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4.6 Völkerwanderungszeit

354–431 Augustinus

451 Schlacht auf den Katalanischen Feldern

455 Plünderung Roms durch die Vandalen 475–476 Romulus Augustulus August (W)

476 Odoaker setzt Romulus ab und wird König von Italien bis 493 481–511 Chlodwig König der Franken

491–518 Anastasius Augustus (O) 493–526 Theoderich der Große

507 Franken besiegen Westgoten 518–527 Justinus Augustus (O) 527–565 Justinian (O)

529 Schließung der Akademie in Athen/Kloster Monte Cassino

534 Codex Justinianus

535–552 Belisar und Narses erobern Rom und Italien zurück

569 Langobarden in Italien

533 Belisar erobert Vandalenreich in Afrika 570–632 Mohammed

634–644 Kalifat von Omar

610 In Ostrom wird Griechisch Amtssprache 642 Brandschatzung der Bibliothek Alexandrias

Dennoch ist die römische Tradition, das zeigt schon der Vergleich von Ost- und Weströmischem Reich, dass aber definitiv erst nach Justinian auseinanderfällt und schließlich mit der Akzeptanz zweier Amtssprachen dann auch von seinen Grundstrukturen her auseinanderläuft, keineswegs auf nur eine, sich dann teilende Traditionslinie herunterzubrechen. Dabei sind es dann auch nicht einfach nur die politischen Gegensätze zwischen einem weströmischen und einem griechisch geprägten Ostrom, die hier nachzuzeichnen sind. Wirksam sind vielmehr vor allem auch kulturelle Differenzierungen, die insbesondere auch in der innerkirchlichen Auseinandersetzung zusehends pointierter formuliert werden. Davor stehen aber zunächst die Jahrhunderte der Christenverfolgungen, die aber auch schon zeigen, dass sich hier der Staatskult des römischen Reiches nur noch mit Gewalt vor einer ihm bedrohlich erscheinenden eigenen religiös-kulturellen Entwicklung glaubte sichern zu können. Dieses mit sehr viel Blut erkaufte Aufbegehren eines letztlich überkommenen Ritus gegen eine neue, den einzelnen Menschen und nicht mehr nur die Staatsfunktionen wichtig nehmende Religion bleibt schon mittelfristig ohne Wirkung. Die letzte Christenverfolgung unter Diokletian ist kaum abgeklungen, da stellt sich dieses Christentum insbesondere in den Randbereichen der römischen Provinzen neu und nunmehr auch gerade nach all diesen Verfolgungen als unvermeidlich auf. Über Alexandrien und die dort greifbare christliche Strömung hatten wir uns orientiert. Byzanz selbst wird mit Konstantin christlich und entsprechend gewinnt gerade im Oströmischen Reich das Christentum schon bald nachhaltige Bedeutung. Im Westen ist die Situation komplizierter, doch lässt sich auch hier etwa in der Person des Augustinus diese Denkrichtung nicht nur greifen, sondern als eine nunmehr auch selbst zutiefst in der römischen Tradition eingebundene Kultur begreifen. Gegen dieses Christentum stand allerdings der Staatskult und damit die politische Bestimmung der weströmischen Kultur, die für theologisch-philosophische Traditionen nur mehr Seitenbereiche reservierte und hier auch – das zeigt das Pantheon in Rom mit seiner offenen Anlage als Kultstätte für die Vielfalt der im Römischen Reich verehrten Götter – tolerant blieb. Mit dem zunehmenden Verfall der politischen Macht Roms wurden sein Staatskult und die damit verbundenen Verehrungsformen obsolet. Das Christentum, das sich nicht gegen die Kultur Roms, sondern nur gegen dessen Einbindung in ein politisches und an Macht orientiertes Deutungsgefüge wandte, hatte es dann einfach, sich mit den philosophisch-ethischen Argumentationsmustern dieser Kultur auseinanderzusetzen, die es dann nach Zusammenbruch des vormaligen Interpretationsrahmens in sein Denkgefüge zu integrieren vermochte. So sind Cicero und Varro und mit diesen die römische Rhetorik und