Soziale Praktiken der Macht

Um das Verhältnis zwischen Macht und Diskurs grundlegender zu verstehen, soll auf die Machtanalytik Michel Foucaults zurückgegriffen werden, die zwar in all seinen Arbeiten zu finden ist, in Subjekt und Macht jedoch am deutlichsten expliziert wird (Foucault 2005). In seinem Beitrag Subjekt und Macht stellt Foucault zunächst klar, dass seine Forschung weitaus weniger auf Macht im engeren Sinne ausgerichtet war, sondern vielmehr auf den Menschen als Subjekt, das heißt „auf welche Weise ein Mensch zum Subjekt wird“ (Foucault 2007: 81; Herv. AH). Da das menschliche Subjekt jedoch stets in Produktionsverhältnisse, Sinnbeziehungen und somit auch in Machtverhältnisse eingebunden ist, sieht sich Foucault veranlasst, das Problem der Macht aufzugreifen und näher zu untersuchen.

Um Machtbeziehungen aufzuzeigen, wählt Foucault zunächst den Weg über den Widerstand gegen die verschiedenen Formen der Macht, die in einer Gesellschaft zutage treten. Machtbeziehungen werden bei Foucault über das „Wechselspiel gegensätzlicher Strategien“ untersucht (Foucault 2007: 84). Der „Kampf gegen die Macht“ wird somit zu einem zentralen Narrativ, um den Machtbegriff zu bestimmen und letztlich zu zeigen, wie eine Machtform Individuen in Subjekte verwandelt. Zunächst zeigt Foucault grundsätzliche Widerstände auf, die seinerzeit zu beobachten waren, wie etwa

„[…] der Widerstand gegen die Macht der Männer über die Frauen, der Eltern über die Kinder, der Psychiatrie über die Geisteskranken, der Medizin über die Bevölkerung oder der staatlichen Verwaltung über die Lebensweise der Menschen“ (Foucault 2007: 85)

Um der Frage der Macht auf die Spur zu kommen, unternimmt Foucault nun den Versuch, die Gemeinsamkeiten dieser gesellschaftlichen Kämpfe zu identifizieren. Diese Kämpfe verlaufen einerseits transversal, das heißt, sie sind nicht auf ein Land oder eine Gesellschaft beschränkt. Weiterhin sei das Ziel dieser Kämpfe, die Auswirkungen der Macht als solche zu thematisieren, das heißt, der Kampf richtet sich gegen die Ausübung einer unkontrollierbaren und/oder unkontrollierten Macht. Zudem handelt es sich einerseits um unmittelbare Kämpfe, die sich direkt gegen die Machtinstanzen richten, die den Menschen am nächsten seien und auf den Einzelnen einwirken, andererseits drängten diese Kämpfe nicht auf eine Lösung der Probleme in ferner Zukunft, sondern auf eine unmittelbare Veränderung ihrer Situation.

Entscheidend ist für Foucault jedoch, dass all diese Kämpfe den Status des Individuums hinterfragten. Sie betonen zwar das Recht auf Individualität, richten sich aber gegen die „Lenkung durch Individualisierung“, das heißt, der Widerstand richtet sich gegen eine kategorische Einteilung der Gesellschaft und eine Trennung der Individuen nach identitätsbindenden Kriterien (Foucault 2007: 85). Der Widerstand richtet sich jedoch nicht gegen das Wissen an sich, sondern gegen die Art und Weise, wie Wissen zirkuliert und funktioniert, verstanden als ein „Wissensregime“ (Foucault 2007: 86). Schließlich gehe es in diesen Kämpfen um die Frage „wer sind wir?“, womit sie sich gegen jene Instanzen richten, die unsere Identität festlegen und somit den Menschen zum Subjekt werden lassen.

Er folgert aus diesen Beobachtungen, dass sich der Kampf gegen die Macht nicht unbedingt gegen Machtinstitutionen an sich richtet, sondern vor allem gegen bestimmte Machttechniken und Formen der Machtausübung – also Praktiken der Macht. Foucault unterscheidet dafür zunächst Macht und „Fähigkeit“, worunter er die Macht über Dinge versteht. Charakteristisch für Macht sei jedoch, dass sie eine Beziehung zwischen Individuen bezeichne (Foucault 2007: 92).

