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4.6.1 Die neuen christlichen Ordnungsmuster – Fallbeispiel Augustinus

Augustinus wurde im Jahre 354, am 13. November, in Thagaste (heute Souk Ahras in Algerien) in Numidien geboren. Durch seine Autobiographie sind wir detailliert über seine Lebensgeschichte informiert. Ungefähr ab 361 besuchte er in Thagaste die Grundschule: In meinem Knabenalter, ..., liebte ich das Lernen nicht ... Gleichwohl nötigte man mich ..., so kommentierte er später seine erste Schulzeit.[1] weshalb ich aber gerade die griechische Sprache haßte, die ich schon als kleiner Knabe lernen mußte, das ist mir auch jetzt noch nicht ganz klar. Die lateinische zwar liebte ich durchaus, freilich nicht wie man die an der Grundschule lernt, sondern wie die sogenannten Grammatiker sie lehren. Denn die Grundschule, in der man im lesen, Schreiben und rechnen unterwiesen wird, war mir nicht weniger lästig und peinvoll als das Griechische . . . [2] 365–69 besuchte er weiterführende Schulen in Madaura, und später in Karthago. Den 19jährigen erfasste nun aber – wie er selbst schreibt – bei der Lektüre von Ciceros verschollenem Philosophiebuch Hortensius eine innere Ergriffenheit, die ihn nach eigenen Aussagen für die Philosophie begeisterte. Dabei ist bei ihm – seinem Bekunden nach – die Wahrheits- und Weisheitssuche mit dem Wunsch verknüpft, seinem von ihm selbst in vielerlei Hinsicht als leer und sinnlos empfundenen Dasein eine tragfähige Orientierung geben zu können. Diese Suche führt ihn fürs Erste in die Gemeinschaft der Manichäer, einer christlich-gnostischen Sekte, die ihren Mitgliedern Erkenntnis der christlichen Wahrheit in Aussicht stellte, sofern sie sich zu einem fast mönchischen Leben verpflichteten, oder falls sie dies nicht wollten, als sogenannte auditores indirekt über die Auserwählten Anteil an dieser haben konnten. Nach Jahren der Hoffnung darauf, dass ihm die manichäische Lehre einen gangbaren Weg zur ersehnten Wahrheit wiese, distanzierte er sich nach einer ernüchternden Begegnung mit einem ihrer berühmten Bischöfe, dem Faustus von Mileve, von dieser Gemeinschaft. Der Tod des Vaters zwang jedoch zunächst den knapp Zwanzigjährigen in den Beruf des Lehrers, den er erst in Thagaste und dann in Karthago insgesamt 13 Jahre lang ausübte.

