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4.4 Römische Naturgeschichte

4.4.1 Die römische Republik

264–241 erster Punischer Krieg

Führt zur Abgrenzung der Einflusssphären von Rom und Karthago. Rom wird Vormacht auf der italienischen Halbinsel.

218–201 Zweiter Punischer Krieg – Rom wird zur vorherrschenden Macht im westlichen Mittelmeer

200–197/171–168 Im 2. (200–197) und 3. (171–168) Makedonischen Krieg dehnt Rom seine Einflusssphäre in das östliche Mittelmeer aus.

148 Makedonien wird römische Provinz.

146 die Eroberung Karthagos beendet den dritten Punischen Krieg.

129 Pergamum wird römische Provinz.

In Folge des Mithridatischen Krieges 88–64 wird Griechenland in das Römische Reich integriert und die römische Einflusssphäre dehnt sich weit nach Kleinasien hinein aus.

100–44 Gajus Julius Caesar

30 Ägypten wird römische Provinz

27 Verleihung des Ehrennamens Augustus an Octavian durch den Senat ab 12 v. Chr. ist Augustus Pontifex Maximum

Der Senat verwaltet die befriedeten Provinzen und den Staatsschatz. Die Finanzverwaltung (Fiskus) übernimmt der Pontifex. Der Ritterstand wird Dienstadel.

Die Auseinandersetzung mit Karthago sicherte schon nach dem zweiten Punischen Krieg Rom den Handelsraum des westlichen Mittelmeeres. Zugleich dehnte Rom seinen Machtbereich über Italien hinaus aus. Die unterworfenen Gebiete wurden Eigentum des römischen Volkes und nunmehr in Verwaltungsprovinzen gegliedert. Der Boden bleibt dort gegen Zahlung einer Steuer Eigentum der alten Besitzer. Die Verwaltung der Provinzen erfolgte allerdings durch Prätoren als Statthalter des römischen Volkes. Rom gewann eine enorme Finanz- und Wirtschaftskraft und ist nach dem Ende des zweiten Punischen Krieges das unangefochtene Finanz- und Wirtschaftszentrum des Mittelmeerraumes. Nebeneffekt dieser Kriege ist – nach dem Bündnis mit Makedonien im ersten Punischen Krieg – ein verstärktes politisches Interesse Roms am Ostmittelmeerraum. Im zweiten und dritten Makedonischen Krieg wenden sich die Griechen dann direkt an Rom, um den Ausdehnungsbestrebungen Philipps V. von Makedonien entgegentreten zu können. Rom siegt 168 vor Chr. und zerschlägt Makedonien, das 148 römische Provinz wird. 133 vererbt Attalos von Pergamon sein Reich den Römern, das so 129 zur römischen Provinz wird. Nachdem im Mithridatischen Krieg in Kleinasien 80.000 Römer ermordet worden waren, folgte die Gegenreaktion. Griechische Städte, die sich auf die Seite des Mithridates gestellt hatten, werden erobert. Athen fällt 86 v. Chr. Griechenland wird römische Provinz.

Zeitgleich schiebt sich die Einflusssphäre Roms auch in Kleinasien zusehends nach Osten. Ägypten bleibt zunächst ein Vasallenstaat und wird dann aber 30 v. Chr. ebenfalls römische Provinz. Mit diesen hier nur seitens der machtpolitischen Seite umrissenen Entwicklungen gehen massive innenpolitische Veränderungen einher, die zunächst zur Stärkung der Adelspartei, der Optimaten, in Rom führen. Langfristig wird damit aber die Republik insgesamt destabilisiert, so dass mit Cäsar und Augustus dann ein monarchistisches Regiment die Machtstrukturen im Römischen Reich bestimmt. Die Implikationen auch für den kulturellen Bereich sind immens. Zugleich aber zeigt schon diese grob gerasterte Übersicht, dass Rom vergleichsweise spät ein eigenes direktes politisches Interesse in das östliche Mittelmeer führt, dann aber sehr rasch den gesamten griechischen Kulturraum machtpolitisch integriert.

