Machtkonzeptionen in den IB

Traditionell wird dieser kausale und substantialistische Machtbegriff in den IB mit realistisch-neorealistischen Ansätzen verknüpft. Macht wird als die Fähigkeit eines Staates angesehen, seine Interessen auf internationaler Ebene durchzusetzen. “Realists are the theorists of power politics” schreibt Brian Schmidt (2005: 525). Die internationale Politik wird nach einem weithin geteilten Verständnis als System betrachtet, in dem es vor allem Staaten um die Durchsetzung eigener Interessen geht. Um die eigenen Interessen auf der internationalen Ebene zu behaupten, greifen Staaten auf ihre jeweils zur Verfügung stehenden Ressourcen zurück. Die Aktivierung bereitstehender Mittel zur Durchsetzung eigener Interessen wird gemeinhin als Machtausübung bezeichnet, die Verfügbarkeit über Ressourcen selbst stellt das Machtpotential dar. Diese Grundüberlegungen werden wohl von den meisten Vertretern der einschlägig bekannten Denk- und Theorieschulen der Disziplin geteilt.

Neorealistische Ansätze gehen vor allem davon aus, dass Staaten in einem anarchischen Umfeld existieren und folglich einen ständigen Kampf um ihr eigenes Überleben führen, weshalb vor allem die zur Verfügung stehenden materiellen Ressourcen als Grundlage zur Sicherung und Durchsetzung des eigenen Interesses dienen (Mearsheimer 2001). So schreibt John Mearsheimer:

„At its most basic level, power can be defined in two different ways. Power, as I define it, represents nothing more than specific assets or material resources that are available to a state. Others, however, define power in terms of the outcomes of interactions between states. Power they argue, is all about control or influence over other state; it is the ability of one state to force another to do something” (Mearsheimer 2001: 57)

Zwar herrschen innerhalb der neorealistischen Theorie unterschiedliche Auffassungen darüber, welche Strategie geeigneter erscheint, um das Überleben zu sichern – ‚Maximierung der Sicherheit' oder ‚Maximierung der Macht' –, doch

stellen sowohl im defensiven als auch im offensiven Neorealismus militärische Ressourcen das wichtigste Machtpotential eines Staates dar. Allerdings dürfe laut Mearsheimer hieraus nicht die Schlussfolgerung gezogen werden, wonach in einem Konflikt jeweils der Staat siegreich sein müsse, der über größere militärische Ressourcen verfüge als sein Gegner (Mearsheimer 2001: 58). Mearsheimers Machtbegriff, der in besonderem Maße auf den Besitz militärischer Ressourcen rekurriert, unterscheidet sich jedoch erheblich von einem Machtbegriff, der sich beispielsweise im Werk von Hans Morgenthau findet[1]. Der Völkerrechtler Morgenthau gründet seine politische Theorie auf die Annahme, dass Politik letztlich immer eine Folge menschlicher Entscheidungen sei. Der Mensch habe während seiner Entwicklung gezeigt, dass er von zwei grundlegenden Trieben gesteuert werde, nämlich dem Drang andere zu beherrschen und selbst zu überleben. Morgenthau definiert politische Macht als eine psychologische Beziehung zwischen jenen, die Macht ausüben und jenen, über die Macht ausgeübt werde (Morgenthau 2012: 32).

„When we speak of power, we mean man's control over minds and actions of other men. By political power we refer to the mutual relations of control among the holders of public authority and between the latter and the people at large” (Morgenthau 2012:32)

