Problemstellung

Die Auseinandersetzung mit den transatlantischen Beziehungen, dies wird aus den grob skizzierten Debatten bereits ersichtlich, wird von Autoren dominiert, die auf klassische IB-Theorien zurückgreifen, um Erklärungsangebote für den Erhalt und die Stabilität der transatlantischen Beziehungen zu generieren (Ikenberry 2002; Anderson/Risse/Ikenberry 2008). Die in den 1990er Jahren dominanten (neo-)realistischen und liberalen Theorien werden allenfalls von normkonstruktivistischen Erklärungsansätzen ergänzt. Obwohl sich im Zuge der sogenannten dritten Debatte eine dezidierte Kritik an einem positivistisch geprägten Wissenschaftsverständnis etablieren konnte, blieb eine intensivere Auseinandersetzung mit dem Gegenstand der transatlantischen Beziehungen zunächst aus. Zwar nahmen Roxanne Doty (Doty 1993, 1996) oder David Campbell (Campbell 1998) Identitätskonstruktionen im Kontext U.S.-amerikanischer Außenpolitik aus einer konstruktivistischen oder post-strukturalistischen Perspektive in den Blick, doch eine systematische, post-positivistisch geprägte Auseinandersetzungen mit der Persistenz der NATO, den transatlantischen Beziehungen oder dem

„Westen“ allgemein, findet erst in und nach den 2000er Jahren statt (Behnke 2012; Franke 2010; Hellmann et. al 2014).

Grundsätzlich stellt sich jedoch die Frage, was eine post-positivistische Auseinandersetzung mit dem Gegenstand der „transatlantische Beziehungen“ leisten kann und welcher theoretische oder empirische Mehrwert durch einen eher unkonventionellen Zugriff entwickelt wird. Diese Frage ist nicht ohne Weiteres zu beantworten, da sie voraussetzt, dass man sich auf einen gemeinsamen Referenzpunkt einigen müsste, der zur Beurteilung dessen dient, was als „Mehrwert“ bezeichnet wird. Doch gehen bereits an dieser Stelle die Meinungen schon weit auseinander. Zwar scheint eine allgemeine Übereinstimmung darüber zu bestehen, dass es aus einer post-positivistischen Perspektive nicht darum gehen kann, in einem Wettstreit um die bessere „Erklärung“ gegen neo-positivistische Ansätze anzutreten, da eine Erklärung im kausalanalytischen Sinne in der Regel nicht dem Erkenntnisziel post-positivistischer Ansätze entspricht (anders siehe Kurki 2008). Dennoch sind auch post-positivistische Arbeiten von einer Begründungspflicht ihrer Problemstellung und des Erkenntnisziels nicht ausgenommen.

Worin besteht also das „Puzzle“ und welche Erkenntnisse sollen gewonnen werden? Einerseits wird der Machtbegriff in den Internationalen Beziehungen problematisiert. Mit Blick auf die Forschung zu den transatlantischen Beziehungen zeigt sich die deutliche Präsenz eines substantialistischen Machtbegriffs, der vor allem auf die Verteilung materieller Fähigkeiten abstellt, um eine Machtasymmetrie zwischen den USA und den europäischen Staaten zu konstatieren.

