„Macht“ in den Internationalen Beziehungen – Konturen eines Begriffs

Macht ist ein zentraler Bezugspunkt, um den sich nicht nur eine gegenstandsbezogene Analyse internationaler Politik, sondern auch die Theoriebildung in den IB immer wieder dreht. Allerdings wird der Machtbegriff je nach theoretischer Perspektive sehr unterschiedlich konturiert. Auf den folgenden Seiten soll die unterschiedliche Rezeption des Machtbegriffs in den IB ausführlicher thematisiert werden, um Anknüpfungspunkte für ein praxistheoretisch informiertes Machtverständnis aufzuzeigen.

Grundlagen des Machtbegriffs

Eine Erörterung der Frage, was Macht ist, kommt nicht ohne einen Verweis auf Max Weber aus. Weber führt den Begriff der Macht zu Beginn seines Werkes Wirtschaft und Gesellschaft unter § 16 mit der Definition ein:

„Macht bedeutet jede Chance, innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstand durchzusetzen, gleichviel worauf diese Chance beruht. Herrschaft soll heißen die Chance, für einen Befehl bestimmten Inhalts bei angebbaren Personen Gehorsam zu finden; Disziplin soll heißen die Chance, kraft eingeübter Einstellung für einen Befehl prompten, automatischen und schematischen Gehorsam bei einer angebbaren Vielheit von Menschen zu finden“ (Weber [1921] 2005: 38).

Diese Definition und Abgrenzung von Macht, Herrschaft und Disziplin impliziert zunächst die Existenz von mindestens zwei Akteuren, die erstens über einen eigenen Willen verfügen und zweitens in einer kausalen Beziehung miteinander stehen. Macht wird nun als die Fähigkeit eines Akteurs verstanden, diese Beziehung in signifikanter Weise zu nutzen, damit ein anderer Akteur bestimmte Handlungen vollzieht, womöglich gegen dessen eigenen Willen. Interessant ist jedoch, dass Weber gleichgültig erscheint, „worauf diese Chance beruht“ – Überzeugung oder Zwang können hier in ähnlicher Weise am Werk sein. Der soziologisch relevantere Begriff ist für Weber jedoch „Herrschaft“, womit eine besondere Form der Macht bezeichnet wird, die sich vor allem durch ihre Legitimitätsgrundlage auszeichnet (Weber [1921] 2005: 39). Während Macht bei Weber mit „dem freien Spiel der Interessen“ assoziiert wird, wird Herrschaft immer wieder in einem engeren Sinne als „autoritäre Befehlsgewalt“ verstanden (Weber [1921] 2005: 695)[1].

Bevor auf die Verwendung des Machtbegriffs in den IB eingegangen wird, richtet sich der Blick auf die Entwicklung eines eher kausalanalytischen Verständnisses der Macht, die ihren Ursprung in der Mitte des letzten Jahrhunderts findet. Besonders augenfällig wird dies bei Robert Dahl und in der Debatte über die ‚drei Gesichter der Macht'. Der U.S.-amerikanische Politikwissenschaftler Robert Dahl (1957) stellt einen Machtbegriff in den Mittelpunkt seiner theoretischen Überlegungen, den er zwar als relational bezeichnet und auf Ebene der Akteure anwendet, der jedoch auf einem substantialistischen Verständnis basiert. Nach Dahl besteht Macht im Kern aus vier Elementen, die anhand des politischen Systems der USA erläutert werden: Erstens der Ursprung oder die Basis der Macht, zweitens die Mittel der Machtausübung, drittens der Umfang der Macht und viertens die Reichweite der Macht. Dies seien die entscheidenden Faktoren, um Macht ‚messen' zu können (Dahl 1957: 203). Um der Macht und ihrer Wirkung näher auf die Spur zu kommen, übersetzt er diese vier Elemente der Macht in eine mathematische Formel und untersucht in einem Fallbeispiel die Fähigkeiten von einzelnen Kongressabgeordneten, Entscheidungen in ihrem jeweiligen Sinne zu beeinflussen. Dahl geht es allerdings nicht darum, die komplexen sozialen Interaktionsmuster zwischen den Abgeordneten in den Blick zu nehmen, sondern versucht, über deren Abstimmungsverhalten quantitativ zu messen, wer über mehr, weniger oder gleichviel Macht verfügt (Dahl 1961: 205ff.). Dahls Machtbegriff bezieht sich daher nicht, wie man zunächst vermuten könnte, auf die sozialen Beziehungen zwischen den Akteuren, sondern auf deren relative Chance, Ergebnisse zu beeinflussen.