383 siedelte er nach Rom um, wo er zum Lehrer der Rhetorik aufstieg und dann ab 384 in Mailand unterrichtete. In Rom hatte er sich der Schule der platonischen Philosophie angeschlossen. Die Begegnung mit dem Mailänder Bischof Ambrosius und die Lektüre der neuplatonischen Schriften führten ihn dann zum katholischen Glauben. Nach dem Tod seiner Mutter, die mit ihm in Rom und Mailand gelebt hatte, kehrte er 387 zurück nach Thagaste, um sich dort mit Freunden und Schülern in Abgeschiedenheit dem Studium, dem Schreiben und dem Vor-Gott-Stehen zu widmen, bis er nach drei Jahren, gegen seinen erklärten Willen, von der Gemeinde in Hippo Rhegius zum Priester und später zum Bischof berufen wurde. Seinen vielfältigen Pflichten zum Trotz gelang es ihm, einen weitgehend kontemplativen Lebensrhythmus aufrechtzuerhalten, indem er in Gemeinschaft mit Priestern, Diakonen und anderen Klerikern seiner Gemeinde nach den Regeln der maßvollen Askese, der Keuschheit und der Armut zusammenlebte. Zudem gelang es ihm, wenn auch über große Zeiträume hinweg, zentrale und religionsphilosophisch bedeutsame Themen schriftlich zu bearbeiten. Diese Schriften blieben überwiegend erhalten. 430 starb er in Hippo Rhegius, weit über dessen Grenzen hinaus bekannt und geachtet als unermüdlich tätiger Bischof seiner Gemeinde, Prediger, und hervorragender Theologe. Wenige Wochen nach seinem Tod traf eine Einladung Valentinian III. in Hippo ein, der ihm die Präsidentschaft für das Konzil in Ephesus 431 antragen wollte. Zu sehen ist hier eine stürmische Entwicklung eines Denkens, das aus der antiken Tradition heraus auf die Suche nach einer tragfähigen Lebenskonzeption geführt wird, die Augustinus dann im Christentum findet. Augustinus hat diese seine intellektuelle Geschichte, in der er für seine Zeit kennzeichnende Züge entdeckte, in seinen Selbstbekenntnissen detailliert geschildert, so dass wir uns hier ein sehr genaues Bild von der Ausbildung, Motivation und Karriere eines Intellektuellen der weströmischen Spätantike machen können. Die Nachwirkungen seines Denkens sind immens. Er führte schon sehr früh neuplatonisches Gedankengut in die christliche Glaubenslehre ein. Das Christentum nimmt damit – über die massive Wirkung des Augustinus – Konturen der antiken Philosophie in seine Lehre auf.

Dabei gewinnt dann auch die Mathematik, als Einsicht in die Zuordnung der Maßbestimmungen, in denen die Welt zu vermessen ist, eine neue Bedeutung. In ihr sind die Dinge der Natur als Maßbestimmungen in eine Ordnung gesetzt, die nicht einfach einsichtig ist, die der Naturforscher jedoch dann, wenn er die Zuordnungen der Dinge zueinander in der rechten Weise bestimmt, erfassen kann: So bin ich dadurch doch nicht imstande, durch das körperliche Sinnesorgan auch das Wesen des Trennens und Kombinierens von Zahlen wahrzunehmen . . . Und ich weiß nicht, wie lange irgend etwas, was ich mit einem körperlichen Sinnesorgan berühre, bestehen wird, wie z. B. dieser Himmel und diese Erde und was immer ich für andere Körper in ihnen wahrnehme. Aber 7 und 3 sind 10, und nicht nur jetzt, sondern immer; auch sind 7 und 3 auf keine Weise und zu keiner Zeit nicht 10 gewesen, noch werden 7 und 3 zu irgendeiner Zeit nicht 10 sein. Darum habe ich gesagt, dass diese unzerstörbare Wahrheit der Zahl allgemein ist, für mich und für jeden, der überhaupt denkt.[3] So gewinnt sich in der Bestimmung dieser Relationen nach den Regeln des Mathematischen Sicherheit. Derart ist dann auch in solchen Maßverhältnissen etwas über die Ordnung der Welt zu formulieren. Womit dann auch das in ihr Erfahrene in Geltung zu setzen ist. Schließlich ist das, was derart zu bemessen ist, Schöpfung Gottes. Und demnach ist diese Welt in ihrer von Gott gegebenen Ordnung einsichtig. Derart begründet Augustinus seine Lehre von der natürlichen Offenbarung, mit der die Naturlehre in eine neue Dimension eintritt. In dieser letztlich theologischen Verankerung der Naturlehre weist Augustinus weit aus der antiken Konzeption eines Naturwissen hinaus und formuliert so schon im vierten Jahrhundert nach Chr. eine der zentralen Vorstellungen, die die Naturlehre des Abendlandes über die nächsten Jahrhunderte prägen wird.

  • [1] A. Augustinus, Bekenntnisse. München 1982, S. 45:
  • [2] Ebd., S. 46
  • [3] Augustinus, de libero arbitrio, Buch 2, Kap. 8, Abs. 21
 
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