Die hier noch etwas in der Luft hängende Behauptung wird im zweiten Kapitel des Buches ausführlicher belegt. Die Frage jedoch, wie sich diese Asymmetrie der materiellen Ressourcen in politische Macht übersetzt, bleibt meist unterbelichtet. Während dies etwa aus einer realistischen Perspektive kaum problematisch erscheint, da einem Staat, der in signifikanter Weise über militärische und ökonomische Ressourcen verfügt auch ein entsprechender Machtstatus zugeschrieben wird, setzen post-positivistische Ansätze genau an diesem Punkt an. In den IB wird seit Jahren kontrovers diskutiert, inwiefern Macht notwendigerweise auch nicht-materielle Elemente beinhaltet, die sich einer rein positivistischen Betrachtung alleine schon dadurch entziehen, dass sie zwar „irgendwie“ vorhanden sind und wohl auch „irgendeine“ Wirkung entfalten, aber eben nur schwer als Kausalfaktoren isoliert und schon gar nicht „gemessen“ werden können. Kausalanalytische Ansätze stoßen in der Regel dann an ihre Grenzen, wenn sich einzelne Phänomen nicht eindeutig als unabhängige Variable von anderen Einflussfaktoren isolieren lassen. Um der Frage nach den nicht-materiellen und den sozialen Praktiken der Macht auf die Spur zu kommen, scheint eher ein Ansatz geeignet, der die Herausbildung von Machtverhältnissen in der sozialen Praxis problematisiert, ohne von vornherein auf die Isolierung einer unabhängigen Variable fixiert zu sein. Die Entscheidung, diese Studie auf einem postpositivistischen Ansatz zu entwickeln, ist folglich dem Erkenntnisinteresse an den sozialen Praktiken der Macht und einem besseren Verständnis der Frage geschuldet, wie die transatlantische Machtbeziehungen im Krisenjahr 1989 herausgebildet wurden.

Aus einer post-positivistischen Perspektive kann das transatlantische Machtverhältnis als ein soziales Phänomen konzeptualisiert werden, das sich in den Beziehungen, Prozessen und Umgangsformen zeigt, die staatliche Repräsentanten mit einander pflegen. Folglich soll ein grundsätzliches Verständnis für die Herausbildung von Machtbeziehungen entwickelt werden, was nur durch eine systematische Rekonstruktion der sozialen Praktiken während eines klar umrissenen Zeitraumes gelingen kann. Insofern entfällt bei solcherart angelegten Forschungsarbeiten auch eine theoriebasierte Auswahl von Fallstudien. Vielmehr sollten die einzelnen Situationen, die zur Analyse herangezogen werden, hinsichtlich der zugrundeliegenden Fragestellung aussagekräftige Ergebnisse gewährleisten – was sich jedoch nur schwer im Vorhinein abschätzen lässt. Grundsätzlich wäre es möglich, die Rekonstruktion der sozialen Beziehungen und Praktiken zu jedem beliebigen Zeitpunkt vorzunehmen und aus der empirischen Beobachtung heraus eine Heuristik zu erstellen, die dann durch weitere Beobachtungen gesättigt werden kann. Da jedoch jede Untersuchung einen Anfangspunkt benötigt, der sich mehr oder weniger gut begründen lässt, wurde in dieser Studie das Krisenjahr 1989 ausgewählt, was später noch ausführlicher diskutiert wird. Die Studie hätte allerdings ebenso gut im Jahre 1956, 1993 oder 2001 ansetzen können – vor dem Hintergrund der Forschungslogik sollte dies zunächst keinen Unterschied machen. Nun ist es jedoch einmal so, dass in der Politik immer wieder bestimmte Phasen beobachtet werden können, in denen die herkömmlichen Handlungsroutinen nicht mehr greifen und die Herausbildung neuer Handlungsmuster beobachtet werden können. Das Jahr 1989 markiert solch eine Phase von „Handlungskrisen“, weshalb eine genauere Untersuchung im Hinblick auf die Fragestellung und des Erkenntnisinteresses besonders gewinnbringend erscheint.

Die vorliegende Studie greift sowohl ein theoretisches Problem auf, das darin besteht, einen praxistheoretisch unterlegten Machtbegriff in die Analyse internationaler Beziehungen einzuführen als auch ein empirisches, in dem gezeigt wird, wie solch ein Konzept genutzt werden kann, um die Herausbildung des transatlantischen Machtverhältnisses im Krisenjahr 1989 zu untersuchen. Da das hier skizzierte Unterfangen mit herkömmlichen Methoden der Politikwissenschaft kaum zu bewerkstelligen wäre, soll auf methodologischer Ebene der Ansatz der Grounded Theory genutzt werden, um aus der empirischen Analyse eine Forschungsheuristik zu entwickeln, die auch jenseits des zugrundeliegenden empirischen „Falles“ Verwendung finden könnte, um die Herausbildung von Machtverhältnissen in der sozialen Praxis zu untersuchen.

 
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