Schon in der Darstellung der Entwicklung des medizinischen Denkens in Rom hatten wir gesehen, dass diese machtpolitische Integration nur bedingt mit einer auch kulturellen Vereinnahmung des griechischen Denkens einherging. Catos Einspruch gegen eine einfache Übernahme griechischer Denkmuster und Kulturformen hatten wir kennengelernt. Und auch im Bereich der analytischen Naturforschung blieb eine explizite Weiterentwicklung der im griechischen Kulturkontext gewonnenen Wissenssystematik weiterhin an die vormaligen Zentren der griechischen Kultur im östlichen Mittelmeer gebunden. Auch im Bereich der deskriptiven Naturkunde lässt sich dies feststellen. So sind die ersten uns übermittelten Naturkundedarstellungen Roms Handbücher für die landwirtschaftliche Praxis. Marcus Porcius Cato (234–149) selbst ist hier einer der frühen Autoren. Seine Darstellung De agri cultura, Über die Landwirtschaft, ist dabei die älteste erhaltene lateinische Prosaschrift, an der Cato bis in seine letzten Lebensjahre gearbeitet hat. Sie ist ein Handbuch für Gutsbesitzer, die mittels der von Cato mitgeteilten Erfahrungen ihr Landgut möglichst optimal bewirtschaften sollen. Dabei stellt Cato die Landwirtschaft als die einem römischen Bürger angemessene, sichere Erwerbsform dar. Zudem kommen – so Cato – aus dem Bauernstand die tüchtigsten Männer und die besten Soldaten, und es ergibt sich der anständigste, dauerhafteste und am wenigsten dem Neid ausgesetzte Gewinn.[1] Entsprechend wird dann die Landwirtschaft auch als Ökonomie beschrieben. Dabei geht es um Investitionen, die Auswahl eines und Aufsicht über einen Verwalter, die zweckmäßige Organisation von Anbau und Verarbeitung. Ferner gibt Cato Ratschläge für eine optimale Bodennutzung und die Auswahl der geeigneten Feldfrüchte. Beschrieben wird ein Wirtschaftsbetrieb, der auf Handarbeit von Abhängigen beruht, die zu ernähren und zu kleiden sind, ansonsten aber kaum Unkosten verursachen. In diesem Werk finden sich dann auch Catos Angaben zur Heilkunst mit seinem Lobpreis des Kohls, den er zur Förderung der Verdauung, in seinen verschiedenen Darreichungsformen dann aber für eine ganze Reihe von Krankheiten und Unpässlichkeiten als Heilmittel einsetzt. Das Werk zeigt ein rein praktisches Interesse an der Natur. Vorgelegt ist ein Kompendium für den städtischen Gutsbesitzer, der in ein Landgut investieren möchte und hierzu von Cato die nötigen Handweisungen erhält, die ihm ohne eine eigene bäuerliche Familientradition eben fehlen.

Ganz ähnlich aufgebaut ist die entsprechende Schrift des Marcus Terentius Varro. Deshalb, so schreibt er, will ich, da du ja ein Gut gekauft hast, das du durch gute Bewirtschaftung ertragreich machen möchtest, dich daran erinnern, was getan werden muss . . . [2] Es sind Agromomen, die hier schreiben, und dies sind die Texte nicht einfach von Praktikern, sondern von Angehörigen der römischen Bildungselite, die hier zeigen, wie sie die Natur sehen, als etwas, das zu bewirtschaften ist und aus dem Erträge zu ziehen sind. So wie Cato eine der großen Figuren der Römischen Republik darstellte, war Marcus Terentius Varro (116–27) der wohl bedeutendste römische Polyhistor. In Rom erzogen, studierte er doch um 82 die griechische Philosophie in Athen, und machte darauf Karriere im Staatsdienst. Dabei war er, der zwar einer begüterten sabinischen Familie, aber eben nicht dem römischen Adel entstammte, im Gegensatz etwa zu Cicero auf Protektion angewiesen. So schloss er sich früh dem nachmaligen Gegenspieler Caesars Pompeius Magnus an, als dessen Legat er zwischen 77 und 71 in Spanien wirkte. 70 war er Volkstribun, dann 67 Legat des Pompeius im Seeräuberkrieg, war dann eingebunden in die Agrarreform von 59 und wirkte schließlich 49 als Legat des Pompeius in Spanien. Von Caesar begnadigt, wird er 47 zum führenden Bibliothekar des Römischen Reiches ernannt. 37 v. Chr. erschien seine Schrift über die Landwirtschaft.

