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4.6.2 Fortschreibungen der Antike im Weströmischen Reich

Im spätantiken Rom sind die alte Ordnung des Reiches und dessen am politischen Denken ausgerichteten Wertgefüge verloren. Das Machtzentrum der alten Welt hat sich nach Byzanz verlagert, das sich aber auch nur mit Mühe zumindest im östlichen Bereich des Mittelmeeres vor den anstürmenden Völkerscharen aus dem Norden und Osten aufrechterhalten kann. Westrom zerbricht in den Unruhen dieser sogenannten Völkerwanderungszeit, in der über die Poebene immer wieder neue Völkerschaften in die italienische Halbinsel einbrechen. Randprovinzen wie England oder Germanien sind für das römische Reich längst verloren. Wenn auch die dortigen Verwaltungsstrukturen nicht völlig aufgegeben sind, und römische Infrastruktur und Wirtschaftszonen bis in die Neuordnung der nachantiken Administration hinein erkennbar bleiben. Für Rom selbst bedeutet dies allerdings, dass es von den Wirtschaftsräumen die seine ökonomische Vorrangstellung ermöglicht hatten, abgeschnitten ist. Die sozialen Strukturen in Rom brechen dann auch zusammen. Die Metropole der antiken Welt ist nicht mehr handlungsfähig. Die Eroberung Roms durch die Vandalen nur 20 Jahre nach dem Tod des Augustinus macht dies aller Welt augenfällig. Als dann 476 Odoaker den Kaiser Romulus Augustulus absetzt, ist das Römische Reich in seinem weströmischen Teil auch formal beendet. Erhalten bleiben Reststrukturen von Verwaltung und Kultur, das zeigen die spätantiken und frühmittelalterlichen Kunstgewerbearbeiten etwa im Raum Norditaliens. Hier ist der Fortbestand von Kulturpraktiken im Bereich von Technik, Kunst und Kalligraphie direkt greifbar (Abb. 4.69). Die hohe Qualität, die diese Praktiken in der Spätantike erreicht hatten, zeigt sich noch in den Produkten, die aus dem sechsten und siebten Jahrhundert greifbar sind. Die Bildungsinhalte der Kultur eines Cicero oder Varro lassen sich hingegen kaum weitertragen. Rom selbst ist verwahrlost, die Idee einer letztlich politisch bestimmten römischen Kultur scheint gebrochen, und doch bleibt in Norditalien, etwa in den Versuchen des oströmischen Kaisers, zunächst über Theoderich später dann auch selbst wieder Raum zu fassen, eine Hoffnung auf die Fortschreibung einer eigenen römischen Kultur erhalten. Dabei wird nun aber am Hof des Theoderich in Ravenna, den dieser durch byzantinische Künstler und Handwerker ausgestatten lässt, zusehends deutlich, dass die noch greifbare römische Kultur die Kultur des

Abb. 4.69 Bodenmosaik der Basilika von Aquileia

Ostens ist, die sich weit von der weströmische Tradition entfernt hat. Wie sehr sich hierbei das Wissen und die Darstellung der Wissenszusammenhänge verändert hat, zeigt Martianus Mineus Felix Capella, der als römischer Enzyklopädist und Rechtsanwalt in etwa zur Zeit des Augustinus, in der zweiten Hälfte des 4. und im beginnenden 5. Jahrhundert, in Karthago lebte. Er verfasste ein in der weiteren Rezeption zentrales Handbuch der Grundausbildung des römischen Rhetors. In diesem Band, De nuptiis Philologiae et Mercurii, die Hochzeit der Philologie mit Merkur, werden in allegorischer Form die Ordnung und die grundlegenden Inhalte der Ausbildung dargestellt. In den ersten zwei Büchern wird die Hochzeit von Merkur mit der Philologie dargestellt. In den folgenden sieben Büchern treten dann die einzelnen Künste, die sieben freien Künste, jeweils als Brautjungfern auf und tragen, ohne Rücksicht auf die fiktive Einbindung in eine Rahmenhandlung, ihre Weisheit im Handbuchstil vor. Dabei fußt Capella letztlich auf Quintillian und Cicero. Dabei gliedert sich das Werk im Anschluss an die einleitende Darstellung der Rahmenhandlung wie folgt:

Bücher III–V: das Trivium

Grammatik, Rhetorik, Logik

Bücher VI–IX: das Quadrivium

Arithmetik, Geometrie, Musiktheorie, Astronomie

In dieser Form und nach diesem Buch wird der Unterricht in den sogenannten freien Künste bis in das Mittelalter strukturiert.

 
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