Morgenthau nennt drei Quellen, aus denen sich politische Macht speise: Die Erwartung von Vorteilen, die Furcht vor Nachteilen oder der Respekt vor Menschen und Institutionen (Morgenthau 2012: 32). Schließlich grenzt er den Machtbegriff ein, indem er vier Unterscheidungen vornimmt. Der Unterschied zwischen „Macht“ und „Einfluss“ bestehe etwa darin, dass der Außenminister als Berater des U.S.-Präsidenten Einfluss haben könne, wenn dieser seinen Rat befolge. Allerdings habe nur der Präsident aufgrund der Autorität seines Amtes die Möglichkeit, dem Außenminister seinen Willen aufzuzwingen, da er Vorteile versprechen oder nachteilige Konsequenzen androhen kann. Politische Macht sei auch von der Gewaltanwendung zu unterscheiden. Wenn ein Staat auf das Mittel der militärischen Gewalt zurückgreife, werde die politische Macht durch die militärische ersetzt, das psychologische Element der politischen Macht gehe in diesen Fällen verloren (Morgenthau 2012:34). Drittens zieht Morgenthau eine Unterscheidung zwischen der Anwendbarkeit und der Nicht-Anwendbarkeit der Macht ein. Im Kern geht es darum, dass sich Macht nur entfalten kann, wenn die „Anreize“, auf denen die Macht basiert, auch glaubwürdig erscheinen. Schließlich unterscheidet Morgenthau legitime von illegitimer Macht. Legitime Macht basiere auf moralischen oder rechtlichen Prinzipien, während illegitimer Macht diese Grundlage fehle. Entscheidend sei, dass Macht, die auf einer legitimen Rechtfertigungsgrundlage basiere, auch effektiver sein könne als illegitime Macht (Morgenthau 2012: 34).

Robert Jervis (1994: 856) bemängelt, Morgenthau diskutiere an keiner Stelle weniger offensichtliche Aspekte der Macht. So habe bereits Carl Friedrich darauf hingewiesen, dass ein Akteur, der sich in einer bestimmten Situation durchsetzen konnte, nicht unbedingt machtvoll gewesen sein muss, sondern lediglich verstanden habe, seine Bedürfnisse antizipativ entsprechend anzupassen, damit andere diese auch erfüllen konnten. Jervis kritisiert, dass Macht nicht auf die Ressourcen eines Akteurs reduziert werden dürfe, sondern erst durch die Beziehung zwischen den Akteuren entstehe (Jervis 1994: 857). Dahingegen zeigt Brian Schmidt, dass die Komplexität in Morgenthaus Machtbegriff darin liegt, dass er zwei Machtkonzepte miteinander kombiniere. Einerseits folge Morgenthau Webers Machtdefinition, in dem er behauptet, Macht sei „a psychological relation between those who exercise it and those over whom it is exercised“ (Schmidt 2005: 532). Schmidt verweist aber auch darauf, dass Morgenthau neben einem handlungsorientierten Machtverständnis auch Elemente eines substantialistischen Machtbegriffs berücksichtigt, wonach Macht mit dem Besitz eindeutig identifizierbarer und messbarer Ressourcen gleichgesetzt wird (Schmidt 2005: 532).

