Zwischen unipolarer Vormachtstellung und Gleichgewichtspolitik

Das Narrativ des unipolaren Moments

Prägend für die ersten Jahre nach dem deklarierten Ende des Kalten Krieges war sicherlich das Narrativ des ‚unipolaren Moments' (Krauthammer 1990/91). Zentral war hierbei die Annahme, dass der Zerfall der Sowjetunion zur Herausbildung einer neuen Weltordnung führe, die durch eine uneingeschränkte militärische, diplomatische, politische und wirtschaftliche Vormachtstellung der USA und ihrer westlichen Verbündeten geprägt werde (Krauthammer 1990/91: 24). Die transatlantische Machtbeziehung sei von einer klaren Dominanz der USA geprägt, da weder einzelne europäische Staaten das Potential hätten, die USA in allen Bereich auszugleichen und Europa weit davon entfernt sei, als politische Einheit zu agieren. „Europe does not qualify even as player on the world stage“, behauptet Charles Krauthammer, mit dessen Namen der unipolare Moment im politischen Diskurs untrennbar verbunden ist (Krauthammer 1990/91: 24). Das Narrativ des unipolaren Moments war zumindest in der Verwendung Krauthammers keine reine Beschreibung der Weltordnung nach dem Ende des Kalten Krieges, sondern ein normatives Konzept, wonach die USA alles daran setzen sollten, um die erlangte Vormachtstellung so lange wie möglich zu erhalten und Rufen nach einer isolationistischen Außenpolitik zu widerstehen (Krauthammer 1990/91: 29). Für politisches Aufsehen sorgte der unipolare Moment als durch die New York Times Pläne des U.S.-Verteidigungsministeriums veröffentlicht wurden, wonach Staaten davon abgehalten und abgeschreckt werden sollten, die U.S.-amerikanische Vormachtstellung herauszufordern. Hinsichtlich der transatlantischen Machtbeziehungen wurde in diesem Papier auch die ausdrückliche Forderung artikuliert, den Aufbau eigenständiger militärischer Strukturen zu verhindern (New York Times, 8. März 1992).

Der unipolare Moment wurde jedoch nicht nur zu einer Chiffre in der außenpolitischen Debatte, sondern bot auch Ansatzpunkte einer theoretisch informierten Auseinandersetzung, die vorwiegend innerhalb des realistischneorealistischen Lagers geführt wurde. Die politische Debatte über den Umgang mit potenziellen Herausforderern weist bereits auf einen Aspekt hin, der insbesondere in der Theorie kontrovers diskutiert wurde: die Frage nach der Stabilität unipolarer Systeme, da diese eine Gegenmachtbildung provozieren könnten. Defensive Neorealisten teilten zwar die grundsätzliche Einschätzung, wonach das Ende des Kalten Krieges eine unipolare Weltordnung begünstigt habe, begründeten aus ihrer jeweiligen theoretischen Perspektive jedoch die hohe Wahrscheinlichkeit einer Gegenmachtbildung (Layne 1993). So wäre es nur eine Frage der Zeit, bis den USA neue Herausforderer gegenüber stünden. Als mögliche Kandidaten nennt Christopher Layne beispielsweise Japan und Deutschland (Layne 1993: 37), aber auch ein geeintes Europa verfolge die Strategie, die USA weltpolitisch herauszufordern. Ähnlich wie Layne argumentierte auch Kenneth Waltz (1993), der insbesondere Deutschland als treibende Kraft innerhalb Europas ansah, das danach strebe seinen Machtbereich auszuweiten (Waltz 1993: 62). Waltz und Layne unterstellten den Europäern im Kern eine revisionistische Absicht, die sie durch die strukturelle Beschaffenheit einer unipolaren Weltordnung begründeten.

Im Gegensatz zu Layne und Waltz, die ihren Blick auf die potenziellen Herausforderer richteten und den Wandel zu einer multipolaren Weltordnung prophezeiten, untersucht Michael Mastanduno die sicherheits- und wirtschaftspolitische Strategie der USA zum Erhalt der unipolaren Weltordnung. Hierzu nutzt er zwei Derivate des neorealistischen Forschungsprogramms, nämlich die balance of power und balance of threat, und erörtert deren Plausibilität zur Erklärung U.S.-amerikanischer Außenpolitik nach dem Ende des Kalten Krieges.

