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4.4.3 Spätantike

Die materia medica des Plinus war eine vereinfachende Darstellung, die auf ältere Autoren zurückgriff, die etwa in der alexandrinischen Tradition publizierten. Die zentrale Referenz des Bereichs einer Pharmakologie und Kräuterkunde war jedoch die Arbeit des Pedanios Dioscurides aus Kilikien, der im ersten Jahrhundert nach Chr. als Militärarzt unter den Kaisern Claudius und Nero im römischen Dienst stand. Ausgebildet wurde er wohl in Tarsos, einem bedeutenden Zentrum botanisch-pharmakologischer Forschung im Römischen Reich. Als weit gereister Praktiker verfasste er unter Heranziehung umfangreicher älterer Literatur in griechischer Sprache sein Hauptwerk De materia medica, eine Arzneimittellehre in fünf Büchern, die bereits Galen nach Vollständigkeit und Gründlichkeit als maßgebliches Handbuch anerkannte. Diese materia medica beschreibt etwa 1000 Arzneimittel, davon sind 813 pflanzlichen, 101 tierischen und 102 mineralischen Ursprungs. Dazu werden 4740 medizinische Anwendungen erläutert. Das Werk gliedert sich in fünf Hauptteile und beschreibt

1. Genussmittel und pflanzliche Nahrungsmittel,

2. Tierische Stoffe,

3. Unmittelbare Arzneistoffe,

4. Getränke (Weine) und

5. Mineralien.

Anders als die zuvor übliche alphabetische oder nach äußerlichen Merkmalen geordnete Behandlung der Arzneistoffe verwandte Dioscurides eine Systematik, die nach der qualitativen Verwandtschaft, der medizinischen Wirksamkeit der einzelnen Arzneimittel ausgerichtet war. Vorbildhaft für auch spätere Kräuterbücher war vor allem die Methode der Pflanzenbeschreibung, die Dioscurides verwandte. Er nannte den Name der Pflanze, führte etwaige Synonyme an. Darauf folgt eine Angabe zu Herkunft und Vorkommen. Daran schließt sich eine detaillierte botanische Beschreibung an. Darauf werden die medizinischen Eigenschaften des Präparates beschrieben, und es folgen Angaben zur Zubereitung und Anwendung, die gegebenenfalls auch Hinweise auf Lagerung und den

Abb. 4.62 Spätantike Illustration – Blatt des sogenannten Wiener Dioskurides

Verweis auf verwandte Präparate enthalten. Schon die älteste und wichtigste überlieferte Dioscurides-Handschrift, der prachtvoll illustrierte sogenannte Wiener Dioscurides, der um 512/513 n. Chr. entstanden ist, bietet zudem (ebenso wie spätere Handschriften) detaillierte Abbildungen der besprochenen Heilpflanzen (Abb. 4.62). Strittig ist allerdings,

ob schon Dioscurides selbst seinem Werk Illustrationen beigab. Wobei allerdings schon Krataeus der wohl neben dem Autor Sextius Niger (um ca. 30 nach Chr.) die Hauptquelle des Dioscurides darstellte, seine Darstellungen der Kräuter durch Illustrationen ergänzte. Die Arzneimittelkunde des Dioscurides wurde, nicht zuletzt auch auf Grund der entsprechenden Wertschätzung des Galen, im Weiteren verbindlich. Es erschienen zahllose, immer wieder neue Bearbeitungen, Paraphrasen und Übersetzungen, über die diese Arbeit für über 1600 Jahre uneingeschränkt ihre autoritative Geltung in Abendland und Orient auf dem Gebiet der Pharmazie, der Pflanzen- und Drogenkunde behauptete. Insoweit zeigt sich mit Plinius und Dioscurides die enorme Nachwirkung der deskriptiven Naturforschung des 1. Jahrhunderts n. Chr., wobei allein Plinius dem im engeren Sinn römischen Kulturkontext zuzuordnen ist, und Dioscurides demgegenüber in der direkten alexandrinischen Tradition deskriptiver Naturforschung stand.

Allerdings wäre es unvollständig, die Naturgeschichte der römischen Kaiserzeit allein durch diese dann im Weiteren kanonisierten Arbeiten zu charakterisieren. Schließlich findet sich im Kontext der ägyptischen Tradition noch eine ganz andere Linie einer beschreibenden Naturforschung, in der sich die Darstellung der Natur von vornherein in einem religiös-symbolischen Kontext bewegte. Diese Tradition ist uns über den sogenannten physiologus, ein im 2. Jahrhundert nach Chr. kompiliertes Aggregat von Naturgeschichte und religiösen Bildern, übermittelt. Dieses Buch versuchte in 55 Beschreibungen von Tieren und einigen Pflanzen und Steinen eine Verbindung zwischen Göttlichem und Kreatürlichem darzustellen. Die Natur wird dabei zu einem Bild des Wirken Gottes, zu einem sich in einer Fülle von Details offenbarendem Gleichnis, in dem die Natur dann insgesamt als eine Art Lehrgebäude für ein religiöses Verstehen umgedeutet wird. So ist beispielsweise der Pelikan, der diesem Buch zufolge seine Brust aufreißt, um seine Jungen zu ernähren, eine Allegorie für den Opfertod Christus; und der Wiedehopf, der – den Aussagen des physiologus zufolge – seine alten Eltern pflegt, soll den Menschen ein Beispiel sein. Der Verfasser dieses Bandes war vermutlich Lehrer in einer alexandrinischen Christengemeinde. Er suchte in diesem Buch die Sätze des christlichen Glaubens in Naturbildern gleichsam emblematisch festzuhalten. Das Resultat ist ein Natur-Wunderbuch in heilsgeschichtlicher Deutung, das im christlichen Kontext eine enorme Wirkung entfaltete. Erlaubt diese Darstellung doch eine theologische Umdeutung der Schöpfung, die so insgesamt als ein Gleichnis erscheint, das auf den Menschen hin ausgerichtet ist. Die spätere Rede von einer natürlichen Offenbarung, mit der etwa – wie noch zu zeigen ist – Augustinus argumentierte, gewinnt hier in einem innerchristlichen Rahmen eine ganz eigene Deutung. Entsprechend wirksam war diese Darstellung schon bei dem Kirchenvater Origenes (um 185–253 nach Chr.). Später bezieht sich Papst Gregor der Große (590–604) auf dieses Werk; und massiven Nachhall fand diese Arbeit in der im nächsten Band zu besprechenden Naturgeschichte des Isidor von Sevilla (600–636). Zudem zeigt sich, dass die Bildmuster des physiologus die Bildwelten des Mittelalters nachhaltig bestimmten. Bedeutsam ist dieser Text aber vor allem wegen seiner heilsgeschichtlichen Deutung einer Natur, die an dieser dann Glaubenswahrheiten, aber auch ethische Maximen direkt und unmittelbar zu verbildlichen sucht.

