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4.3.2.4 Spätantike, Byzanz und die Völkerwanderungszeit

In der medizinischen Literatur nach Galen finden sich zunächst im Wesentlichen Epigonen. Zwar lässt sich in einzelnen Überlieferungen eine Verfeinerung der Diagnose nachweisen, doch bleibt Galen die zentrale Autorität, die das medizinische Denken, hinsichtlich der physiologischen Vorstellungen bis ins 15. Jahrhundert, hinsichtlich des Therapieansatzes aber auch darüber hinaus, bis in das 18. Jahrhundert hinein, bestimmt. Galen wurde kanonisch und somit zumindest im Areal des Weströmischen Reich verbindlich.

Etwas anders sieht es im östlichen Bereich des Mittelmeerraumes aus. Hier, im Kulturraum des späteren Byzantinischen Reiches, schreibt sich über Alexandrien zunächst die reiche griechische Tradition fort und wir können so etwa mit Oreibasios und dem Chirurgen Paulos von Aegina über die gesamte Spätantike bis in das beginnende Mittelalter eine kontinuierliche Fortentwicklung der Denkansätze, die bei Galen formuliert sind, feststellen. Dabei gelten aber auch hier die Entwicklungen vor allem der Therapie und der Diagnose. Die von Galen formulierte Humoralpathologie bleibt verbindlich. Allerdings blieb der reiche Literaturbestand funktionsmorphologischer, anatomischer und therapeutischer Befundungen der griechischen Medizin bis in das frühe Mittelalter erhalten. So integrieren die verschiedenen für uns greifbaren Mediziner des 3. bis 7. Jahrhunderts dieses Wissen, auch die eigenständigen babylonischen und ägyptischen Traditionen, in ihren Wissenskontext.

Bedeutsam ist zudem die Fortentwicklung des chirurgischen Instrumentariums. Wie schon benannt, waren Augenoperationen, auf Grund der Trennung der Flüssigkeit des Glaskörpers von der Blutbahn nicht so problematisch wie andere chirurgische Eingriffe, bei denen die noch bis in das 18. Jahrhundert hinein mangelnde Sterilität des Operationsbestecks meist eklatante Folgen hatte. Hier lässt sich über die Spätantike hinweg eine fortwährende Verfeinerung der Operationstechniken verfolgen, was man auch in den überkommenen Angaben zur Spezifizierung der augenchirurgischen Instrumente ablesen kann.

Eckdaten Byzanz

293 Reichsreform des Diokletian, Tetrarchie: Nicomedia, Kleinasien als Hauptstadt des Osten, Mailand als Hauptstadt von Italien und Afrika, Trier und York als Hauptstädte von Spanien, Gallien und Britannien sowie Sirmium als Hauptstadt von Illyriucum, Makedonien und Griechenland.

303–311 Christenverfolgung unter Diokletian, beendet mit dem Toleranzedikt von Mailand: Völlige Religionsfreiheit, Abschaffung des Staatskultes, Rückgabe des kirchlichen Eigentums.

324–337 Konstantin der Große.

11.5.330 Byzantium wird nach Umbenennung in Konstantinopel christliche Reichshauptstadt

395 Nach dem Tod des Theodosius, Ende der Reichseinheit, Bildung eines Ost- und eines Weströmischen Reiches.

476 mit Absetzung des Romulus Augustulus durch Odoaker erlischt das Weströmische Reich.

527–565 Kaiser Justinian, beendet den Krieg mit den Persern.

529 Schließung der Akademie in Athen.

533 Eroberung des Vandalenreiches durch Belisar für Justinian.

534 Kodifikation des römischen Rechtes und im Anschluss Publikation des Codex Justinianus, der Sammlung Kaiserlicher Konstitutionen.

535–552 Belisar und Narses erobern Rom und Italien für Justinian.

568 Langobarden in Italien. 570–632 Prophet Mohammed.

610–1204 Mittelbyzantinisches Reich. Griechisch wird Amtssprache.

15.6.622 Hedschra, Auswanderung des Propheten aus Mekka nach Yathrib-Medina, Beginn der islamischen Zeitrechnung.

632–644 Nach dem Kalifen (Nachfolger) Abu Bakr wandelt Omar, der Beherrscher der Gläubigen, den arabischen Staat in ein theokratisches Weltreich um.

