Die Macht sozialer Praktiken

Doch was ist unter „sozialen Praktiken“ zu verstehen? In Auseinandersetzung mit den späten Arbeiten von Ludwig Wittgenstein entwickelt Theodore Schatzki einen Praktikenbegriff, der nicht ausschließlich auf die bedeutungsgenerierende Funktion der Sprache verweist, sondern die körperliche und soziale Interaktion hervorhebt:

“As we shall see, language alone does not articulate intelligibility – bodily behavior and reactions also play an omnipresent and foundation role. Language is also unable to articulate fully the understandings and intelligibilities that permeate human life. Thus in saying that practices are both the most basic social phenomenon and the site where intelligibility is articulated, I do not suggest that social existence reduces to language in some fundamental way or that everything about practices can be expressed in language” (Schatzki [1996] 2008: 13)

Dieser praxistheoretische Ansatz stellt Sprache als exklusives Mittel zur Erzeugung von Bedeutung grundsätzlich infrage – vielmehr geht es darum zu verstehen, wie Diskurse und Praktiken ineinandergreifen. Der hier zugrundeliegende Ansatz nimmt diese Überlegungen auf, indem die Frage in den Mittelpunkt gerückt wird, wie Machtverhältnisse in und durch soziale Praktiken aktualisiert und konstituiert werden.

Um zu verdeutlichen, was unter sozialen Praktiken verstanden wird und welche Rolle sie in der Herausbildung von Machtverhältnissen spielen, soll etwas näher auf Schatzki eingegangen werden. Schatzkis Konzept von Praktiken wird aus der Sprachphilosophie Ludwig Wittgensteins hergeleitet, obwohl Wittgenstein selbst, so schreibt Schatzki, keine unmittelbaren Aussagen über sozialen Praktiken getroffen habe (Schatzki [1996] 2008: 88). Die Basis von Schatzkis Auseinandersetzung mit sozialen Praktiken liegt jedoch in einem Wittgensteinschen Verständnis über die soziale Konstitution von Körper und Geist („mind/body“). Wittgenstein habe durch seine Beobachtungen und Reflektion der Funktionsweise menschlichen Zusammenlebens Anknüpfungspunkte für eine praxistheoretische Auseinandersetzung geschaffen. Im Kern geht es um die Frage, wie menschliches Verhalten und Handlungen voneinander unterschieden werden können. So wäre beispielsweise eine körperliche Reaktion nach Wittgenstein ein spontanes Verhalten. Spontan bedeutet in diesem Zusammenhang nicht willkürlich oder zufällig, sondern drückt aus, dass eine Handlung unmittelbar, nicht reflektiert und unbedacht geschieht und insofern als Verhalten zu bezeichnen wäre. Eine Handlung, die als soziale Praktik zu verstehen ist, wird hingegen bewusst vorgenommen, das heißt, der Handelnde weiß, warum er eine bestimmte Handlung vornimmt, auch wenn er den Sinn seiner Handlung nicht jedes Mal reflektiert. Über das Ritual einer Begrüßung wird im Alltag meist nicht weiter nachgedacht, wohl aber in einer besonderen Situation, etwa bei der Vorbereitung einer öffentlichen Rede, wo unter Umständen die Frage auftaucht, in welcher Reihenfolge anwesende Würdenträger protokollarisch korrekt zu begrüßen sind.

Schatzki teilt soziale Praktiken grob in zwei Kategorien ein: „dispersed practices“ und „integrative practices“. Unter „dispersed practices“ fasst Schatzki Praktiken der Beschreibung, der Ordnung, der Regelbefolgung oder der Berichterstattung zusammen. In Anschluss an Wittgenstein definiert Schatzki diese als Gepflogenheiten, die über sämtliche Gesellschaftsbereiche verstreut („dispersed“) und allgemein bekannt sind:

„To obey a rule, to make a report, to give an order, to play a game of chess, are customs (uses, institutions) [Gepflogenheiten, Gebräuche, Institutionen]” (Wittgenstein 1958: 199, zitiert nach Schatzki [1996] 2008: 91)