Dahl leitet seine Machtdefinition daher auch weniger aus einem relationalen, sondern aus einem behavioristischen Verständnis ab, wonach das Verhalten von Akteuren quantitativ erfasst und gemessen werden soll, um zu kausalen Erklärungen hierüber zu gelangen. Dahinter steckte vor allem das wissenschaftspolitische Bestreben der frühen 1960er Jahre, die Sozialforschung durch die Anwendung quantitativer Methoden als Sozialwissenschaft zu etablieren[2]. Diese Verwissenschaftlichung kulminierte in vielerlei Hinsicht in der sogenannte Three Faces of Power-Debatte. In dieser Debatte stritten deren Hauptvertreter Robert Dahl, Peter Bachrach/Morton Baratz und Steven Lukes vor allem über die Frage, was Macht bedeutet und wie sie wissenschaftlich untersucht werden kann. Wesentlicher Grund für die Auseinandersetzung war die Frage, wie jene Fälle eindeutig identifiziert werden könnten, in denen kausale Machtbeziehungen am Werk sind. Demnach bestehe das First Face of Power nach Dahl darin, dass A in der Lage sei, B zu einer Handlung zu veranlassen, die dieser nicht möchte, was durch Überprüfung einer Einstellungsveränderung bei B messbar und sichtbar wäre. Hier setzten Bachrach und Baratz an, indem sie auf ein Second Face of Power verweisen, das sich in der Unterdrückung bestimmter Konflikte zeige. Während Dahl davon ausgehe, dass Macht stets zu einer sichtbaren und erfahrbaren (d.h. ‚positivierbaren') Veränderung bei B führe, behaupten Bachrach und Baratz, dass sich Macht auch durch Verhinderung einer Interaktion offenbare, die jedoch nicht zwingend sichtbar oder unmittelbar erfahrbar sein müsse (Bachrach/Baratz 1962). Macht kann demnach in sozialen Beziehungen am Werke sein, ohne dass dies in Form einer beobachtbaren unabhängigen Variablen bestimmbar wäre, die zu einer Varianz auf der abhängigen Variable führt.

Steven Lukes greift diesen Gedanken schließlich auf und führt ihn mit Dahls Machtverständnis zu einem Third Face of Power zusammen, indem er behauptet: „A exercises power over B when A affects B in a manner contrary to B's interests.“ (Lukes 1974: 27). Demnach werde Macht ausgeübt, wenn B sich zu einer Handlung entschließt, die unter idealen Bedingungen nicht getroffen worden wäre, da sie gegen die objektiven Interessen Bs verstoße (Isaac 1987: 14). Das Third Face of Power drückt somit die Vorstellung aus, wonach Bs Entscheidungsmöglichkeiten im Idealfall den strukturdefinierten, objektiven Interessen folgen. Der Einfluss von Macht zeige sich dann, wenn B nicht mehr in der Lage sei, seinen objektiven Interessen zu folgen, sondern entgegen eigener Interessen handeln müsste[3]. Die Three Faces of Power Debatte basiert im Kern auf einem kausalanalytischen Machtbegriff, der unter den Protagonisten kaum problematisiert wurde. Zwar scheint sich der Fokus während der Debatte von Dahls behavioristischem Machtverständnis hin zu einem deutlicher relationalen Machtbegriff bei Lukes zu verschieben, doch werden die Interaktionsbeziehung zwischen A und B nicht weiter reflektiert. Die Frage etwa, wie Macht in einer sozialen Beziehung ausgeübt und praktiziert wird, bleibt in der Debatte eher unterbelichtet und steht letztlich hinter der Frage, wie Macht gemessen werden kann, zurück.

  • [1] Bei einer Diskussion über Klassiker der Macht dürften sicherlich auch Hannah Arendt (1970) und Michael Mann (1993) nicht fehlen. Obwohl Arendts Arbeiten zum Machtbegriff von zentraler Bedeutung für eine ideengeschichtliche Rezeption sind, würde eine Auseinandersetzung mit ihrem Werk in eine andere Richtung führen. Daher findet auch mit dem monumentalen Werk von Michael Mann keine tiefergehende Auseinandersetzung statt. Mann beschäftigt sich in seinem vier Bände umfassenden Werk The Sources of Social Power mit großen sozialen Umwälzungsprozessen
  • [2] Dahl schreibt hierzu: “Based upon the study of individuals in political situations, this approach calls for the examination of the political relationships of men ... by disciplines which can throw light on the problems involved, with the object of formulating and testing hypotheses concerning uniformities of behavior” (Dahl 1961: 764)
  • [3] Isaac erwähnt in seiner Kritik an der Three Faces of Power-Debatte, Lukes habe durch die Feststellung objektiver, strukturdefiniterer Interessen heftige Kritik auf sich gezogen, seine Position später aber noch einmal dargelegt und schließlich einen stärker akteursbasierten Machtbegriff formuliert: “Power, he [Lukes, AH] says, is an 'agency' concept, not a 'structural' one, yet he writes that it 'is held and exercised by agents (individual or collective) within systems and structural determinants'” (Isaac 1987: 14)
 
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