642 räumen die Byzantiner Alexandria, Vernichtung des Museions und der Bibliothek.

661–750 Dynastie der Omaijaden, Angriffe gegen Byzanz scheitern, Erweiterung des Omaijadenreiches im Osten nach Kabul, Buchara und Samarkand und im Westen über Nordafrika nach Spanien; Toledo fällt 712; das nach Frankreich vordringende Heer der Omaijaden bleibt 721 bei Toulouse siegreich, wird aber 732 bei Tours geschlagen und zieht sich hinter die Pyrenäen zurück.

867 Patriach Photios löst die Orthodoxe Kirche von Rom.

unter Basileios I. (Herrrschaftszeit: 867–886) und Leon IV. (Herrrschaftszeit: 886–912) Neubelebung des Römischen Rechts, der Kaiser gilt als Auserwählter Gottes, Wiederherstellung einer byzantinischen Herrschaft in Italien nach Einnahme von Benevent (873) und Bari (876).

nach 907 verstärkte Angriffe der Bulgaren auf Byzanz.

976–1025 Höhepunkt der Machtentfaltung unter Basileios II, Ausbreitung des orthodoxen Glaubens in Rußland, Erweiterung des Herrschaftsgebietes auf Kreta, Zypern, Kilikien und Palestina, 1018 wird auch Westbulgarien byzantinische Provinz.

1203 1. Eroberung von Byzanz durch die Kreuzfahrer, Errichtung des lateinischen Kaiserreiches.

1261 Auflösung des lateinischen Kaiserreiches. 1351–1354 Epoche der Bürgerkriege.

29.5.1453 Fall von Konstantinopel, Entstehung eines asiatisch-europäischen türkischen Großreiches.

Beginnend mit Justinian wurde nun aber auch die öffentliche Wohlfahrt und damit die medizinische Versorgung der Bevölkerung massiv vorangetrieben. Justinian und dessen Nachfolger gründeten zahlreiche Krankenhäuser, Altenheime, Lazarette, Waisenhäuser, Krippen, Spitale für Aussätzige, Armenapotheken und Siechenhäuser und statteten sie dann auch aus. Dieses Umdenken in der öffentlichen Wohlfahrt entsprach der christlichen Caritas und der daraus folgenden Verpflichtung insbesondere des Kaisers, als dem höchsten weltlichen Repräsentanten Gottes, für die Leidenden und Armen. Dies hatte für die Medizin des oströmischen Reiches weitreichende Konsequenzen Dabei waren die karitativen Einrichtungen einem vom Kaiser bestellten Leiter, dem großen Orphanotrophen, unterstellt. Diese derart zentral verwalteten Einrichtungen bildeten die Grundlage für eine umfassende, zunehmend auch aktiv betriebene praktisch angewandte Forschung zur Erprobung von Heilmitteln und der Variation und Entwicklung von Therapien. Zugleich wurden mit der Gründung von Klöstern und von Gemeinden neue soziale Organisationsformen geschaffen, die insbesondere auch für die Fortführung karitativer Initiativen, aber auch für die Übernahme und Verbreitung gerade medizinischen Wissens zentrale Bedeutung hatten. In Byzanz legten sich diese Entwicklungen in der Spätantike an und bauten sich – trotz des kontinuierlich sinkenden politischen Einflusses dieses Staates – bis in das endende Mittelalter hin aus. So finden wir in Byzanz die antiken Traditionen in einer ungebrochenen Vermittlung, teilweise überdeckt durch innerchristliche Auseinandersetzungen, die gegebenenfalls mit einer Neubewertung von einzelnen tradierten Inhalten einhergehen, die hier aber nie – im Gegensatz zum weströmischen Bereich – zu einem wirklich radikalen Bruch mit den verfügbaren Wissenstraditionen geführt haben. Dabei zeigt sich bei den gräkobyzantinischen Autoren, soweit sie für uns derzeit greifbar sind, dass die Entwicklung hin zur klinischen Beobachtung – getragen durch die neue Organisation des Gesundheitswesen – zur Anwendung experimenteller Methoden und zu einer umfassenden Verifikation einzelner Aussagen im Zusammenhang umfassender Therapieerfahrungen führte.