In Anschluss an die zweite Debatte in den IB zwischen Traditionalisten und Szientisten leitet Kenneth Waltz seinen Machtbegriff aus einem strukturellen Verständnis des internationalen Systems her und trägt zu einer Verwissenschaftlichung des realistischen Denkens bei. Waltz geht davon aus, dass Staaten in einer Welt ohne übergeordnete Machtinstanz existieren, weshalb das internationale System als anarchisch anzunehmen sei (Waltz 2010). Durch die Abwesenheit einer übergeordneten Instanz befänden sich die Staaten in einer permanenten Situation der Unsicherheit, die einem Kampf um das eigene Überleben gleicht. Sicherheit und das Streben nach dem eigenen Überleben seien strukturbedingte Interessen jedes Staates innerhalb des internationalen Systems, weshalb sie als einheitliche Akteure („like units“) angesehen werden können (Waltz 2010: 92). Die Macht eines Staates bemisst sich schließlich nach der relativen Verteilung von Ressourcen und der zur Verfügung stehenden Fähigkeiten („distribution of capabilities“). Waltz thematisiert zunächst zwei Missverständnisse, die seiner Meinung nach in Bezug auf den Machtbegriff immer wieder auftauchen. Einmal wendet er sich gegen ein Verständnis, wonach Macht mit Ausübung von Gewalt („force“) gleichgesetzt wird. So behauptet etwa Stanley Hoffmann, die USA seien in den 1970er Jahren trotz ihrer militärischen Stärke „ein gefesselter Gulliver und kein Führer mit freier Hand“ gewesen (Hoffmann 1976, zitiert nach (Waltz 2010: 184); Übersetzung AH). Waltz behauptet indessen, gerade Großmächte wie die USA oder die Sowjetunion seien stets mehr oder weniger gefesselte Riesen gewesen. Nur weil die balance of power hemmend auf den Einsatz von Gewalt wirke, dürfe hieraus nicht der Schluss gezogen werden, Großmächte seien eigentlich machtlos. Der wahre Grund für die Zurückhaltung im Einsatz von Gewalt bestehe nach Waltz nicht in der Machtlosigkeit von Großmächten, sondern sei eine Folge rationaler Überlegung, wonach die Machtressourcen nicht gegeneinander eingesetzt werden sollten, da hierdurch das eigenen Überleben gefährdet werden würde (Waltz 2010: 187). Das zweite Missverständnis bestehe darin, Macht und Kontrolle gleichzusetzen. Hier grenzt sich Waltz von der klassischen Machtdefinition nach Dahl ab, der Macht in Anschluss an Weber nach der Fähigkeit bemisst, andere zu Handlungen zu veranlassen, die sie sonst nicht getan hätten (Dahl 1957). Waltz kritisiert, dass in dieser Definition Macht als Ursache verstanden werde, weshalb es zu einer Verwechslung von Prozess und Ergebnis komme (Waltz 2010: 191). Ob A durch Einsatz seiner Fähigkeiten B dazu bringt, eine bestimmte Handlung zu vollziehen, hänge auch von den Fähigkeiten Bs ab und vor allem von der Situation, in der sich beide Akteure befinden. Macht sei lediglich ein Faktor unter mehreren, der das Verhalten eines Akteurs bestimme, jedoch nicht isoliert betrachtet werden könne. Insofern kann über die Verhaltensänderung eines Akteurs nicht unmittelbar auf die Machtausübung eines anderen Akteurs geschlossen werden. Waltz schlägt dagegen vor: “I offer the old and simple notion that an agent is powerful to the extent that he affects others more than they affect him” (Waltz 2010: 192). Mächtig ist also derjenige, der im Vergleich zu anderen nicht nur über mehr Ressourcen verfügt, sondern auch in der Lage ist, diese im Vergleich zu anderen in signifikanter Weise zu nutzen.

Im Gegensatz zu den Machtverständnissen von Waltz und Mearsheimer ist die Machtkonzeption von Morgenthau durchaus für das hier verfolgte Ziel brauchbar, wonach es darum geht, einen praxistheoretisch unterlegten Machtbegriff zu entwickeln. Gerade die Vorstellung, wonach politische Macht darin bestehe „Kontrolle über die Vorstellungen und Handlungen anderer Akteure“ auszuüben erscheint als ein zentraler Aspekt, der die Möglichkeit eröffnet, über die sozialen Praktiken nachzudenken, durch die Machtverhältnisse konstituiert werden.

In Abgrenzung zu ihren realistischen und neorealistischen Kontrahenten richten Vertreter eines neoliberalen Institutionalismus ihren Fokus vor allem auf ökonomische Ressourcen, die genutzt werden können, um bestimmte Institutionen und Regime zu etablieren, die durch ihre vertrauensschaffende Wirkung in der Lage sind, das sogenannte Sicherheitsdilemma zwischen Staaten zu überwinden und Kooperation zu ermöglichen. Robert Keohane und Joseph Nye (Keohane und Nye 2012) nehmen bei der Entwicklung der Theorie der komplexen Interdependenz den Prozess in den Blick, durch den ein bestimmtes Ergebnis erreicht wird:

“Power can be thought of as the ability of an actor to get others to do something they otherwise would not do (and at an acceptable cost to the actor). Power can also be conceived in terms of control over outcomes […]. Political bargaining is the usual means of translating potential into effects, and a lot is often lost in the translation” (Keohane und Nye 2012)

Sie bezeichnen Macht in Anschluss an Weber als die Fähigkeit, Ergebnisse politischer Verhandlungen zu kontrollieren. Durch diese Prozessorientierung wird deutlich, dass Macht nicht nur durch eine bestimmte Verteilung von Ressourcen erschlossen werden kann, sondern vor allem durch die Beziehung, in der die Akteure miteinander stehen.