Dabei stellt er fest, dass beide Theorien durchaus überzeugende Teilerklärungsansätze liefern, mit Blick auf die transatlantischen Beziehungen jedoch an ihre jeweiligen Grenzen geraten (Mastanduno 1997: 51). Im Bereich der Sicherheitspolitik wäre gemäß der balance of power-Theorie zu erwarten, dass sich aufstrebende Mächte wie Europa, Japan, Russland und China sukzessive von den USA entfernten („edging away“), um eine Gegenmacht aufzubauen. Ebenso könne angenommen werden, dass sich die USA der Unausweichlichkeit einer multipolaren Weltordnung gegenwärtig, schrittweise aus den Verpflichtungen gegenüber den Bündnispartnern des Kalten Krieges zurückziehen würden, um die hiermit verbundenen Kosten einzusparen („disentanglement“). Doch zeige insbesondere ein Blick auf die transatlantischen Beziehungen, dass weder Tendenzen zu erkennen seien, die auf eine Gegenmachtbildung seitens der Europäer schließen lassen, noch die USA ein Interesse daran zeigten, sich von ihren Verpflichtungen in Europa zu lösen und die Rolle eines „offshore balancers“ einzunehmen, wie Layne dies forderte (Mastanduno 1997: 56). Allerdings sei die balance of threatTheorie geeignet, um die sicherheitspolitische Strategie der USA zu erklären, so Mastanduno. Die USA hätten durch die Integration des wiedervereinigten Deutschlands in die NATO deren Rolle gestärkt und Befürchtungen vor einem Wiedererwachen deutscher Großmachtpolitik gemildert. Zudem hätten die USA den europäischen Integrationsprozess unterstützt, obwohl in Europa über eine umfassendere monetäre, politische und militärische Integration nachgedacht worden sei, wodurch das Konfliktpotential zwischen der NATO und den sicherheitspolitischen Institutionen Europas ansteige (Mastanduno 1997: 68).

In einer Replik auf Mastanduno argumentierte Mark Sheetz für einen alternativen Erklärungsansatz. Demnach böte die Theorie der hegemonialen Stabilität (THS) eine umfassende und überzeugendere Erklärung für die U.S.-Strategie im Umgang mit den westlichen Verbündeten. Sheetz sieht nach Mastandunos Analyse der transatlantischen Beziehungen in den 1990er Jahren die Bedingungen für die Anwendung der THS geradezu idealtypisch erfüllt:

“He characterizes the current international system as 'unipolar' and asserts that 'the United States is now in a category by itself' (p. 54). American security policy is described as seeking 'to preserve the United States' dominant position' with its allies and to integrate its Cold War adversaries 'into a U.S.-centered international order' (p. 66). A more accurate description of the kind of behavior predicted by hegemonic stability theory would be hard to find. As Mastanduno concedes, 'the pursuit of primacy induces the United States to be the stabilizer of last resort' (p. 87), but is this not a defining expectation of hegemonic stability theory?” (Sheetz 1998: 169)

Folglich zeigt Sheetz wie die U.S.-Außenpolitik im Rahmen der transatlantischen Beziehungen durch Anwendung der THS erklärt werden könne und an welchen Stellen sie der balance of power- und der balance of threat-Theorie überlegen sei. So erkläre Mastanduno, die NATO Osterweiterung stelle aus Perspektive der balance of threat-Theorie eine Anomalie dar, während dies aus Sicht der THS eine logische Konsequenz sei:

„U.S. policy is driven to extend the frontiers of stability, so that 'a gray zone of insecurity [does] not reemerge in Europe' [Clinton] “(Sheetz 1998: 170)

Nach der THS wäre die NATO und deren Erweiterung ein Mittel der U.S.Regierung gewesen, um ihre hegemoniale Stellung zu erhalten und gleichzeitig durch ihre Führung die politische (Neu-) Ordnung Europas nach dem Ende des Kalten Krieges zu stabilisieren.

