Das „Krisenjahr 1989“ als empirischer Rahmen

Im Mittelpunkt der gegenstandsbezogenen Analyse dieses Buches steht die Frage nach der Herausbildung des transatlantischen Machtverhältnisses in einer Phase, die im Nachhinein als „Zeitwende“ bezeichnet wurde. Entsprechend der theoretischen Überlegungen richtet sich der analytische Blick auf Artikulations-, Kommunikations-, und Interaktionspraktiken der Akteure, die als Repräsentanten der Staaten in bestimmten Situationen handeln und miteinander verhandeln. Hierzu werden zwei Verhandlungskontexte genutzt, die durch erhebliche Auseinandersetzungen zwischen den westlichen Bündnispartnern geprägt waren: Der Streit über die Modernisierung/Abrüstung der nuklearen Kurzstreckenraketen (LANCE) und die Veröffentlichung von Helmut Kohls 10-Punkte Programm. Der Streit über die LANCE-Raketen ist heute weitgehend in Vergessenheit geraten4. Dabei handelt es sich um einen Konflikt, in dem sich das Ende des „Kalten Krieges“ symbolträchtig verdichtet. Die Regierungen Bush, Thatcher und Kohl waren im Frühjahr 1989 darüber in Streit geraten, wann und wie NATO-Beschlüsse aus den frühen 1980er Jahren über eine Modernisierung nuklearer Kurzstreckenraketen umzusetzen seien. Insbesondere die Regierung Kohl drängte auf eine Verschiebung der Entscheidung um mehrere Jahre und die Aufnahme von Verhandlungen über die Abrüstung dieser Waffen, während die britische Premierministerin darin einen eklatanten Verstoß gegen geltende Beschlüsse des Bündnisses sah, der die Strategie der flexible response gefährde. Die Regierung Bush zeigte zwar anfängliche Unterstützung für die ‚harte' Haltung Thatchers, näherte ihre Position jedoch immer weiter den deutschen Forderungen an, während der Streit zunehmend eskalierte. Auf dem NATO-Gipfel in Brüssel am 29./30. Mai 1989, auf dem das 40-jährige Jubiläum des westlichen Bündnisses begangen wurde, konnte schließlich eine Einigung erzielt werden.

Angeleitet durch das methodologische Konzept der Grounded Theory nach Anselm Strauss und Juliet Corbin wird der Streit über die LANCE-Raketen in sechs Mikrofallanalysen untersucht und gezeigt, wie Status- und Deutungsansprüche ausgehandelt sowie Machtpositionen in der sozialen Praxis durchgesetzt wurden. Die rekonstruktiv gewonnenen Erkenntnisse sollen abstrahiert und schließlich nach ihrer machtpolitischen Bedeutung befragt werden. Hierdurch soll gezeigt werden, wie durch die spezifischen sozialen Praktiken Machtverhältnisse zwischen den Akteuren konstituiert wurden.

Berechtigterweise könnte kritisiert werden, dass dies lediglich eine Momentaufnahme darstelle, die sich auf den knappen Zeitraum weniger Wochen bezieht, womit bezweifelt werden könnte, ob die Ergebnisse einen Wert besitzen, der über diesen Einzelfall hinausweist. Folglich soll in einem weiteren Kapitel gezeigt werden, inwiefern in den Auseinandersetzungen über Kohls 10 Punkte Programm, die wenige Monate später stattgefunden haben, gleiche, ähnliche oder vollkommen neue soziale Praktiken in der Aushandlung des Machtverhältnisses und signifikante Veränderungen sichtbar werden. Das 10 Punkte Programm wurde wenige Wochen nach dem Fall der Berliner Mauer veröffentlicht und legte einen Stufenplan zur Herstellung der deutschen Wiedervereinigung fest. Angesichts dieses Vorstoßes der Bundesregierung kam es innerhalb des westlichen Bündnisses aber auch mit der Regierung in Moskau zu erheblichen Meinungsverschiedenheiten. Die Betrachtung des Streits über das 10 Punkte Programm soll in dieser Studie der empirischen Sättigung dienen, um die Herausbildung des transatlantischen Machtverhältnisses im Krisenjahr 1989 abzubilden. Das Ziel der Arbeit besteht in erster Linie darin, ein theoretisches Konzept zur Analyse von Machtbeziehungen zu entwickeln, das in weiteren Untersuchungen verwendet, überprüft und verfeinert werden kann.

 
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