Martha Finnemore und Judith Goldstein zeigen, dass Machtpolitik auf internationaler Ebene nicht nur ein Spiel der Staaten ist, sondern auch nichtstaatliche Akteure und autonome Institutionen involviert sind (Finnemore/Goldstein 2013: 4). Eine wichtige Arbeit, um das staatszentrierte Machtverständnis aufzubrechen, wurden aus institutionalistischer Sicht von Martha Finnemore und Michael Barnett geleistet, die etwa zeigen, inwiefern Internationale Organisationen beispielsweise aufgrund ihrer bürokratischen Struktur

„Eigenmächtigkeit“ jenseits staatlicher Einflussnahme erlangen können (Barnett/Finnemore 1999). In diesen Debatten wurde vor allem darüber gestritten, welche Akteure Macht im internationalen System haben und ausüben. Michael Barnett und Robert Duvall kritisieren eine grundsätzliche Zurückhaltung von Theorieansätzen jenseits des Realismus in der konzeptionellen Auseinandersetzung mit Fragen der Macht (Barnett und Duvall 2005: 41). Besonders direkt richtet sich diese Kritik an normbasierte Ansätze konstruktivistischer Forschung:

“Although constructivists have emphasized how underlying normative structures constitute actors' identities and interests, they have rarely treated these normative structures themselves as defined and infused by power, or emphasized how constitutive effects also are expressions of power” (Barnett und Duvall 2005: 41)

Erst durch die Etablierung sprachkonstruktivistischer und post-strukturalistischer Ansätze in den IB wurde der Machtbegriff aufgebrochen und alternative Machtkonzeptionen angeboten (Bially Mattern 2005a,b).

Einen wichtigen Beitrag leistet hier die Sonderausgabe der Zeitschrift Millennium: Journal of International Studies aus dem Jahre 2005, in der verschiedene Facetten des Machtbegriffs erörtert werden. In der Einleitung werfen Felix Berenskötter und Michael J. Williams grundlegende Fragen auf, etwa ob

„Macht“ eher in Ressourcen oder Beziehungen stecke, ob sie in Strukturen oder Handlungen liege und sich darin ausdrücke, dass sie den Status quo erhalte oder Wandel herbeiführe (Berenskötter/Williams 2005: i). Ähnlich wie Barnett/Duvall kritisieren Berenskötter/Williams dabei eine Engführung des Machtbegriffs, da dieser vor allem in der neorealistischen Lesart auf die Verteilung militärischer oder wirtschaftlicher Fähigkeiten reduziert werde (Berenskötter/Williams 2005: ii).

Nach liberalen Ansätzen in den IB wird die Außenpolitik von Staaten primär durch gesellschaftliche Präferenzbildungsprozesse bestimmt, wobei die Eliten eines Staates hierauf besonderen Einfluss nehmen (Moravcsik 1997). Um andere Staaten folglich davon zu überzeugen, bestimmte Handlungen vorzunehmen, greifen moderne Mächte wie die USA nicht mehr nur auf ihre hard power Fähigkeiten zurück, sondern verlegen sich auf das Mittel der Attraktivität. Um den militärfokussierten Machtbegriff der Realisten aufzubrechen, entwickelt Nye das Konzept der soft power. Soft power bedeutet, dass Staaten wie die USA ihre Macht nicht durch Gewaltanwendung ausüben, sondern durch „Attraktivität“ auf gesellschaftliche Eliten in anderen Ländern einzuwirken (Nye 2002, 2004: 34)[2]. Beispielsweise sei die Anzahl ausländischer Studierender an U.S.-Universitäten ein ständiger Indikator für Amerikas soft power, da die Eliten der Welt immer noch mehrheitlich in den USA ausgebildet werden. Das heißt, die jungen Leute leben in den USA, lernen die Freiheit und die amerikanische Lebensweise kennen und kehren im Idealfall in ihre Heimatländer mit einer positiver Einstellung bezüglich den USA zurück (Nye 2004: 42). Sie besetzen Spitzenpositionen in Wirtschaft, Politik, Verwaltung und Kultur und auf diese Weise wird U.S.amerikanischen Konzernen, Diplomaten und Kulturschaffenden der Zugang in diesen Ländern leichter fallen als ihren internationalen Konkurrenten. Durch die Einführung der Kategorie der soft power wird der Machtbegriff in den Internationalen Beziehungen um nicht-militärische Elemente bereichert. Offen bleibt bei Nye jedoch, wie „Attraktivität“ eigentlich entsteht. Für Bially Mattern wird „Attraktivität“ durch einen kommunikativen Austauschprozess erzeugt. In einem konstruktivistischen Verständnis wird „Realität“ als Summe von weithin akzeptierten Fakten über die Beschaffenheit eines Objekts oder einer sozialen Beziehungen verstanden. Was somit als Realität verstanden wird ist nicht a priori vorgegeben, sondern wird durch einen andauernden sozialen Austauschprozess kollektiv verhandelt und „sozial konstruiert“. Hieraus folgt, dass Akteure ihre jeweils eigenen Vorstellungen davon entwickeln, was unter Realität zu verstehen sei, worin eine wesentliche Grundlage für soziale Konflikte gesehen wird.