das auf dieser fußende Verständnis von Theorie und Praxis einer römischen Kultur in dieses christliche Denken zu integrieren: Augustinus zeigt in seiner Person, wie diese Integration funktionierte; wie sich christliche Antworten auch für ihn in antiken Formen auszudrücken vermochten. Augustinus ist ausgebildet in der Tradition der Ciceronischen Rhetorik. Ihm sind die Ansätze des Polyhistors Varro bekannt, und er spricht selbst kein Griechisch. Das griechische Denken, das er kennenlernt, ist das römisch interpretierte Griechentum des Varro, die Vorstellung, nach der die griechische Kultur mit ihrer Vielfalt von zum Teil gegeneinander argumentierenden Strömungen doch zu einer Einheit amalgamiert. Gegen diese Einheit kann man sich als Römer positionieren, dieses derart als in sich bestimmbare Andere wahrgenommene Griechische kann dann allerdings auch das Material liefern, mit dem eigene Positionen abzufangen und zu untermauern sind. So gibt es in der Sicht des Varro das Nicht-Römische, in dem die Positionen eines Aristoteles und eines Platon zu Variationen eines Programms kondensiert sind, gegen das sich abzugrenzen oder auf das sich zu beziehen ist. Und genau dies ist das Bild der Antike, das in Augustinus fortwirkt und über ihn bestimmend wird für das gesamte christliche Denken. Da ist aber ein Zweites, das es zu beachten gibt. Der christlichen Vorstellung zufolge sendet Gott seinen Sohn in die von ihm geschaffene Welt, um den Menschen zu Gott zu bekehren. Der Kreuzestod Christi läutert den Menschen in seiner Natur und zeigt dabei auch auf, wie sehr Gott seine Schöpfung ernst nimmt, die er nicht mehr wie zur Zeit des Noah ersetzt, um mit den gereinigten und ausgedünnten Elementen seiner ersten Schöpfung diese Erde noch einmal besiedeln zu lassen. Dieser neue christliche Gott, der als Mensch in die Welt kommt, nimmt diese seine Schöpfung sehr ernst. Sie ist ihm nicht Spielball, vielmehr ist sie ihm so wertvoll, dass er sich selbst als Christus in diese Schöpfung hineingibt. Eine höhere Wertschätzung kann die Natur gar nicht erfahren. Sie ist von Gott durchsetzt; und – sie wird dann in dieser Durchsetzung selbst zum Gleichnis Gottes. Dabei hatte der physiologus in seiner einfachen Fassung dieses Gottgleichen die Natur zur Chiffre, zu einem bloßen Lehrstück degradiert. Für Augustinus gilt da Anderes. Für ihn ist diese Natur in der Ordnung, in der Gott sie geschaffen hat, das, was ernst zu nehmen ist. Es ist ja diese Ordnung, die Gott für den Menschen mit seinem Sohn erhalten hat; es ist zudem seine Schöpfung und die von ihm – Gott – gewollte Ordnung, in der sich die Natur in ihrer Vielfalt findet. Die ersten Zeilen der Bibel, in denen Gott die Welt schafft, zeigen ja, dass er sie in eine Regel gesetzt hat und in dieser die Ordnung fand, mit der er zufrieden war. Also, so Augustinus, ist Gott dann auch in dieser Natur als der diese Natur Ordnende zu erfahren. Und so entwirft er sein Konzept einer natürlichen Offenbarung: Dies ist die Idee, dass sich in der Ordnung der Natur die Natur Gottes in ihrer Ordnung erfahren lässt. Höher war die Natur nicht aufzuwerten. Diese Natur wird als Spiegel Gottes gesehen, wobei dieser dann in ihr im Menschen auch noch sein Ebenbild geschaffen hat. Wenn so in der Natur die Ordnung zu finden ist, in der sie von Gott geschaffen wurde, so ist in der Naturgeschichte nicht etwa nur eine Vielfalt von Details, ein Ansatz für mögliche Praktiken, sondern das Wissen selbst zu finden. Die Kenntnis der Natur ist – richtig gesetzt – eine Kenntnis Gottes. So setzt diese Strömung schon im antiken Denken die Naturlehre in ein völlig neues Licht.

 
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