Diese Praktiken, verstanden als „set of doings and sayings“, sind in vielen Bereichen des sozialen Lebens verbreitet. Für Schatzki ist entscheidend, dass die Praktik im sozialen Kontext auch verstanden wird. Um soziale Praktiken zu begreifen, bedarf es nach Schatzki drei Voraussetzungen. Erstens muss ein Akteur die Fähigkeit (im Original „have the ability to“ oder „to know how“) besitzen, eine Praktik durchzuführen oder anwenden zu können. Zweitens muss die Praktik von den Akteuren, an die sie sich wendet, identifiziert und eingeordnet werden können. Eine dritte Voraussetzung besteht darin, dass auf eine Praktik reagiert wird, wobei dies nach Schatzki nicht immer der Fall sein muss (Schatzki [1996] 2008: 91). Entscheidend ist, dass sogenannte „dispersed practices“ in ihrem sozialen Kontext verstanden werden und keiner weiteren Erklärung bedürfen. Wer eine Frage gestellt bekommt, weiß, dass eine Antwort von ihm erwartet wird. Wer aufgefordert wird, eine bestimmte Handlung vorzunehmen, weiß, dass er auf die Aufforderung in irgendeiner Form reagieren muss. Das heißt, wenn die Praktik verstanden wurde, dann wäre auch die Nichthandlung, bspw. das Ignorieren einer Aufforderung oder einer Frage, eine Form der Reaktion. An dieser Stelle wird bereits deutlich, was bei Schatzki lediglich implizit erscheint: durch die Analyse sozialer Praktiken können Machtverhältnisse sichtbar werden – einer-seits durch deren Aktualisierung und Reproduktion aber vor allem dann, wenn die eingespielten Handlungsroutinen in eine Krise geraten, hinterfragt und neu ausgehandelt werden.

„Integrative practices“ sind dagegen soziale Praktiken, die in einem bestimmten gesellschaftlichen Bereich etabliert sind oder anhand derer eine bestimmte Gruppe identifiziert werden kann, etwa durch eine ganz bestimmte Form der Begrüßung oder durch weitere spezielle Rituale.

„By integrative practices I mean the more complex practices found in and constitutive of particular domains of social life. Examples are farming practices, business practices, voting practices, teaching practices, celebration practices, cooking practices, recreational practices […] Like dispersed practices, integrative ones are collections of linked doings and sayings” (Schatzki [1996] 2008: 98)

Da der Unterschied zwischen dispersed und integrative practices bei Schatzki sehr abstrakt bleibt, soll er an einem Beispiel der „teaching practices“ verdeutlicht werden. Die universitäre Lehre und der schulische Unterricht teilen bestimmte allgemeine soziale Praktiken, die als ‚Gepflogenheiten' bezeichnet werden könnten und auch in anderen Situationen üblich sind, etwa die Begrüßung der Schüler oder der Seminarteilnehmer. Diese Praktiken sind überall anzutreffen und folglich als ‚verbreitet' zu bezeichnen. Das ‚Abhören' von Schülern in einer Unterrichtsstunde, um eine mündliche Note festzulegen oder das Anfertigen einer 12-Seitigen Seminararbeit als universitärer Leistungsnachweis, wären hingegen als integrative practices zu bezeichnen. Beide soziale Praktiken können konstitutive Elemente und spezifische Bestandteile der jeweiligen Unterrichtsform sein, wodurch sie sich auch wesentlich voneinander unterscheiden. Allerdings bleibt die Auseinandersetzung mit der Frage, welche machtpolitische Bedeutung soziale Praktiken haben, bei Schatzki eher unterbelichtet. Um eine Verbindung zwischen der Bedeutung von Praktiken und der Herausbildung von Machtverhältnissen in der internationalen Politik herzustellen, muss der Blick auf neuere sozialtheoretisch informierte Ansätze in den IB gerichtet werden.

Patrick Jackson und Daniel Nexon bemühen sich bereits seit einiger Zeit um die Etablierung einer neuen ‚Wende' in den IB, den sogenannten „relational turn“. Auch wenn man dieser sicherlich auch wissenschaftsstrategisch bedingten Mode der Wendungen skeptisch gegenüberstehen mag, weisen Jackson/Nexon doch auf eine Schwachstelle in herkömmlichen diskurstheoretischen Ansätzen hin, nämlich die Fixierung auf Sprechakte als alleiniges Mittel zur Erzeugung sozialer Bedeutung. Damit folgen sie einem ähnlichen Ziel wie der practice turn. Diese neue ‚Wende' in den IB stellt insbesondere den Beziehungscharakter zwischen den unterschiedlichen Akteuren in den Vordergrund, um eine Möglichkeit aufzuzeigen, wie der Wandel politischer Ordnungen erklärt werden kann. Ob nun von einem hegemonialen oder einem herrschaftlichen Machtverhältnis die Rede ist, hängt vor allem von den Mustern des praktischen Umganges und den hierdurch herausgebildeten Beziehungen ab. Daniel Nexon spricht in diesem Zusammenhang von „patterns of transactions“, die eine politische Ordnung prägen (Nexon 2009: 24). Der relational turn bezeichnet demnach den Versuch, Ansätze der sozialen Netzwerkanalyse, der Feldtheorie von Bourdieu und der poststrukturalistischen Diskursanalyse zu verknüpfen, da all diese Ansätze davon ausgehen, dass Beziehungen entweder analytisch oder epistemologisch individuellen Handlungen und Strukturen vorausgehen: „The stuff of social reality – of action no less than structure, and their intersection as history – lies in relations” (Bourdieu/Waquant 1992: 15, zitiert nach Nexon 2009: 25). Der Relationismus konzentriert sich auf soziale Beziehungen, Kommunikationsprozesse und Praktiken, die zwischen den Akteuren stattfinden:

„Relationalists therefore argue that most of the socially and politically significant aspects of actors – their identities, their social roles, their preferences, their values, and so forth – stem from their past and present interactions” (Nexon 2009: 9).

Schon der Begriff der internationalen Beziehungen weist auf ein System von Relationen zwischen Staaten, Organisationen, multinationalen Konzernen und gesellschaftlichen Akteuren hin, die in hoch differenzierten und komplexen Beziehungen zu einander stehen.

Patrick Jackson und Daniel Nexon unterscheiden zunächst zwei Strömungen der Theoriebildung, nämlich Substantialismus und Relationalismus. In einem substantialistischen Theorieverständnis wird davon ausgegangen, dass Einheiten wie Staaten bereits existieren, bevor sie mit anderen in Kontakt und Austausch treten. Nach einem relationalen Verständnis wird hingegen die Ausgestaltung der Beziehungen zwischen verschiedenen sozialen Gruppen zum Gegenstand der sozialwissenschaftlichen Analyse selbst. Etwas vereinfacht könnte man sagen, während in einem substantialistischen Verständnis unterschiedliche Akteure (A und B) betrachtet werden, richtet der Relationalismus seinen analytischen Blick auf die Beziehung, die A und B verbindet (Jackson/Nexon 1999). Macht wäre folglich keine Eigenschaft oder Fähigkeit eines Akteurs, sondern zeigt sich in einem bestimmten Muster des Umgangs, wodurch die Ordnung zwischen den sozialen Einheiten verhandelt wird – also in den Transaktionen.

Diese Arbeiten schließen dabei an die soziologische Tradition des Relationalismus von Mustafa Emirbayer und Charles Tilly an. Das substantialistische Denken ist tief in der westlich geprägten Philosophie verankert und zeigt sich nach einer Beobachtung von John Dewey und Arthur Bentley in zwei Ausprägungen (Emirbayer 1997). Einerseits handelt es sich um die Vorstellung selbsthandelnder und sich selbst konstituierender Objekte („self-action“), andererseits um ein Interaktionsmodell, wonach Dinge zwar unabhängig voneinander existieren, aber in kausalen Beziehungen zu einander stehen (‚Billardkugelmodell'). Hiervon lässt sich ein relationales Transaktionsmodell unterscheiden, wonach Dinge nicht unabhängig existieren, sondern einander wechselseitig durch ihre Beziehungen konstituieren und verändern, indem sie aufeinander einwirken:

“In this point of view, which I shall also label 'relational', the very terms or units involved in a transaction derive their meaning, significance, and identity from the (changing) functional roles they play within that transaction. The latter, seen as a dynamic, unfolding process, becomes the primary unit of analysis rather than the constituent elements themselves” (Emirbayer 1997: 287)

Objekte erhalten ihre Bedeutung und ihren Sinn nicht ‚aus sich selbst heraus' oder durch eine Kausalinteraktion, sondern durch Transaktionsbeziehungen und dynamische Netzwerke, in die sie eingebettet sind (Nexon 2009: 39). Jackson/Nexon argumentieren, dass durch ein relationales Verständnis internationaler Politik Prozesse wie Globalisierung oder Interdependenz besser erklärt werden können, da ein Verständnis für die Veränderungen und den Wandel durch die Transaktionen zwischen den Einheiten geschaffen werde (Jackson/Nexon 1999: 292). Eine relationale Betrachtung internationaler Beziehungen soll dabei helfen, soziale Transaktionsprozesse und daraus hervorgehende Bedeutungskonfigurationen für die Herausbildung von Machtordnungen zwischen Staaten zu verstehen.

 
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