< Zurück   INHALT

4.6.2.3 Cassiodor

In Folge des Boëthius arbeitete der Senator namens Flavius Magnus Aurelius Cassiodorus, kurz Cassiodor (um 490–583), am Hof des Theoderich. Aus begüterter und angesehener süditalienischer Familie syrischen Ursprungs entstammend, hatte Cassiodor es der Gunst, in der sein Vater bei dem Ostgotenkönig Theoderich dem Großen stand, zu verdanken, dass er in der staatsmännischen Laufbahn schnell vorankam. Schon in ungewöhnlich jungen Jahren wurde er der Leiter des persönlichen Beraterstabes des Theoderich und nahm dort anschließend ein Ministeramt wahr. Sein Ziel war die Aussöhnung von Römern und Ostgoten. Unter dieser Zielstellung verfasste er im Auftrag des Theoderich dann auch eine idealisierte Geschichte der Goten, die allerdings verloren gegangen ist. Erhalten ist jedoch eine von ihm verantwortete Sammlung von Aktenstücken und Urkunden (Variae), die eine wichtige Quelle bezüglich der Verwaltung des ostgotischen Königreichs darstellen. Ab 526, nach dem Tod des Theoderich, leitete Cassiodor unter der Regentschaft von dessen Tochter Amalasuntha die Zivilverwaltung Italiens. Nach dem Beginn der oströmischen Wiedereroberung Italiens unter Justinian I. und den Thronwirren nach König Athalarichs Tod zog er sich etwa um 540 von den Staatsgeschäften zurück und gründete 554 auf den Gütern seines Vaters in der Nähe des heutigen Squillace in Kalabrien das Kloster Vivarium, das er als Abt leitete. Das Kloster Vivarium selbst wurde zwar bald nach dem Tod Cassiodors (um 583) wieder aufgelöst, doch wurden in der Folge nach seinem Vorbild im gesamten lateinischsprachigen Raum analoge Bildungsstätten gegründet. Hierbei verfolgte er das Ziel, dem weströmischen Mönchtum eine ähnlich gut ausgearbeitete theologische Grundlage zu geben, wie es das oströmische bereits besaß. Unter anderem verfasste er hierzu auch ein bis in die Reformationszeit genutztes Kompendium der Kirchengeschichte, die historia ecclesiastica tripartita, eine mosaikartige Zusammenstellung von Auszügen aus den Werken griechischen Kirchenhistoriker. Dabei arbeitete er wie Boëthius an einer Sicherung des antiken Erbes und suchte so vor allem das bedeutende Schrifttum und Bildungsgut der Antike zu sichern. Hierzu sammelte er Handschriften, verfasste mit seiner Schrift Institutiones divinarum et saecularium litterarum unter anderem eine Anleitung für das Abschreiben religiöser und ausdrücklich auch profaner Handschriften und erklärte deren Vervielfältigung zur Aufgabe der Mönche. Die Abschriften wie deren Vorlagen archivierte er und fasste sie zur ersten bekannten mittelalterlichen Bibliothek zusammen. Ihre Größe wird auf circa 100 Codices geschätzt, was im Vergleich mit den 120.000 Büchern der 475 in Byzanz abgebrannten antiken Bibliothek das Ausmaß des kulturellen Vakuums im weströmischen Kulturbereich deutlich macht, in das Cassiodor hineingeboren wurde. Nun gibt er mit seiner Anleitung sozusagen eine Must reading list der späteren christlichen Klosterliteratur. In ihr war der vormalige Bildungskanon der römischen Rhetorik dann auch für die christlichen Klöster der notwendige Bildungsstoff, und mit ihr wurde auch die Ausbildung der späteren höheren Schulen nach dem Schema der antiken Rhetorikausbildung ausgerichtet.

Diese Ausbildung erfolgte nach dem Muster der sieben freien Künste – so bezeichnet, um sie gegenüber den praktischen Künsten, den artes mechanicae, abzusetzen. Man unterschied bei den Freien Künsten das Trivium (Dreiweg) der sprachlich und logischargumentativ ausgerichteten Fächer, die die Voraussetzung für jede Beschäftigung mit der (lateinischen) Wissenschaft bilden, und das weiterführende Quadrivium (Vierweg) der mathematischen Fächer.

• Zum Trivium gehörten – im Sinne der Darstellung Capellas:

Grammatik – als Lateinische Sprachlehre und ihre Anwendung auf die Werke der klassischen Schulautoren

Rhetorik – als Darstellung der Redeteile und Stillehre, mit Beispielen der klassischen Schulautoren

Dialektik bzw. Logik – Die Lehre von den Schlüssen und Beweisen auf der Grundlage des aristotelischen Organons

• Zum Quadrivium gehörten:

Arithmetik – Zahlentheorie (Zahlbegriff, Zahlenarten, Zahlenverhältnisse) und z. T. auch praktisches Rechnen.

Geometrie – euklidische Geometrie (die ersten Bücher) und Geographie

Musik – Musiktheorie und Darstellung der Tonarten nach dem Werk des Boëthius

Astronomie – Lehre von den Sphären, den Himmelskörpern und ihren Bewegungen, unter Einschluss der Astrologie

In diesem Muster und mit dem Kanon der Buchliste des Cassiodor und den lateinischen Übersetzungen des Boëthius übermittelten sich zumindest die Grundstrukturen der antiken Wissens- und Wissenschaftstraditionen auch in Westrom über die Spätantike hinaus.

 
< Zurück   INHALT