenschaften und Wirkungsweisen zu.

Dabei unterschied Galen drei Klassen von Heilmitteln:

1. Medikamente, die durch ihre Elementarqualitäten (warm, kalt, feucht, trocken) wirken,

2. Medikamente, die durch ihre zweiten Qualitäten, die Kombination von Primärqualitäten wirken und somit Haupt- und Nebenwirkungen äußern, also z. B. warm und auch noch trocken.

3. Medikamente, die spezifisch, d. h. durch die natürlichen Fähigkeiten ihrer Substanz wirken, wie Brech- und Abführmittel.

Weiter werden vier Wirkungsgrade angeführt:

a) kaum merkliche Wirkung

b) deutliche Wirkung

c) starke Wirkung (bereits leichte Schädigung möglich)

d) sehr heftige Wirkung, die zerstörerisch sein kann; so ist z. B. Opium kühlend im

4. Grad, es muss deshalb zusätzlich mit einem erwärmenden Mittel verordnet werden.

Nach ihrer Wirkungsweise unterscheidet Galen Medikamente, die sofort, und solche, die erst mit der Zeit wirken. Neben den einfachen Mitteln werden auch zusammengesetzte genannt. In diesen konnten mehrere Kräfte vereinigt werden, was eine Verfeinerung und Individualisierung der Therapie erlaubte. Bei der Zusammensetzung dieser Mittel soll sich der Arzt nach genauer Überlegung, Beobachtung der Natur, nach der Erfahrung und dem Geruch, Geschmack und Aussehen der Medikamente richten und schließlich sogar die Wirkung durch Experimente feststellen.

  • [1] Galeni Opera Omnia. Leipzig 1821–1833
  • [2] J. Illberg, Über die Schriftstellerei des Klaudios Galenos. Darmstadt 1974
 
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