“Actors interpret the world in unique ways, and as they communicate with one another about their interpretations their communicative process enables them to whittle down the diversity of multiple interpretations into one or a few socially legitimated interpretations. Those then acquire the status of the 'real truth'. Since communicative processes occur most fundamentally through the medium of language, it follows that 'reality' is a sociolinguistic construct. The same is true for the 'reality' of attractiveness. It is a sociolinguistically constructed 'truth' about the appeal of some idea; an interpretation that won out over many other possible interpretations through a communicative process.” (Bially Mattern 2005a: 585)

Folgt man Bially Matterns Argumentation ist das, was bei Nye „Attraktivität“ genannt wird, das Ergebnis eines kommunikativen Austauschprozesses zwischen individuellen Akteuren zur Herstellung einer kollektiv geteilten „Wahrheit“ – also ein Diskurs. Wie sie zutreffend feststellt sind Diskurse oder diskursive Situationen in erheblicher Weise von divergierenden und oftmals auch konkurrierenden Beschreibungen und Interpretationen der „Realität“ geprägt, weshalb diese Prozesse stets als eine kompetitive, verbale Auseinandersetzung um die diskursive Deutungsmacht begriffen werden. Was gemeinhin unter „Attraktivität“ verstanden wird, ist somit ein spezifisches Verständnis, das erst durch die Macht der Artikulation innerhalb eines Diskurses dominant etabliert werden konnte. Voraussetzung hierfür ist jedoch, dass der Sprecher über eine diskursive Position verfügt, aus der heraus solch wirkmächtige Artikulationen geäußert werden können. Vor diesem Hintergrund wird klar, dass die sogenannte „soft power“ eigentlich gar nicht so „weich“ ist, wie der Begriff vermuten lässt.

Bially Mattern zeigt in einer Studie zur Suezkrise genauer, wie Sprache als Mittel politischer Macht verstanden werden kann. Die Verwendung von Worten anstatt von Waffen bedeutet demnach keineswegs den Verzicht auf den Einsatz politischer Gewalt (Bially Mattern 2005b). Bially Mattern spitzt die Bedeutung

der Sprache als integratives und identitätsstiftendes Mittel zur friedlichen Bewältigung von Konflikten zu, in dem sie die Wiederherstellung der angloamerikanischen Freundschaft in der Suez-Krise auf die Wirkung einer „representational force“ zurückführt (Bially Mattern 2005a):

“Representational force is a form of power that operates through the structure of a speaker's narrative representation of 'reality'” (Bially Mattern 2005a: 586)

Was als Realität verstanden wird, ist nicht a priori vorgegeben, sondern wird durch einen andauernden sozialen Austauschprozess kollektiv verhandelt und somit sozial konstruiert. Wie Bially Mattern zutreffend feststellt, sind Diskurse oder diskursive Situationen in erheblicher Weise von divergierenden und oftmals auch konkurrierenden Beschreibungen und Interpretationen der ‚Realität' geprägt, weshalb diese Prozesse stets als eine kompetitive, verbale Auseinandersetzung um die diskursive Deutungsmacht begriffen werden. Auf einer abstrakten Ebene korrespondiert dieses Machtverständnis mit der Machtkonzeption, die bereits bei Morgenthau („control over minds and actions“) angelegt ist.

