Die Konstitution von Machtverhältnissen in der „sozialen Praxis“

Das grundsätzliche Interesse dieser Studie an sozialen Praktiken greift einen Trend auf, der in der IB-Forschung schon länger beobachtet werden kann und wohl maßgeblich von Iver Neumann geprägt wurde (Neumann 2002; Adler/Pouliot 2011; Büger/Gadinger 2014)[1]. Neumann hatte in seinem programmatischen Aufsatz “Returning Practice to the Linguistic Turn: The Case of Diplomacy” aus dem Jahre 2002 angeregt, internationale Politik stärker im Sinne einer ethnographischen Feldforschung zu betreiben, um die sozialen Praktiken sowie den Umgang der Akteure miteinander stärker zu reflektieren (Neumann 2002: 627). Diese Forderung ist leichter gestellt als umgesetzt, insbesondere wenn sich die Forschung historischer Fällen zuwenden möchte, zu deren Analyse eine teilnehmende Beobachtung aus naheliegenden Gründen nicht mehr möglich ist oder eine Forscherin schlicht keinen Zugang zu den Situationen erhält, in denen politische Repräsentanten Entscheidungen treffen und aushandeln. Nichtsdestotrotz wurde in dieser Studie der Versuch unternommen, die Aushandlung von Machtbeziehungen durch eine Analyse sozialer Praktiken zu rekonstruieren. Nun stellt sich die Frage, welchen Beitrag die hier vorgelegte Analyse zur Debatte über den sogenannten practice turn leisten kann. Hierzu wird in einem ersten Schritt noch einmal kurz dargelegt, worum es den Vertretern eines practice turns in den IB geht und welche grundlegenden Positionen hierbei vertreten werden. Anschließend wird gezeigt, inwiefern diese Studie an den sogenannten practice turn anschließt und welche Erkenntnisgewinne durch eine praxisorientierte Analyse erbracht werden können.

Christian Büger und Frank Gadinger bieten in einem aktuellen Buch einen breiten Überblick der Themen und Fragestellungen, die aus einer praxistheoretischen Perspektive in den IB bearbeitet werden (Büger/Gadinger 2014). Büger/Gadinger stellen fünf praxistheoretische Ansätze vor, die in den IB Verwendung gefunden haben: Die Praxistheorie von Bourdieu, das Konzept der Praxisgemeinschaften, ein narrativer Ansatz, die Akteur-Netzwerk-Theorie von Latour, sowie die pragmatische Soziologie von Luc Boltanski (Büger/Gadinger 2014: 22). Von zentraler Bedeutung sind einerseits die Praxistheorie von Pierre Bourdieu, die auf den zentralen Konzepten „Habitus“, „Feld“, „Kapital“ und „Doxa“ basiert sowie die sogenannten Praxisgemeinschaften (communities of practice). In ihrem neusten Beitrag legen Büger/Gadinger (2015) dar, wo praxistheoretische Ansätze in der Sozialtheorie verortet werden können. Demnach sei die Praxistheorie zwischen eher kognitiven und diskursiven Ansätzen anzusiedeln. Während sich kognitive Ansätze für Intentionen der Akteure und deren individuellen Vorstellungen und Interessen interessieren, seien diskursive Ansätze vor allem auf textuelle Artikulationen fokussiert. Praxistheoretische Forschung stehe zwischen diesen beiden Positionen und richte ihren Blick auf das, was Akteure

„tun“ und wie sie ihre Umwelt begreifen, auf sie reagieren und sozial interagieren. Entsprechend gewinnen soziale Situationen für eine praxistheoretische Untersuchung an Relevanz (Büger/Gadinger 2015: 3).