„[…] wenn wir von der Macht der Gesetzte, der Institutionen oder der Ideologien sprechen, dann meinen wir damit immer, dass manche Menschen Macht über andere ausüben. Der Ausdruck Macht bezeichnet eine Beziehung unter Partnern (und damit meine ich kein Spiel, sondern lediglich und für den Augenblick noch sehr allgemein ein Ensemble wechselseitig induzierter und aufeinander reagierender Handlungen)“ (Foucault 2007: 93)

Foucault nennt das Beispiel einer schulischen Institution, um die wechselseitige Anpassung zwischen objektiven Fähigkeiten, Kommunikationsnetzen und Machtbeziehungen zu verdeutlichen. So ergeben die räumliche Anordnung, die Regulierung des schulischen Lebens, die Organisation der verschiedenen Tätigkeiten und die Personen mit ihren Aufgaben einen ‚Block' aus Fähigkeiten, Kommunikation und Macht. Solche ‚Blöcke' lassen sich in den verschiedenen Bereichen der Gesellschaft beobachten, wobei Foucault insbesondere die Disziplinierung sozialer Beziehungen in den Vordergrund rückt (Foucault 2007: 94). Foucault nähert sich der Frage der Macht jedoch nicht über den Versuch, eine allgemeingültige Definition der Macht zu formulieren, sondern rückt die Machtbeziehungen in den Mittelpunkt seiner Analyse. Macht ist folglich nicht als etwas zu begreifen, das außerhalb sozialer Beziehungen existiert:

„Die Ausübung von Macht ist keine bloße Beziehung zwischen individuellen und kollektiven Partnern, sondern eine Form handelnder Einwirkung auf andere. Das heißt natürlich, dass es wo etwas wie die Macht nicht gibt, eine Macht die global und massiv oder in diffusem, konzentrierten oder verteiltem Zustand existierte. Macht wird immer von den einen über die anderen ausgeübt. Macht existiert nur als Handlung, auch wenn sie natürlich innerhalb eines Möglichkeitsfeldes liegt, das sich auf dauerhafte Strukturen stützt“ (Foucault 2007: 95f)

Foucault äußert sich auch zum Verhältnis zwischen Macht und Gewalt, denn wenn Machtverhältnisse darin bestehen, dass Macht über andere ausgeübt wird, stellt sich unweigerlich die Frage nach den Mitteln der Machtausübung. Im Gegensatz etwa zu Luhmann oder Arendt erklärt Foucault, dass Machtbeziehungen den Einsatz von Gewalt ebenso wenig ausschließen wie die Herstellung des Konsenses. Konsens und Gewalt seien jedoch Mittel der Macht und nicht mit dem Prinzip oder dem Wesen der Machtausübung zu verwechseln (Foucault 2007: 96). Machtbeziehungen sind ein Ensemble von Handlungen, das sich stets auf mögliches Handeln richtet. Für Foucault sind Machtverhältnisse weniger Ausdruck einer Auseinandersetzung zwischen Gegnern, sondern Teil dessen, was er als Gouvernementalität bezeichnet, womit er die „Lenkung individuellen Verhaltens“ in gesellschaftlichen, nicht notwendigerweise politischen Bereichen meint. Hierbei stellt er den Aspekt der Führung in den Mittelpunkt, worunter die Fähigkeit verstanden wird, das Verhalten anderer zu lenken. Machtausübung bestehe also darin, durch „Führung zu lenken“ und somit auf die Wahrscheinlichkeit des Verhaltens anderer Einfluss zu nehmen: „Regieren heißt, das mögliche Handlungsfeld anderer zu strukturieren“ (Foucault 2007: 97).

Machtausübung bedeutet also die Handlungsmöglichkeiten eines Akteurs zu strukturieren, was jedoch voraussetzt, dass diese Handlungsmöglichkeiten auch realiter bestanden haben müssen. Macht kann demnach nur über freie Subjekte ausgeübt werden, insofern Freiheit als die theoretische Fähigkeit verstanden wird, über mehrere Verhaltens-, Reaktions- und Handlungsmöglichkeiten zu verfügen (Foucault 2007: 98)[1]. Um Foucaults Machtbegriff zu verorten, bezieht sich Thomas Lemke im Nachwort der Textsammlung Analytik der Macht auf zwei von Steven Lukes herausgearbeitete Traditionslinien eines abendländischen Machtbegriffs:

„Die Macht eines oder mehrerer Handelnder A in Hinblick auf ein Ziel Z manifestiert sich dann, wenn A das Ziel Z durch das Einwilligen eines oder mehrerer Handelnder B erreicht“ (Lukes 1983: 107, zitiert nach Lemke 2005: 319)

Aus dieser grundlegenden Definition der Macht seien nach Lemke in der abendländischen Tradition zwei Interpretationsstränge abgeleitet worden. Einmal die symmetrische Interpretation, die davon ausgehe, dass den Handelenden A und B das Ziel Z gemeinsam sei. Die zweite Interpretation verweise dagegen auf den asymmetrischen Charakter dieser Beziehungen, wonach Bs Einwilligung von A erzwungen werde. Während die erste Interpretation auf Kooperation und Konsens verweist, stünden im Mittelpunkt der zweiten Interpretation Konzepte von Hierarchie und Herrschaft (Lemke 2005: 319). Foucault habe hingegen weder ein symmetrisches noch ein asymmetrisches Verständnis von Macht entwickelt, seine Kritik richte sich hingegen auf die „Koppelung der Machtanalyse an Fragen von Legitimität und Konsens bzw. umgekehrt von Zwang und Gewalt“ (Lemke 2005: 319). Foucault habe sich nicht als Machttheoretiker verstanden, sondern als Machtanalytiker, der die Historizität der Machtbeziehungen reflektierte und auf gegenwärtige Verhältnisse bezog (Lemke 2005: 319). Im Mittelpunkt von Foucaults Analyse politischer Macht stehen hierbei die Begriffe Gouvernementalität und Regierung, wobei Regierung hier nicht auf die staatliche Exekutive reduziert wird[2]. Regierung im Foucaultschen Sinne rekurriert vielmehr auf einen allgemeinen Prozess der Führung, welcher die Eigenart von Machtverhältnissen ausmache (Lemke 2005: 336). So schreibt Foucault:

„Der Ausdruck Führung (conduité) vermag in seiner Mehrdeutigkeit das Spezifische an den Machtbeziehungen vielleicht noch am besten zu erfassen. „Führung“ heißt einerseits, andere (durch mehr oder weniger strengen Zwang) zu lenken, und andererseits, sich (gut oder schlecht) aufzuführen, also sich einem mehr oder weniger offenen Handlungsfeld zu verhalten. Machtausübung besteht darin, „Führung zu lenken“, also Einfluss auf die Wahrscheinlichkeit von Verhalten zu nehmen.“ (Foucault 2005: 256)

Machtbeziehungen werden in diesem Sinne als Führungsverhältnisse verstanden und analysiert. Lemke schreibt, dass aus der „Bestimmung von Macht als Lenkung der Führungen“ nicht folgen würde, dass die Regierungstechniken den Einsatz von Gewalt oder die Herstellung eines Konsenses ausschließen würden. Konsens und Gewalt sind Teil des Feldes der Machtbeziehungen und somit selbst erklärungsbedürftig. Sie würden jedoch nicht als konstitutive Elemente von Machtbeziehungen verstanden: „Sie können zwar Wirkungen oder Instrumente von Machtbeziehungen sein, nicht aber deren Existenzbedingungen oder Prinzip“ (Lemke 2005: 337).

Diese Interpretation Lemkes, wonach „der Einsatz von Gewalt oder die Herstellung von Konsens“ (in der vorliegenden Studie wären dies soziale Praktiken) keine „konstitutiven Elemente“ von Machtbeziehungen sind, sondern lediglich deren „Wirkung oder Instrumente“, basiert auf einer zumindest missverständlich formulierten Trennung von Handlung („Instrumente“) und Struktur („Möglichkeitsbedingungen“ einer Machtbeziehung).

In dieser Studie wird hingegen in Anschluss an die konstruktivistische Sozialtheorie davon ausgegangen, dass Handlungen und Strukturen einander wechselseitig konstituieren (Wendt 1987). Übertragen auf Machtverhältnisse bedeutet dies, dass soziale Praktiken, also die Handlungen von Akteuren, nicht nur Folge einer bestimmten Machtkonstellation, sondern konstitutive Elemente dieser Machtverhältnisse sind. Das heißt konkret, die Anwendung von Gewalt zur Durchsetzung eines wie auch immer gearteten Anspruchs wäre als eine interaktive Praktik nicht nur Wirkung oder Instrument, sondern konstitutiver Teil eines Machtverhältnisses.

Entsprechend dieses relationalen Verständnisses hinsichtlich der Herausbildung von Machtverhältnissen begibt sich die vorliegende Studie auf die Suche nach Spuren sozialer Aktivität, die Hinweise auf die Konstitution des transatlantischen Machtverhältnisses liefern.

  • [1] Deleuze stellt in seiner Auseinandersetzung mit Foucaults Machtbegriff dessen Relationalität besonders heraus. Demnach sei Macht ein Kräfteverhältnis, wobei jede Kraft bereits in einer Beziehung stehe. Kraft besitze kein anderes Objekt, kein anderes Subjekt als die Kraft (Deleuze 2006: 99). Entsprechend sei die Kraft ontologisch von der Gewalt zu unterscheiden. Während die Gewalt auf die Objekte einwirke und sie in ihrer Form verändere, besitze die Kraft kein anderes Objekt als andere Kräfte und somit kein Sein außerhalb dieses Verhältnisses. Macht ist eine Handlung, die auf andere Handlungen, auch mögliche oder wirkliche, künftige oder gegenwärtige Handlungen einwirkt (Deleuze 2006: 99). Zur Rezeption des Foucaultschen Machtbegriffes, siehe auch Brass (2000), Lemke (2005)
  • [2] Lemke verweist an dieser Stelle auf eine eigene Fehlinterpretation, wonach er zunächst angenommen habe, der Begriff der Gouvernementalität setzte sich aus den Begriffen gouverner und mentalité zusammen und beziehe sich folglich die „Mentalität des Regierens“
 
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