Solch ein Verständnis für die realitätskonstituierende Macht von Sprache wird in der Regel mit diskurstheoretischen und -analytischen Perspektiven verbunden. Der Begriff Diskurs wird häufig als ein Synonym für „Diskussion“ oder

„Debatte“ verwendet. Damit geht jedoch eine entscheidende Verkürzung einher. Im Gegensatz zu einer Debatte oder einer Diskussion, in denen lediglich über Gegenstände oder eine Handlungen gesprochen wird, sind Diskurse Prozesse der Erzeugung sozialer Realität und Bedeutung (Milliken 1999: 229). Gegenstände und Handlungen erfahren ihre soziale Bedeutung durch die sprachlich vermittelte Zuschreibung (Milliken 1999: 229). Mit dem Hinweis, dass ‚die Welt da draußen' ja materiell existiere und doch nicht alles konstruiert sei, wird oftmals ein mangelndes Verständnis diskurstheoretischer Ansätze für objektivierbare und kausale Zusammenhänge kritisiert. Dabei wird übersehen, dass kaum ein Konstruktivist die Existenz der materiellen Welt bezweifeln würde. Aus sozialwissenschaftlicher Sicht stellt sich für konstruktivistische und poststrukturalistische Ansätze jedoch die Frage, wie die soziale Bedeutung von „Materialität“ und „Realität“ erzeugt wird. Da die sprachliche Vermittlung von Bedeutung widerspruchsanfällig ist, tauchen innerhalb eines Diskurses unterschiedliche und mitunter auch konkurrierende Bedeutungszuschreibungen auf. Durch die Entwicklung von Bedeutungszuschreibungen werden bestimmte Vorstellungen über den sinnvollen Umgang mit den Gegenständen und Handlungen, auf die sich die Zuschreibungen beziehen, ermöglicht und andere ausgeschlossen. Die Sinnproduktion eines Diskurses besteht darin, durch die Bedeutungszu-

schreibungen ein spezifisches Verständnis von ‚Wahrheit' („regime of truth“) über den entsprechenden Gegenstand oder die Handlung zu beanspruchen und zu etablieren, das alternative Zuschreibungen und entsprechende Handlungen ausschließt (Milliken 1999: 229). Diskurse operieren demnach als Herrschaftssysteme, in denen konkurrierende Deutungsansprüche nach Dominanz streben. Folglich ist der diskursive Prozess der Bedeutungsgenerierung von sozialer Macht durchsetzt, da die unterschiedlichen Deutungsansprüche zwischen den Akteuren ausgehandelt werden müssen.

Die Auseinandersetzung mit dem Machtbegriff in den IB zeigt, dass sehr unterschiedliche Machtkonzeptionen bestehen. Das Spektrum reicht von einem primär substantialistischen Machtbegriff, der auf materielle Ressourcen rekurriert bis hin zu einem diskursiven Machtverständnis, das auf die performative Macht der Sprache verweist. Wie bereits in der Einleitung erwähnt, liegt dieser Studie ein Machtbegriff zugrunde, der die relationale Dimension in den Mittelpunkt rückt und Macht als soziale Praxis verstehen möchte. Wie „Macht“ und

„soziale Praxis“ zusammenhängen, soll in der nun folgenden Diskussion beleuchtet werden.

  • [1] In den letzten Jahren erlebte das Werk von Hans Morgenthau geradezu eine Renaissance in den IB (Reichwein 2014). Michael C. William erklärt in der Einleitung zu einem Sammelband über Morgenthaus 'Vermächtnis': „Rather than seeing Morgenthau as simply an historical placeholder in disciplinary narratives about great debates between idealists and realists, or as representing a pre-scientific form of realist 'thought' superceded by neorealist 'theory', there has been a notable re-engagement with the substance of Morgenthau's thinking, an engagement often allied to the claim that his realism is not only more complex than we have often been led to believe, but of considerably greater contemporary relevance than we have imagined” (Williams 2007: 1)
  • [2] Das Konzept der soft power war für Joseph Nye nicht nur ein analytisches Instrument, um nichtmilitärische Machtausübung zu untersuchen, sondern hatte auch präskriptiven Charakter, weshalb er insbesondere die Regierung unter George W. Bush tadelte, da diese die soft power der USA leichtfertig verspiele.
 
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