Dies sei an folgender Darstellung exemplarisch illustriert:

Eliphas, der König von Theman, sagte: „Der Ameisenlöwe ging zugrunde, weil er keine Speise fand.“ Der Physiologus sagte vom Ameisenlöwen, er sei vorne wie ein Löwe, hinten aber wie eine Ameise. Das Vatertier frisst Fleisch, die Mutter aber kaut Hülsendfrüchte. Wenn sie nun den Ameisenlöwen zeugen, zeugen sie ihn als ein Wesen von zweifacher Art: er kann kein Fleisch fressen wegen der Natur seiner Mutter und keine Hülsenfrüchte wegen der Natur seines Vaters; also geht er zugrunde, weil er keine Nahrung findet.

So ist auch ein Mann mit zwei Seelen unbeständig auf all seinen Wegen. Man soll nicht auf zwei Wegen wandeln noch doppelzüngig reden beim Gebet. Wehe nämlich, heißt es, einem gespaltenen und sündigen Herzen, das auf zwei Wegen wandelt. Es ist nicht schön, Ja Nein und Nein Ja zu sagen, sondern sprich Ja Ja und Nein Nein, wie es unser Herr Jesus Christus gesagt hat.

Schön also hat der Physiologus vom Ameisenlöwen gesprochen.[1]

Diese Gleichniswelten einer Natur zeigen zumindest aber eines, eine bis ins Detail gehende Aufmerksamkeit an einer Natur, die als Schöpfung in einer ganz neuen Weise begriffen wurde. Erstmals scheint hier – noch eingebunden in die der römischen Antike, Ägypten ist römische Provinz – eine neue Sicht auf die Natur, in der nun die Einzelheiten für sich aber als solche dann wieder nur als Gleichnis gedacht sind, interessant zu werden. Römisch im skizzierten Sinne der Traditionen eines Varro oder Cato ist dies nicht. Völlig unpraktisch, in einer metaphorischen Betrachtung erscheint hier die Natur als ein Erziehungsbild und damit in einer nur mehr emblematischen Wahrnehmung, die wohl in einem der vollkommensten Gegensätze zur Pragmatik einer römischen Naturwahrnehmung stand, wie sie in den Schriften der Agronomen zumindest in einer ersten Näherung zu skizzieren war.

4.4.3.1 Weiterführende Literatur

R. Barrow, Greek and Roman Education. London 1967.

M. Beagon, Roman Nature. The Thought of Pliny the Elder. Oxford 1992.

S. F. Bonner, Education in Ancient Rome. From the Elder Cato to the Younger Pliny. Berkeley & Los Angeles 1977.

S. Carey, Pliny's Catalogue of Culture: Art and Empire in the Natural history. Oxford 2006.

R. French, F. Greenaway, Hg., Science in the Early Roman Empire: Pliny the Elder, His Sources and Influence. Totawa, New Jersey 1986.

R. K. Gibson, R. Morello, Hg., Pliny the Elder: Themes and Contexts. Leiden 2011

M. T. Griffin, Seneca: A Philosopher in Politics. Oxford 1992.

J. F. Healy, Pliny the Elder on science and technology. Oxford 1999.

R. König, G. Winkler, Plinius der Ältere. Leben und Werk eines antiken Naturforschers. München 1979.

F. Lauchert, Geschichten des Physiologus. Strassburg 1889

O. Mazal, Pflanzen, Wurzeln, Säfte, Samen. Antike Heilkunst in Miniaturen des Wiener Dioskurides. Graz 1982.

T. Murphy, Pliny the Elder's Natural History: The Empire in the Encyclopedia. Oxford 2004.

E. Rawson, Intellectual Life in the Late Roman Republic. Baltimore 1985

L. C. Ramosino, Plinio il Vecchio e la tradizione storica di Roma nella Naturalis. Alessandria 2004.

K. Sallmann, Die Geographie des älteren Plinius in ihrem Verhältnis zu Varro. Versuch einer Quellenanalyse. Berlin 1971.

K. D. White, Agricultural Implements of the Roman world. Cambridge 1967

T. H. White, The Bestiary: The Book of Beasts. London, New York 1954.

  • [1] Physiologus, Stuttgart 2001, S. 37
 
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