Alexander von Aphrodisias, der Ende des 2., Anfang des 3. Jahrhunderts, also nur wenig versetzt zur Wirkungszeit des Galen, lebte, ist einer dieser in der Spätantike greifbaren gräko-byzantinischen Autoren. Er wuchs in Kleinasien auf, studierte und unterrichtete später in Alexandria und suchte dort die aristotelische Wissenstradition mit der pneumatischen Schule der Stoa zu verbinden.

Richtmaß seiner Arbeiten war der Schriftcorpus des Aristoteles, den er aber im Sinne der Stoa interpretierte. Neben philosophischen Arbeiten verfasste er eine Darstellung über Medizinische Fragen und Fragen der Physik sowie eine Abhandlung über das Fieber. Während die erste Arbeit, rein eklektisch, Einzelfragen zu beantworten sucht, zeigt die zweite Studie, in der er sich mit Galen auf Hippokrates beruft, wie rasch die Galen'schen Ideen sich auch im kleinasiatisch/ägyptischen Bereich verbreiteten.

Über das Leben des Antyllos, der im 3. Jahrhundert zu verorten ist, wissen wir nahezu nichts. Überliefert sind uns aber Fragmente seiner Schriften Über die Mittel zur Behandlung und Über die Chirurgie. In ihnen zeigt sich der Entwicklungsstand der gräkobyzantinischen medizinischen Praxis. So beschreibt er die Behandlung eines Aneurisma: Er legt dar, dass hierzu eine Ligatur oberhalb und unterhalb der Gefäßaussackung anzusetzen sei, und darauf dann, möchte man das Aneurisma operieren, diese Aussackung zu öffnen wäre. Bei ihm findet sich auch eine erste detaillierte Beschreibung eines Luftröhrenschnittes. Er operierte Abszesse und Fisteln, beschrieb die Resektion von Krampfadern und die Operation des Grauen Stars durch Absenken oder Aufsaugen der befallenen Linse. Er beschreibt – analog zu Asklepiades – physikalische Therapien und Wasserheilkunde sowie gymnastische Übungen.

Durch Oreibasios, der in seinen medizinischen Sammlungen tradierte Auffassungen und Therapiemaßnahmen der griechischen Medizin eingehender und explizit behandelt, sind wir über weitere Ärzte aus Alexandria und deren Umfeld orientiert. Deutlich werden eine zunehmende Differenzierung der therapeutischen Maßnahmen und eine zunehmende Differenzierung chirurgischer und orthopädischer Verfahren. Die zentrale Gestalt in dieser Tradition ist im 4. Jahrhundert eben dieser Oreibasios. Als Spross einer Patrizierfamilie ist er 325 in Pergamon geboren. Seine Studien schließt er in Alexandria ab, folgt von dort aber Kaiser Julian 355 nach Gallien. 361, nach Krönung von Julian in Konstantinopel, wird er dort zum Quästor des Palastes ernannt, fällt aber dann 363, nach dem Tod des Julian, in Ungnade und flüchtet zu den Goten. Von dort wird er aber bald nach Byzanz zurückgerufen, wo er sich dann endgültig niederlässt. Auf Verlangen des Kaisers Julian schuf er eine umfassende Darstellung des Kenntnisstandes der seinerzeitigen Medizin, seine Medizinische Sammlung, die in 70 Bänden erschien, von denen noch 25 Bände erhalten sind. Die zentrale Referenz dieser Texte ist Galen, aber auch die Befunde und Interpretationen anderer Autoren des gräko-byzantinischen Bereiches sind eingehender dargestellt. Die ersten Bände behandeln Ernährung, Nahrungsmittel und Getränke, ein Band stellt die Lehre von der Blutentziehung – im Galen'schen Sinne – dar. Das neunte Buch handelt über die Wirkung des Klimas auf die Gesundheit, über äußere Erreger und – das erste Mal in der uns greifbaren medizinischen Literatur – die speziellen Gesundheitsprobleme im Bereich der Großstadt. Es folgen Bücher über Bäder, eine Materia medica, die sich eng an Dioskurides orientiert, sowie Darstellungen der Anatomie und Embryologie. Der der Chirurgie gewidmete Band beschreibt die Operation von Abszessen und Fisteln, Knochenbrüchen und Verrenkungen sowie die Anlage von Bandagen und Maschinen zum Einrichten etwaiger Verrenkungen. Weitere Bücher behandeln die Säftelehre und die Vorstellung von den Temperamenten.

