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4.4.2 Römische Kaiserzeit

In der ersten Hälfte des ersten Jahrhunderts n. Chr. setzte Lucius Iunius Moderatus Columella seine rei rusticae libri duodecim in der Tradition von Cato und Varro fort. Er baut sein Handbuch für Gutsbesitzer ganz im Sinne von deren Schriften weiter aus Dabei zeigt sich, dass in der beginnenden römischen Kaiserzeit der römische Gutsbetrieb an Umfang erheblich zugenommen hat. Columella beschreibt, basierend auf seinen eigenen Erfahrungen als Gutsbesitzer, die Organisation und die Möglichkeiten eines solchen landwirtschaftlichen Großbetriebs. Speziell beschäftigen ihn der Weinbau und der Anbau von Oliven, wobei er vor allem auch eigene Erfahrungen mit in seine Darstellungen einbindet. In Belangen der Viehzucht beruft er sich auf ältere Autoren, nicht aber auf eigene Erfahrungen. Zwar schreibt Columella für Betriebe auf der italienischen Halbinsel, bezieht aber auch Überlegungen zu den spezifischen klimatischen und geographischen Situationen anderer Provinzen ein. Die Darstellung des Feldfruchtanbaus und der Bodennutzung unterscheidet sich dabei kaum von den Darstellungen Catos und Varros. Die Bewirtschaftungs- und Verarbeitungstechniken haben sich, trotz der enormen Größenzunahme der Betriebe, kaum geändert.

Zu fragen ist nun natürlich, inwieweit diese Handbücher das Ideal des römischen Naturwissens umreißen. Natürlich fällt zunächst auf, dass wir gerade für diesen Typ der Naturdarstellung prominente Autoren der römischen Republik dingfest machen können. Eine Naturgeschichte im engeren Sinne gibt es – wie wir noch sehen werden – auch, nur ist diese weit weniger originell und bindet zudem eigene Erfahrung nur anekdotisch, nicht aber in systematischer Hinsicht mit ein. Und in der Tat scheint dieses praktische Naturwissen für die Bildungskonzeption Roms charakteristisch.

Wie sich eine derart praktisch ausgerichtete Kultur des Wissens in er römischen Kaiserzeit in einem weiteren Kontext einbindet, zeigt ein einfaches, auf uns eher zufällig überkommenes Buch der Denkwürdigkeiten, in dem formuliert ist, was ein junger römischen Bürger im ausgehenden 2. Jahrhundert wissen musste. Dies ist das liber memoralis des Lucius Ampelius, über dessen Lebensumstände wir sonst kaum orientiert sind. Das Buch ist weder originell noch tiefschürfend in der Darstellung des minimalen dort überlieferten Wissensbestandes. Es beinhaltet keine methodischen Hinführungen, sondern offeriert nur einen Kanon des zu Wissenden und ist gerade damit für uns in diesem Zusammenhang aufschlussreich.

Der kleine Band beginnt mit einer einfachen Orientierung über die Begriffe und die Grundkonzepte, in denen die Natur der Welt zu beschreiben ist. Benannt ist die VierElemente-Lehre. Der Sternenhimmel wird in seiner Grundanlage beschrieben, die Sternzeichen werden aufgezählt und zugleich auch mit der ihre Benennung erklärenden Mythologie erläutert. Winde und die Bereiche des Erdkreises werden benannt. Die berühmtesten Völker der verschiedenen Weltregionen sind aufgezählt. Für Asien sind dies ihm zufolge die Inder, Serer, Perser, Meder, Parther, Araber, Bithyner, Phrygier, Kappadokier, Kilikier, Syrer und Lyder.[1] In ähnlicher, rein aufzählender Form werden die Meere benannt. Darauf folgt eine Liste der Wunder, die es auf der Erde gibt. Dies sind Naturwunder und Architekturen, die jeweils Überraschendes zeigen oder mit Mythen und Sagen zu verbinden sind. Darauf folgen die wichtigen Gestalten der Mythologie und eine auch nur sehr schemenhaft angelegte, auf wenige Grundfiguren reduzierte Weltgeschichte, in der dann die Kriege der Römer einen vergleichsweise breiten Raum einnehmen. Das Ganze schließt mit einer kurzen Skizze des römischen Gemeinwesens und einiger Grundeigenheiten seiner Verfassung. Philosophie im eigentlichen Sinne, Mathematik oder Physik finden hier nicht statt. Nun ist diese Schrift ein einfaches Elementarlehrbuch für junge Römer und erlaubt nur sehr vorsichtige Rückschlüsse auf das, was in den Elementarschulen Roms dann auch wirklich gelehrt wurde. Allerdings zeigt sich hier die Tendenz aufgenommen, die auch bei Cato und Varro in deren Darstellungen eines praktischen Umgehens mit der Natur aufzuzeigen war. Das Naturwissen als solches ist mythologisch oder im Sinne der Geographie des Strabo untersetzt. Der Zugang zu einem analytischen Denken ist zumindest hier zurückgestellt oder gar ausgeblendet.

Die verbindliche Naturgeschichte des römischen Kulturbereichs verfasste ein Militär, Gaius Plinius Secundus. Plinius, der 23/24 nach Chr. in Como geboren wurde und 79 beim Ausbruch des Vesuvs, der auch Pompeji vernichtete, starb, durchlief die typische Karriere eines römischen Ritters. Er kommandierte unter den Kaisern Vespasian und Titus mehrere Militäreinheiten in verschiedenen Provinzen, unter anderem in Germania superior, und war Prokurator verschiedener Provinzen. Zuletzt war er Kommandant der Flotte am Kap Misenium, dem nördlichen Vorgebirge der Bucht von Neapel. Beim Ausbruch des Vesuvs begab er sich mit einem Schiff in die Nähe von Pompeji, um einerseits das Naturschauspiel eingehender in Blick zu nehmen, vor allem aber, um Flüchtlinge vor dem Naturereignis in Sicherheit zu bringen. Wie sein Neffe C. Plinius Caecilius in einem Brief an Tacitus berichtete, erstickten ihn dabei dann während des Ausbruch freiwerdende Gase.

Sein ganzes Leben hatte Plinius, neben seinen militärischen Pflichten, fortwährend die ihn interessierenden naturhistorischen und historischen Arbeiten exzerpiert, Ereignisse und Daten notiert und zusammengestellt. So entstanden eine Biographie seines Freundes Pomponius Secundus sowie mehrere Geschichtswerke, zwanzig Bücher über die römischen Germanienkriege und eine Darstellung der Römischen Geschichte ab etwa 50 vor Chr. in 31 Büchern, die bis in die Regierungszeit Vespasians reicht. Diese Arbeiten wurden von Tacitus als Quelle benutzt, blieben aber selbst nicht erhalten.

  • [1] Lucius Ampelius, Liber memoralis. Darmstadt 2010, S. 35
 
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