Die transatlantischen (Macht-)Beziehungen zwischen Krise und Erneuerung – Forschungsnarrative in den IB

Die Thematisierung des transatlantischen Machtverhältnisses ist in den IB alles andere als neu. Seit dem Ende des Kalten Krieges wird über die Struktur und Beschaffenheit der transatlantischen Beziehungen wieder verstärkt diskutiert, da das Verschwinden der bipolaren Weltordnung nach Ansicht der meisten Experten nicht ohne Auswirkungen auf das Verhältnis zwischen den USA und Europa bleiben konnte. Die USA werden in diesem Zusammenhang gerne als Führungsoder Hegemonialmacht bezeichnet, wobei in der Regel auf die asymmetrische Verteilung wirtschaftlicher oder militärischer Ressourcen verwiesen wird, um diesen Machtstatus zu begründen. In den 1990er Jahren war zunächst noch von einem unipolaren Moment (Krauthammer 1990/91) die Rede, der die zeitweise weltweite Vorherrschaft der USA auf einen Begriff bringen sollte. Nach den Ereignissen des 11. Septembers 2001 und der militärischen Reaktion der BushAdministration entfaltete sich sogar eine Debatte über ein neues U.S.amerikanisches Empire (Bacevich 2002; Ferguson 2004; zur Debatte siehe LaFeber 2002; Nexon/Wright 2007; Gadinger/Heck/Dittgen 2008).

Doch angesichts zahlreicher politischer Auseinandersetzungen über den Klimaschutz, den Internationalen Strafgerichtshof oder den Irakkrieg wurde auch immer wieder auf die unterschiedlichen Lebenswelten (Stichwort ‚Mars und Venus') verwiesen, in denen die USA und Europa leben würden (Kagan 2003), weshalb die Frage aufgeworfen wurde, inwiefern überhaupt noch von einer transatlantischen Machtordnung unter Führung der USA gesprochen werden kann. So glaubten auch einige Wissenschaftler Anzeichen einer Erosion der Pax Americana zu erkennen, die sich etwa im Aufstieg der EU zu einem globalen Akteur und ‚neuen' Formen der Gleichgewichtspolitik manifestiere (Kupchan 2003; Nye 2002; Maull 2005; Hopf 2005; Pape 2005; Paul 2005).

Zur besseren Orientierung wird die hier verarbeitete wissenschaftliche Literatur über die transatlantischen Beziehungen anhand prägnanter ‚Forschungsnarrative' diskutiert, anstatt der üblichen Abhandlung von ‚Theorieschulen' zu folgen. Durch die Verwendung des Begriffes ‚Forschungsnarrativ' soll in Anschluss an Überlegungen von Friedrich Kratochwil (2006) verdeutlicht werden, dass die hier dargelegten Perspektiven und Erklärungen der transatlantischen Machtbeziehung als Versuche betrachtet werden können, die beschriebenen Realitäten zwecks Sinn- und Wissensproduktion zu bestimmten Erzählungen zu verdichten – auch wenn die meisten der hier zitierten Forscher der Überzeugung sein mögen, ihre Version sei nicht nur eine Geschichte, sondern reflektiere die objektive Wahrheit über die Beschaffenheit des transatlantischen Machtverhältnisses. Der Grund für diese Auseinandersetzung mit der Forschungsliteratur besteht darin, dass es eine Wahrheit über das transatlantische Machtverhältnis nicht geben kann, sondern allenfalls Versuche, das, was von den Forschern als Machtverhältnis angesehen wird, durch mehr oder weniger angemessene Begrifflichkeiten zu erfassen. Das transatlantische Machtverhältnis wird folglich nicht als etwas angesehen, was außerhalb der sozialen Realität existiert, sondern als eine soziale Konstruktion, die auf sehr unterschiedliche Weise interpretiert werden kann. Dies bedeutet jedoch nicht, dass keine angemessene Sprache gefunden werden könnte, um beobachtete Phänomene zu beschreiben und theoretisch zu erfassen. Der Forscher sollte sich jedoch bewusst sein, dass hierdurch nur eine bestimmte Erzählung entwickelt, also die Beobachtungen ‚narrativiert' werden, was deren Wissenschaftlichkeit in keiner Weise schmälern muss. Wissenschaftlichkeit zeichnet sich nach diesem Verständnis nämlich nicht durch einen postulierten Wahrheitsanspruch oder Allgemeingültigkeit der Ergebnisse, sondern durch Transparenz und intersubjektive Nachvollziehbarkeit der Ergebnisgewinnung aus.

 
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