Neben dieser umfassenden Sammlung veröffentlichte er auch eine kurze Synopsis seiner Sammlung, die den Stoff auf neun Bücher kondensierte. Diese Darstellung gewann schon im 4. Jahrhundert große Verbreitung und wurde noch im 7. Jahrhundert ins Lateinische übersetzt. Die ersten drei Bücher widmen sich den verschiedenen Behandlungsmethoden, Buch vier und fünf beschreiben Nahrung und Hygiene, das sechste Buch umfasst eine Lehre von den Krankheitszeichen, in der insbesondere die Urindiagnostik, die Uroskopie, breiteren Raum einnimmt. Band sieben behandelt die äußeren Krankheiten, und die letzten beiden Bände widmen sich der inneren Medizin. Sein Buch über Bandage und Maschinen wird nach Beschluss der medizinischen Fakultät der Universität Paris vom 11.7.1607 noch bis ins 18. Jahrhundert als Lehrbuch verbindlich.

Es zeigt sich hier, dass trotz der Reorganisation der Politik und dem Neuaufbau des politischen Zentrums Konstantinopels Alexandria im Bereich der medizinischen Ausbildung seine zentrale Rolle behält. Und auch im sechsten Jahrhundert schließt Alexander von Tralles, der Neffe des Architekten der Hagia Sofia in Konstantinopel, seine medizinischen Studien in Alexandria ab. Darauf reiste er anscheinend mit dem Heer Justinians, dessen Feldherren es ermöglichten, zumindest kurzzeitig, wieder ein vereinheitlichtes West- und Oströmisches Reich zu beherrschen. Von Alexander sind 12 Bücher über die Medizin erhalten, die – wie er selbst schreibt – ein Wissen vermitteln, das er in einer langjährigen medizinischen Praxis erworben hatte. Dies ist insoweit eine Darstellung eines Praktikers für Praktiker und hierin charakteristisch für die medizinischen gräko-byzantinischen Autoren. Er beschreibt die häufigsten Krankheiten, deren Symptomatik und die möglichen Therapien. Er verfertigte zudem eine kurze Abhandlung über das Fieber, eine Darstellung der Eingeweidewürmer sowie eine allerdings komplett verlorene Abhandlung über Knochenbrüche und Kopfverletzungen. Seine Schriften zeigen, dass er ganz in der Tradition Galens steht, über ihn auf Hippokrates zurückblickt und dabei doch die eigene Erfahrung mit in seiner Darstellung einbindet. Die Kunst der Heilkunde, so führt er aus, folge nicht festen Gesetzen, sondern einer immer wieder neu zu differenzierenden Erfahrung. Wichtig ist die Beobachtung des einzelnen Falles und so legt er großen Wert auf eine detaillierte Darstellung der Symptomatik.

Der größte Arzt des 7. Jahrhunderts ist der etwa von 620–680 lebende Paulos von Aegina. Auch er studierte in Alexandria und fasst aufbauend auf den übermittelten Erfahrungen, nach Vorbild der Alten, auch einige Erfahrungen, die er bei der Ausübung der Kunst selbst gemacht und erprobt hat. Diese stellt er in seiner Sammlung über die Medizin in sieben Bänden dar. Diese sehr klar und praxisorientiert geschriebenen Bände wurden denn auch direkt von den Arabern übersetzt und sind – neben der Arbeit des Celsus – die einzigen uns komplett erhaltenen Schriften der antiken Medizin der Jahrhunderte nach Christi Geburt. Ihrem Charakter nach ist diese Sammlung keine einfache Anthologie, sondern eine sorgfältig ausgewählte und konzentriert wiedergegebene Darstellung von Exzerpten medizinischer Autoren, die von Paulos von Aeginae mit eigenen, auf Grund seiner Erfahrungen erarbeiteten Kommentaren versehen sind.

