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4.5.2.2 Bautechniken

In diesem Zusammenhange interessant sind auch Grabungsergebnisse im Hafen von Ostia, dem antiken Hafen Roms, bei denen den Archäologen auf den Landungskais merkwürdige, aus römischer Zeit erhaltene Risse auffielen. Eingehende Untersuchungen zeigten, dass es sich hierin um Hilfslinien handelte, nach denen von Schiffen herbeigebrachte Steine im

Abb. 4.65 Plan der römischen Wasserversorgung für das antike Köln

Abb. 4.66 Plan der römischen Hauptwasserleitungen für das Antike Rom

Hafenbereich von Steinmetzen zugehauen wurden. Den archäologischen Ergebnissen zufolge ließen sich dabei die Hilfslinien identifizieren, nach denen die Steine für den Bau der Kuppel des Pantheons zugeschnitten worden waren. Dieser hinsichtlich der Vielzahl der benutzen Materialien und der Statik optimierte Baukörper, der so in der Ausführung seiner Kuppelkonstruktion extrem durchdacht war, war, das zeigen diese Linien, bis in seine Konstruktionsdetails geplant und berechnet. Deutlich wird dies auch in der Materialverarbeitung. Hier werden die verwendeten Materialien mit zunehmender Höhe immer leichter. Dies macht dann auch die enorme Spannweite der Kuppel, 43,3 m, überhaupt erst ermöglich (Abb. 4.67). Die gewaltigen durch die Kuppel auf die Wände des Baus wirkenden Kräfte werden nun nicht einfach durch eine massive, und schwere Ringmauerkonstruktion abgefangen. Vielmehr findet sich eine ausgeklügelte Planung, bei der über den Einbau von übereinander gelagerten Schächten (Exedren) schon in den höheren Bereichen der Ringmauer Materialmengen und damit auch das Gesamtgewicht des Baukörpers enorm reduziert wurde. Dabei wird die über den Exedren wirkende Gewichtslast durch radiale Ziegelgewölbe auf das dazwischenliegende Mauerwerk verteilt. Der heutige Bau entstammt der Regierungszeit des Kaisers Hadrian. Nachdem der Ursprungsbau, der von Marcus Agrippa errichtet worden war, nach einem ersten Brand 80 n. Chr. restauriert worden war, wurde das Gebäude nach einem zweiten Brand, 100 n. Chr., in den Jahren 118– 125 neu aufgebaut.

Abb. 4.67 Giovanni Battista Piranesi, Innenansicht des Pantheon

Vierhundert Jahre später erteilte auch Kaiser Justinian, nachdem in Byzanz im Jahre 532 die Kirche Hagia Sophia in Flammen aufgegangen war, den Auftrag eines Neubaus. Auch das hier entstehende Werk wurde von einer Kuppelkonstruktion gekrönt (Abb. 4.68). Dessen Kuppel ist mit 32 m zwar deutlich kleiner als die des Pantheons in Rom. Während dort aber die Kuppel von einer optimal konstruierten Ringmauer abgefangen wird, schwebt die Kuppel der neuen Hagia Sophia auf einer sehr viel offeneren, lichteren Konstruktion, die hinsichtlich der Statik denn auch sehr viel komplexeren Anforderungen genügen muss. Deutlich wird in der Analyse der Maßverhältnisse dabei, dass diese Kirche nach Idealverhältnissen gestaltet ist, die in ihr eine mathematische Proportionenlehre Gestalt werden lassen. Die Architektur realisiert hier also, durchaus in der später von Palladio umgesetzten Auffassung antiker Architekturen, eine sich mathematisch begründende Proportionslehre. Damit deutet sich aber nur an, was aus der Technik und der Technologie der römischen Kultur auszulesen ist. Zu greifen ist hier eine sich technisch manifestierende Wissenskultur, deren Qualität und deren im Römischen Reich zu verfolgende Entwicklung nur in Spuren auch in den uns verfügbaren literarischen Texten erhalten blieb. Es ist diese Wissenspraxis, die im römischen Reich das Naturwissen zur Geltung brachte und als solche Praxis, das zeigt exemplarisch der oben besprochene Frontonius, eben auch selbst als Kulturform geschätzt und geachtet hat. Damit spannt sich schon von diesen Andeutungen darüber,

Abb. 4.68 Längsschnitt durch die Hagia Sophia

was Rom Technik bedeutete – und was in exemplarischen Studien schon eingehender beschrieben ist[1] – der Bogen zurück zu den Anfängen einer deskriptiven Naturlehre bei den Agronomen Roms. Das Wissensideal des Cato, das Praxis und Ökonomie – im weitesten Sinne – als Zielstellung hatte, und das bei Varro dann in ein national-römisches Kulturverständnis eingebunden wurde, zeigt sich eben auch in der römischen Technik. Das römische Naturwissen, das zeigten auch die Ärzte, entwickelt sich als praktisches Verfahren, nicht als theoretische Konzeption.

4.5.2.3 Weiterführende Literatur

L. Burckhardt, Militärgeschichte der Antike. München 2008.

B. Cech, Technik in der Antike. Darmstadt 2011.

S. Cuomo, Pappus of Alexandria and the Mathematics of Late Antiquity. Cambridge 2000.

R. J. Forbes, Studies in Ancient Technology. 9 Bde. Leiden 1964–1979.

H. Guericke, Mathematik im Abendland. Von den römischen Feldmessern bis zu Descartes. Berlin 1990.

U. Heimberg, Römische Landvermessung. Aaalen 1977.

J. E. Healy, Mining and Metallurgy in the Greek and Roman World. London 1978.

T. L. Heath, Diophantus of Alexandria: A Study in the History of Greek Algebra. New York 1964.

W. Heinz, Reisewege der Antike. Unterwegs im Römischen Reich. Stuttgart 2003.

A. T. Hodge, Roman Aqueducts and Water Supply. London 2002.

F. Kretzschmer, Technik und Handwerk im Imperium Romanum. Düsseldorf 1958.

F. Kretzschmer, Bilddokumente römischer Technik. Düsseldorf 1983.

L. C. Lancaster, Concrete Vaulted Construction in Imperial Rome. Cambridge 2005.

J. T. Lewis, Surveying Instruments of Greece and Rome. Cambridge 2002.

B. Löhberg, Das „Itinerarium provinciarum Antonii Augusti“. Ein kaiserzeitliches Straßenverzeichnis des Römischen Reiches. Überlieferung, Strecken, Kommentare, Karten. 2 Bde. Berlin 2006.

A. Neuburger, Die Technik des Altertums. Leipzig 1919.

H. Schneider, Geschichte der Antiken Technik. München 2007.

R. A. Staccioli, The Roads of the Romans. Rom 2003.

C. van Tilburg, Traffic and Congestion in the Roman Empire. New York 2007.

R. Tölle-Kastenbein, Antike Wasserkultur. München 1990.

C. G. Tsaimou, Metals in Ancient Times. The Ancient Mining and Metallurgic Technology. Athen 2000.

K. D. White, Agricultural Implements of the Roman World. Cambridge 1967.

K. D. White, Greek and Roman Technology. London 1984.

  • [1] So etwa F. Kretzschmer, Technik und Handwerk im Imperium Romanum. Düsseldorf 1958; K. D. White, Greek and Roman Technology. London 1984
 
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