In jüngerer Zeit wurde der sogenannte practice turn in den IB vor allem von Vincent Pouliot konzeptionell weiterentwickelt, der sich vor allem auf Bourdieu bezieht. In einer grundsätzlicheren Auseinandersetzung mit dem Konzept der Sicherheitsgemeinschaften führt Pouliot die sogenannte logic of practicality in die Debatte ein. Pouliot grenzt diesen Ansatz von Vorstellungen ab, wonach politische Akteure entweder nach einer rationalistischen Kosten-Nutzen Analyse („logic of consequences“), eine normbefolgenden Logik der Angemessenheit („logic of appropriateness“) oder eine Logik des kommunikativen Handelns („logic of arguing“) befolgen würden. Indessen greifen Akteure in ihren Handlungen auf unausgesprochene Handlungsregeln und praktisches Wissen zurück, das ihnen als selbstverständlich und allgemeingültig erscheint (Pouliot 2008: 258). Die transatlantische Sicherheitsgemeinschaft sei demnach die Folge diplomatischer Praktiken, auf die sich die Akteure im Laufe der Zeit geeinigt haben und die vor allem darin bestehen, Konflikte nicht mit kriegerischen Mitteln, sondern friedlich zu lösen:

“Security communities are intersubjectively real insofar as diplomacy is the commonsensical practice for security elites when faced with an interstate disagreement. This peaceful commonsense is established through symbolic power relations; and the practicality or self-evidence of diplomacy makes the social fact of international peace possible” (Pouliot 2008: 283)

Auch in neueren Arbeiten ist Pouliot (2010) „Praktiken der Diplomatie“ auf der Spur, um zu zeigen, wie sogenannte communities of practice entstehen. In Anschluss an Bourdieus geht Pouliot der Frage nach, woher das Wissen über nichtartikulierte oder nicht-offensichtliche Praktiken des alltäglichen diplomatischen Umgangs kommt. Sein Vorwurf richtet sich an den sogenannten „representational bias“, der den meisten zeitgenössischen Theorien sozialen Handelns immanent sei und folglich dazu führe, dass lediglich das Sichtbare und Sagbare untersucht werde, während die nicht-repräsentierten Praktiken („non-representational bedrock on which practices rest“) nicht berücksichtigt werden würden (Pouliot 2010: 14). Pouliot wendet sich somit den verborgenen Beständen ‚praktischen Wissens' in der Diplomatie („tacit knowing“ bzw. „practical knowledge“) zu und versucht diese durch zahlreiche Interviews mit Diplomaten und Insidern aufzuspüren. Um Diplomatie zu verstehen, so lautet Pouliots Argument, muss sich die IB-Forschung dem ‚praktischen Wissen' zuwenden, da das Verhalten der Diplomaten sowie deren Habitus nur hierdurch erklärt werden könne. Empirisch nimmt Pouliot die Beziehungen zwischen Diplomaten der NATO und Russland in den Blick, um die Entwicklung des sogenannten NATO-Russland Rates zu erklären. Pouliot zeigt schließlich, wie die verschieden Phasen des NATORussland Rates durch mehr oder weniger ausgeprägtes ‚Großmachtgehabe' („Great Power Habitus“) Moskaus oder Dominanzansprüchen der NATO geprägt wurden (Pouliot 2010: 236). Pouliots Ansatz legt zwar zumindest auf begrifflicher Ebene die Vermutung nahe, dass die vorliegende Arbeit hieran anschließen könnte, doch die mentalistische und sozialpsychologische Fundierung seines Begriffs der Praktiken weist in eine Richtung, der hier nur eingeschränkt gefolgt werden soll. Auch Büger/Gadinger sehen diesen Zugriff kritisch, da durch die konzeptionelle Ausweitung der Kern praxistheoretischer Forschung aufgeweicht werde und anfälliger für Kritik sei (Büger/Gadinger 2015: 2).

In einer aktuelleren Publikation wenden sich Rebecca Adler-Nissen und Vincent Pouliot dem Zusammenhang zwischen Macht und Praktiken in der Diplomatie zu. Die Autoren richten Blick auf Praktiken staatlicher Repräsentanten im Rahmen multilateraler Verhandlungen, um zu zeigen, welche Rolle Praktiken in der Auseinandersetzung über eine Intervention in Libyen hatten (AdlerNissen/Pouliot 2014). Diese Vorgehensweise entspricht schon eher dem Ziel, das auch in dieser Studie verfolgt wird.

  • [1] Zum “practice turn” in der Sozialtheorie siehe Schatzki/Knorr Cetina/von Savigny (2001)
 
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