Das erste Buch dieser Sammlung behandelt Hygiene und Diätetik; das zweite Buch die Fieberkrankheiten. Das dritte Buch widmet sich lokalisierten inneren Krankheiten: Darunter versteht Paulos etwa schwere Entbindungen oder die Behandlung von Abszessen an der Gebärmutter. Das vierte Buch behandelt äußere Krankheiten, das fünfte die Toxikologie und das sechste die Chirurgie. Hierzu schreibt Paulos: Wir teilen unsere Sammlung über die Chirurgie in zwei Abschnitte ein. Davon beschäftigt sich der eine mit Krankheiten der fleischigen Körperteile, der andere mit Knochenkrankheiten, sowohl mit Brüchen als mit Verrenkungen, und wir beginnen mit der uns eigenen Knappheit .... Von den 122 Paragraphen dieses Buches behandeln die ersten 22 die Operationen am Auge. Darauf folgen Darstellungen von Eingriffsmöglichkeiten an Ohren, Polypen, Zahnfleisch und Zähnen. Im § 30 wird im Verweis auf Asklepiades das Vorgehen bei einem Luftröhrenschnitt beschrieben, wobei sich hier nun genaue Angaben finden. Dargestellt wird auch, wie ein Überbein zu entfernen ist und wie eine von Krebs befallene weibliche Brust zu amputieren ist. Weiter beschreibt Paulos die Öffnung von eitrigen Stellen, die Behandlung von Aneurismen, die Drainage von Bauchwasser mittels einer Kanüle sowie das Entfernen von Gallen- und Nierensteinen. Beschrieben wird ferner der Dammschnitt sowie die Entfernung von Projektilen. Nähere Angaben finden sich ferner zu schweren Entbindungen, dabei wird auch das Vorgehen bei einer Embryotomie erläutert, wobei Paulos hierzu einen Eisenhaken nutzt. Formuliert ist auch die Idee, eine Geburtszange zu verwenden. Insgesamt findet sich hier eine vollständige Beschreibung der chirurgischen Praxis und der operativen Medizin der byzantinischen Zeit. Noch am 11.3.1607 machte die Pariser medizinische Fakultät den Kommentar dieses sechsten Bandes von Paulos von Aegina zum verpflichtenden Lehrstoff im Fach Chirurgie. Das letzte Buch behandelt einfache und zusammengesetzte Medikamente.

Insgesamt zeigt sich in der Abfolge der Medizin nach Galen, dass sich die weitere Entwicklung einzig im oströmischen Bereich vollzog und hier vor allem praktische Verbesserungen zu verzeichnen sind. Solche Verbesserungen betreffen die Therapie, insbesondere die sich zusehends erweiternden chirurgischen Verfahren, die – das zeigen die Beschlüsse der viel späteren Pariser Mediziner – dann auch über Jahrhunderte Maßstab bildend waren. Damit verband sich eine Kanonisierung der funktionsmorphologischen und physiologischen Vorstellungen Galens. Insoweit wurde die hippokratische Lehre von den vier Elementen wieder eingesetzt, die nun durch Galen in seiner Humoralpathologie weiter systematisiert und zum nunmehr verbindlichen Ansatz eines Funktionsverständnisses des menschlichen Organismus wurde. Bemerkenswert ist ferner die allerdings im Wesentlichen auf den oströmischen Bereich beschränkte Entwicklung von Hygiene und öffentlichen Wohlfahrt, die bei Justinian und Nachfolger den umfassenden Ausbau medizinischer Organisationen und somit der medizinischen Versorgung der Bevölkerung zum Ziel hatte. Hier verbanden sich griechische Traditionen und die neuen Wertmaßstäbe des Christentums zu einer praxisorientierten: gräko-byzantinischen Medizin humaner Prägung.

Zentrum dieser Entwicklungen blieb bis in das 7 Jahrhundert hinein Alexandria. Noch kurz vor der Eroberung Alexandrias durch die Omaijaden verfasste der Hofbeamte Johannes Alexandros dort Kommentare über die kanonische Auswahl von sechzehn Schriften Galens. Nur wenig später wird Alexandria aufgegeben; die umfassende Bibliothek dieser Stadt geht verloren und die nunmehr getroffenen Festschreibungen werden verbindlich. Schließlich fehlen mit der Bibliothek die umfassenden Quellen für eine etwaige Korrektur der in Synopsen vermittelten Darstellungen kanonisierter Autoren. So wird dann zusammen mit dem Kanon der zentralen Schriften des Hippokrates jene kanonische Auswahl des Galen zur Grundlage der syrisch-arabischen Medizin.