Von seinen insgesamt etwa 74 Schriften sind nur die drei Bücher dieser res rusticae sowie ein Teil seiner Arbeit über die lingua latinae erhalten geblieben. Seine Arbeiten gaben seinerzeit allerdings den nachfolgenden Generationen die kulturellen Leitlinien und hatten insbesondere auf die Kultur des augusteischen Zeitalters eine prägende Wirkung. Bis in die Spätantike war Varro eine bedeutende Autorität, die etwa auch die Kirchenväter lasen und zitierten. Dabei ist für ihn kennzeichnend, dass er zwar die Griechische Kultur kannte, sich in deren philosophischen Schulen orientiert hatte, aber keiner expliziten Denkrichtung folgte, sondern die griechischen Traditionen nutzte, um seine Idee einer spezifisch römischen Kultur vor dem Hintergrund dieser griechischen Arbeiten eingehender zu konturieren. Seine Arbeiten hatten insoweit eine „national“ römische Tendenz. Er suchte, die Konturen eines spezifisch römischen Denkens in Sprachen, Sitten und Religion zu skizzieren. Sein Ziel war, die Politik nach diesem Bild hin auszurichten und so eine spezifisch römische Kultur und Literatur zu konturieren. Seine Schrift über die Landwirtschaft, die gleich Cato einen idealen römischen Ökonomen umzeichnet, ist denn auch durchaus Teil dieses Unterfangens und zeigt uns somit ein gegenüber dem griechischen Umgang mit Natur und der dort zu findenden Bedeutung des analytischen Denkens neues Bild. Waren doch den Griechen die Darstellung der Natur und deren Wirkzusammenhänge nicht nur im instrumentellen Sinne zu nutzen, wenn auch die Techniken des Archimedes schon im Altertum bewundert wurden. Doch führte in der griechischen Wissenssystematik das Naturwissen über diese Anwendungsorientierung hinaus. Die mathesis universalis des Platon zeigt ja eine umfassende analytische Sichtweise, in der dann eine philosophische Weltsicht einen integralen Bestandteil der griechischen Kultur darstellt. Der Tod des Sokrates ist ja auch ein Indiz dafür, dass diese Art der philosophischen Erörterung für die griechische Ge-sellschaft eben nicht nur ein bloßes Spiel außerhalb des Fokus ihrer wirklichen Interessen darstellte. Und auch die Liste des Proklos, der die ihm wichtigen Mathematiker verzeichnet, weist auf, wie sich die Griechen zur Geschichte ihrer Wissenssystematik verhielten. Das wird in Rom anders, die hier bei Proklos rezipierte Tradition, das zeigen Cato und Varro eindringlich, ist nicht die eigene. Rom denkt anders. Rom nutzt das griechische Wissen, will sich aber selbst in einer eignen Traditionslinie kulturell begründen. Das Handbuch zur Optimierung der landwirtschaftlichen Produktion ist durchaus Teil dieser eigenen Kulturlinie. Das zeigt sich sowohl bei Varro wie auch bei Cato. Es geht um eine ökonomische Lebensführung, eine (im römischen Sinne) bürgerliche Existenz in der optimalen Nutzung der je verfügbaren Ressourcen. Dies, die optimale Produktion und der damit verbundene Gewinn, sichert eine soziale Existenz. Die Gesellschaft baut auf diesen derart in sich bestimmten Ökonomien auf, und umgekehrt hat sie deren Existenz politisch zu sichern. Dieses Konzept führt sich bis in die Kaiserzeit fort. Varro wird gerade im Augusteischen Zeitalter massiv rezipiert.

  • [1] Catio, De Agricultura. Stuttgart 2009, S. 7
  • [2] Marcus Terentius Varro, Über die Landwirtschaft, Darmstadt 2006, S. 191
 
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