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4.5.2 Zum Wissensstand der römischen Ingenieure

Roms Natursicht ist aber eben nicht einfach eine sich in den literarischen Quellen manifestierende Darstellung des Naturalen. Es sind die praktischen Verfahren, die Anwendungen, in denen sich das Ingenium der römischen Kultur fassen lässt. Wie schon bei der Darstellung der Techniken, die Eupalinos bei seinem Tunnelbau auf Samos verwandte, finden wir diese römische Technik aber kaum in Schriftquellen kodifiziert. Die schon besprochene zentrale schriftliche Quelle, die Architekturdarstellung des Vitruv, war, soweit es die uns zugängliche Überlieferung zeigt, in der Antike eben keine zentrale Referenz. Und auch die Schriften des Heron von Alexandria, die in aller Finesse eine Vielfalt von Techniken beschreiben, geben nur einen ungefähren Eindruck von der Geschlossenheit und der schon rein quantitativ – in Bezug auf die Einzelbauten, aber auch in Beug auf deren Anzahl und bei Straßen und Aquädukten auch in Bezug auf deren Ausdehnung – erstaunlichen Größe der römischen Architekturen. Mit der Etablierung des Imperium Romanum, seiner geschlossen strukturierten Verwaltung einher geht ein konsequenter Aufbau einer umfassenden Infrastruktur, die es denn auch überhaupt erst erlaubte, die finanziell zusehends konsolidierte Metropole Rom, dann aber auch die ebenfalls zunehmend wachsenden Städte und Kleinstädte des römischen Reichs mit Nahrung zu versorgen, den Anforderungen an Hygiene in einer Zusammenballung von zehntausenden und – in Rom – hunderttausenden von Menschen zu gewährleisten, und schließlich auch Brennmaterial, Arbeitskräfte und einen kulturellen Grundstandard nicht nur in Rom selbst, sondern eben auch in der Provinz zu sichern. Zugleich erfordern die vergleichsweise rasche Expansion und der umfassende Einsatz des Heeres für die Sicherung der neu erworbenen Provinzen eine eigene Infrastruktur. Dies sind vor allem Straßen als Heereszugtrassen und Kommunikationswege. Nun ist hier weder Raum noch Thema, Städtebau und Straßenbau als die Grundmomente solch einer Sicherung der Macht und Kultur Roms breiter darzustellen. Doch zeigt schon ein kurzer Blick auf die umfassenden reichsweit greifenden Straßennetze Roms, welche Dimensionen diese erste umfassende technologische Umformung des Mittelmeerraumes und Westeuropas nur schon zu bald angenommen hatte. Diese nicht nur durch Militär eroberten, sondern auch technologisch umgeformten Landschaften zeigen das zentrale Moment dieser Kultur, die nicht einfach über verstreute Monumente, einzelne Städte und die Macht des Heeres, sondern in einer planmäßigen Erschließung und infrastrukturellen Sicherung der eroberten Provinzen ihre Vorherrschaft konsolidierte.

Dies umfasst aus der Perspektive einer Wissenschafts- und Wissensgeschichte dreierlei. Zum einen zeigt sich die römische Technik insgesamt, was Materialien und Verfahren anbelangt, in einer weitgreifenden Entwicklung. Baustoffe und Baukonzeptionen werden mit Beginn der spätern Republik ebenso wie die Darstellungsformen römischer Architekturen kontinuierlich weiterentwickelt. Dies betrifft Werkstoffe wie den allgemein eingesetzten römischen Zement, Materialnutzungen wie die verschiedenen Konstruktionen von Mauerwerk bis hin zu den Konstruktionsformen. Hier sprechen die Brücken der Römer, deren Steinversionen teilweise bis heute genutzt werden können, ebenso für sich wie römische Großbauten, die – wie etwa die Basilika in Trier (Abb. 4.63) – auch in den Provinzen umfassende Dimensionen annahmen und so reichsweit eine neue technische Norm formulierten. Derartige Normierungen betrafen auch die Stadtplanung. Nur so war es möglich, dass jeweils adaptiert an die lokalen Gegebenheiten sehr rasch die von den Römern gegründeten zentralen Garnisons- und Verwaltungsstädte parallel zueinander unter optimaler Nutzung von Ressourcen hochgezogen werden konnten. Wobei dies auf Grund voraus-

Abb. 4.63 Römische Basilika in Trier, Innenansicht

sehender Planung auch in einer Weise geschah, dass umfassende Zuwachsraten auch über Jahrzehnte hinweg nicht zu einer Korrektur der Grundanlage solcher Städte zwangen. Damit kommt ein zweites Moment römischer Technik in den Blick. Dies betrifft zum einen die Planungssicherheit und zum anderen – damit verbunden – eine bestimmte Standardisierung von Planungs- und Fertigungsverfahren. Hier erschließt sich – indirekt – ein Ausbildungsstandard von Technologen und Ingenieuren, der durchaus direkt an das anschließt, was an entsprechenden Verfahren in Alexandria vermittelt wurde. Die Planung und vorausschauende Ausführung dieser Bauten erfordert die dort aufgewiesenen Kenntnisse in Materialkunde, angewandter Physik und Geometrie. Nur so waren entsprechende Leistungen zu planen, ausführen und vor allem auch aufeinander abzustimmen. Die zentralen Figuren in diesem Geschehen sind die Heeresingenieure, über deren Ausrüstung uns die Archäologie orientiert hat und deren Kenntnisschatz auch durch das schon referierte Werk des Vitruv dokumentiert ist. Vitruvs Handbuch ist kein außerordentlicher Entwurf eines herausgehobenen Technikers, sondern ein Kompilat dessen, was man als römischer Militäringenieur zu seiner Zeit wissen musste. Das aber bedeutet, dass wir mittels dieser Kenntnisse nicht etwa nur eine elitäre Gruppe von Planern identifizieren können, sondern dass eben jedem Ingenieur des Heeres diese Kenntnisse verfügbar waren, ebenso wie jeder Architekt in diesen Kenntnissen bewandert war. Ähnliches gilt für den Bereich der Medizin. Hier gab es – spätestens mit Justinian und dem staatlich organisierten Gesundheitswesen – eine feste soziale Position für ausgebildete Mediziner. Demnach

Abb. 4.64 Hauptverkehrlinien im Römischen Reich

müssen wir von einer vergleichsweise breiten Kenntnis der vorab referierten medizinischen Grundtatsachen ausgehen. Anders formuliert, das in der Darstellung der frühen griechischen Kultur für einige Eliten sichere Naturwissen ist hier auf einen anerkannten Berufsstand, den des Mediziners, und damit auf eine breitere, allerdings immer noch exklusive soziale Gruppierung ausgeweitet. Mit dem römischen Militäringenieur verhält es sich ähnlich. Auch hier wird kenntlich, dass das antike Naturwissen nicht mehr nur für eine – wir würden sie heute akademisch nennen – kleinere Gruppe verfügbar war, sondern als Handlungspraxis integraler Bestandteil der römischen Kultur geworden ist. Diese Kultur ist in ihren Bauten, ihrer Landwirtschaft und ihrer Infrastruktur technologisch und damit durch ihr Naturwissen geprägt. Ohne den Straßenbau und die Infrastruktur in Hygiene, Wasser- und Nahrungstransporten wäre die römische Kultur nicht lebensfähig gewesen. Ingenieure und das von ihnen angewandte Wissen sind integraler Bestandteil dieser Kultur.

 
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