Nach der Zerstörung Alexandrias verstreuen sich die dort noch verbliebenen Mediziner. Es kommt nicht zu einer Neugründung, sondern nur zu einer Verstärkung der schon vorhandenen medizinischen Schule in Konstantinopel, die nunmehr als einzige noch verbliebene Schule die griechischen Traditionen fortführt. Allerdings ist diese Schule dort weniger frei, als es das Museion in Ägypten war. Die Diskussionen um theologische Fragen, die Byzanz insgesamt kennzeichnen, bleiben auch für die medizinische Schule in Konstantinopel nicht ohne Effekt. Die umfassende Bibliothek Alexandriens ist verloren. Vor allem ist aber auch der direkte Bezug zu den Traditionen der ägyptischen und persischen Medizin nunmehr gekappt. Das einmal kanonisierte Wissen bleibt aber erhalten. Die umfassende Organisation des Gesundheitswesens macht die praktische Ausbildung der Mediziner bis in das Ende des Byzantinischen Reiches notwendig; und so wird hier weiter in den Traditionen der Spätantike praktisch ausgebildet. Die uns überkommenen Illustrationen, die Abschriften und die frühen Übersetzungen in den syrisch-arabischen Sprachraum zeigen die Bedeutung dieser medizinischen Schule in Byzanz, auch über den Fall Alexandrias hinaus. Insoweit trägt sich hier eine ungebrochene antike Tradition bis in die Mitte des 15. Jahrhunderts.

Hier stehen wir am Ende einer Entwicklung, die sehr viel kontinuierlicher verläuft als die Geschichte des naturwissenschaft ichen und medizinischen Wissens im Weströmischen Reich. Das betrifft zum einen die Zäsuren der Spätantike, die eben kein direktes Fortwirken der Bildungstraditionen und der Strukturen, in denen Bildung und Wissen vermittelt wurde, erlaubten. 476 endete das Weströmische Reich. Die politische Organisation des römischen Reiches war zerschlagen. Kontinuität vermittelt allein die neue intellektuelle Macht, das Christentum, das aber nach den vielfachen Verfolgungen des dritten Jahrhunderts nach Chr., zuletzt in der umfassenden Verfolgungswelle des Diokletian zu Beginn des 4. Jahrhunderts, auch nicht derart verfestigt ist, das es in diesen Phasen des politischen Auf und Ab schon ein festes Raster tradierter Wissenszusammenhänge und auch nur eine umfassende Verfügbarkeit über das antike Wissen erarbeitet hatte. Die großen Kirchenlehrer der ersten Phase der Spätantike sind entweder in der oströmischen Kultur zuhause oder besitzen, wie etwa Augustinus, nur eine ungefähre Vorstellung der griechischen Kultur. Diesen weströmischen Kirchenlehrern vermittelt sich die Antike über Cicero. Die unmittelbare Auseinandersetzung mit der griechischen Philosophie findet nicht statt. Und in den Randprovinzen des Römischen Reiches, in denen die großen Autoren des weströmischen Reiches im sechsten und siebten Jahrhundert Muße finden (und die Notwendigkeit empfinden), ihren Wissensbestand zu ordnen, sind eben peripher gelegen. Entsprechend ist das Bestreben, einen Grundbestand des antiken Wissens überhaupt zu sichern, zu verstehen. Wir werden noch sehen, dass selbst in Italien, in der direkten Tradition des römischen Senats, die antike Philosophie und die Wissenschaft der Griechen nicht so unmittelbar präsent sind, dass auf den hier zu findenden Traditionen dann auch nach 400 einfach aufzubauen ist. Der letzte große antike Autor, Boëthius, steht in den Diensten eines Goten, der auf vorgeschobenem Posten in Ravenna letztlich die politischen Interessen Ostroms vertritt. Boëthius verliert in den damit angedeuteten Wirren ganz buchstäblich seinen Kopf. Sein Versuch, in dieser Endphase einer römischen Kultur, die sich politisch nur mehr fremdbestimmt darstellt, ist, möglichst viel von dem zu sichern, was diese politisch nun ohnmächtige Kultur getragen hatte. Sein Schüler schreibt die Regeln fest, nach denen zu lehren und zu lernen ist. Dabei wechseln die Orte der Vermittlung und der Sicherung des Wissens. Es ist nicht mehr der offene öffentliche Raum, sondern die Studierstube des Klosters, wo Wissen diskutiert wird. Es ist nicht mehr die Zentralbibliothek in Alexandria mit ihren etwaigen Filialen, in denen das Wissen verfügbar ist. Es ist vielmehr der sich immer wieder neu anlegende Grundbestand einer must read book list antiker Autoren, die in den Klosterbibliotheken von Nordengland hin bis nach Sizilien den Grundwissensbestand dieses antiken Denkens verfügbar machen soll.

Doch ist das das Ende einer Entwicklung, die auch schon in ihren Anfängen auseinander lief. Wir hatten immer wieder betont, dass Alexandria und Athen im Weströmischen Reich keine gleichwertigen Bildungseinrichtungen entgegenstanden. Zwar wurde es Mode, in Rom griechische Plastik, griechische Autoren und damit griechisches Wissen zu sammeln. Doch waren es ab dem Ende der Römischen Republik immer wieder nur Einzelne, die derart Sammlungen zusammenstellten. Hieraus erwuchsen keine Schulen, und hieraus erwuchs auch keine feste Tradition. Allerdings ist es unfair, das römische Wissen derart eingeschränkt auf den Blick nach der griechischen Antike zu betrachten. Die Bedürfnisse Roms waren andere als die der griechischen Stadtstaaten. Seine Geschichte war anders und sein Wissen war auch in einer anderen Form kodifiziert, als wir dies im Raum des östlichen Mittelmeeres finden. Wir müssen hier differenzieren, und zum einen beschreiben, wie sich das griechische Wissen in Rom tradiert fand. Inwieweit es selbst dann – gleich den Kompendien der Mediziner – verdichtet und auf den römischen Bedarf hin ausgerichtet und weiterentwickelt wurde. Wir müssen ferner aber auch darauf schauen, was Rom selbst an Wissen produzierte, und wie es dieses Wissen tradierte. Und da zeigt sich eine fundamentale Differenz zwischen Westen und Osten. Rom war ein Staat der Praxis, und, wie es ein römischer Architekt der Wasserversorgung im Kaiserreich formulierte, es sind die Viadukte, die technischen Leistungen und die Infrastruktur dieser Technologien, in denen sich römisches Wissen zeigt und tradiert. Das heißt, in Blick auf Rom müssen wir nicht nur nach den Spuren des Griechischen suchen. Wir haben zu verstehen, wie sich dort die Wissenspraxis, das sich in der Konstruktion und in den Verfahren abbildende Wissen fassen lässt. Und so haben wir danach zu suchen, wie sich dann dessen Tradierungen beschreiben lassen.

4.3.2.5 Weiterführende Literatur

P. Brain, Galen on Bloodletting: A Study of the Origins, Development and Validity of His Opinions, with a Translation of the three works. Cambridge 1986.

L. Garcia-Ballester, Galen and Galenism. Theory and Medical Practice from Antiquity to the European Renaissance. Aldershot 2002.

H. Grape-Albers, Spätantike Bilder aus der Welt des Arztes. Medizinische Bilderhandschriften der Spätantike und ihre mittelalterliche Überlieferung. Wiesbaden 1977.

R. Jackson, Doctors and Diseases in the Roman Empire. Norman, Oklahoma 1988.

F. Kudlien, R. J. Durling, Hg., Galen's Method of Healing. Leiden 1991.

D. R. Langslow, Medical Latin in the Roman Empire. Oxford 2000.

O. Mazal, Pflanzen, Wurzeln, Säfte, Samen. Antike Heilkunst in Miniaturen des Wiener Dioskurides. Graz 1982.

J. M. Riddle, Dioscorides on Pharmacy and Medicine. Austin 1985.

G. Sarton, Galen of Pergamon. Lawrence, Kansas 1954.

J. Scarborough, Roman Medicine. Ithaca 1969.

U. Tabanelli, Studi sulla chirurgia bizantina. Paolo di Egina. Firenze 1964.

O. Temkin, Byzantine Medicine. Tradition and Empirism. Dumbarton Oaks Papers 16 (1962), S. 97– 115.

O. Tempkin, Galenism: Rise and Decline of a Medical Philosophy. Ithaca 1973.

J. Théodiridès, Les sciences biologiques et medicales à Byzance. Paris 1977.

 
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