Zweifel an der Annahme einer generellen Instabilität unipolarer Systeme hegte gegen Ende der 1990er Jahre vor allem William Wohlforth. Mit Blick auf die Weltordnung nach dem Ende des Kalten Krieges wies er Befürchtungen zurück, wonach die Machtposition der USA zwangsläufig eine Gegenmachtbildung provozieren werde. Die USA seien in allen Bereichen (wirtschaftlich, militärisch, technologisch, geopolitisch) gegenüber den anderen Staaten so weit überlegen und im Vorteil, dass weder Tendenzen für eine hegemoniale Rivalitäten zu erkennen noch zu befürchten seien:

“And, as an offshore power separated by two oceans from all other major states, the United States can retain its advantages without risking a counterbalance. The current candidates for polar status (Japan, China, Germany, and Russia) are not so lucky. Efforts on their part to increase their power or ally with other dissatisfied states are likely to spark local counterbalances well before they can create a global equipoise to U.S. power” (Wohlforth 1999: 8)

Während eine unipolare Weltordnung unter Führung der USA ausgerufen wurde, fürchten insbesondere Vertreter des offensiven Realismus den Ausbruch neuer Machtrivalitäten in Europa, weshalb sich die Frage stelle, wie die USA hierauf reagieren sollten. Wann immer Bezüge zur erwarteten Instabilität in Europa nach dem Ende des Ost-West Konfliktes auftauchen, werden John Mearsheimers' Aufsatz Back to the Future und seine hoch umstrittene Forderung nach einer kontrollierten nuklearen Aufrüstung zum Erhalt des Kräftegleichgewichts in Europa zitiert. Seiner Meinung nach konnte der Friede in Europa nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges vor allem durch die Präsenz der beiden Großmächte und deren nukleares Gleichgewicht erhalten werden. Wenn sich jedoch die USA aus Europa zurückziehen und Russland seinen Supermachtstatus verliere, dann entstünden im Europa der 1990er Jahre neue Machtrivalitäten. Das bipolare System werde durch ein regional begrenztes multipolares System abgelöst, womit ein erhebliches Maß an Instabilität zurückkehre (Mearsheimer 1990: 7). Mearsheimer empfiehlt den USA daher, eine kontrollierte nukleare Proliferation in Europa zu unterstützen, um ein nukleares Mächtegleichgewicht zu schaffen, U.S.-amerikanische Truppen vollständig aus Europa zurückzuziehen, selbst wenn Russland in Zentraleuropa präsent bleiben sollte und Vorsorge dafür zu treffen, dass eine Rückkehr der Hypernationalisierung Europas verhindert werde (Mearsheimer 1990: 8)[1].

In diesem Zusammenhang tauchte auch das Thema einer neuen Sicherheitsarchitektur in Europa auf, wie dies beispielsweise Charles und Clifford Kupchan sowie Charles Glaser diskutieren. Getreu den historischen Vorbildern des 19. Jahrhunderts entwickelten die Kupchan Brüder ihre Idee einer konzertierten Sicherheitsstruktur (Kupchan/Kupchan 1991: 116). Im Gegensatz zu Mearsheimer plädierten sie jedoch nicht für eine atomare Proliferation, sondern für ein Mächtekonzert, das auf einer institutionellen Grundlage beruhe und Sicherheit durch eine komplexe wirtschaftliche Verflechtung schaffe (Kupchan/Kupchan 1991: 153). Glaser hingegen argumentierte, dass nur die NATO die zentrale Organisation sein könne, die den Ausbruch von Kriegen in Europa verhindere. Aus einer organisatorischen Perspektive habe die NATO wesentliche Vorzüge gegenüber der WEU, da kein westeuropäischer Staat in der Lage sei, eine Führungsrolle in Europa zu übernehmen (Glaser 1993: 24).

Interessanterweise sorgte nur wenige Jahre vor der Debatte über den unipolaren Moment der Historiker Paul Kennedy (1988) mit seinem Buch Rise and Fall of Great Powers noch für erhebliches Aufsehen – insbesondere in den USA. Kennedys These, wonach sich die USA in einer Phase imperialer Überdehnung befänden und folglich den Zenit ihrer Macht überschritten hätten, schreibt dabei ein Kapitel in der Geschichte der bekannten amerikanischen Niedergangsdebatte fort, die im Nachklang an den Vietnamkrieg erneut einen prominenten Platz einnahm (Morgenthau 1977; Strange 1987). Mit dem Fall des Eiserenen Vorhangs und der erfolgreichen Befreiung Kuwaits im Jahre 1990 schienen Kennedys Befürchtungen zwar empirisch zunächst widerlegt, doch implizierte bereits seine These ebenfalls ein Narrativ, wonach die USA möglicherweise vor der Herausforderung einer Gegenmachtbildung stehen könnten.

  • [1] Mearsheimers Aufsatz löste eine kontroverse Diskussion in der wissenschaftlichen community aus, die sich über mehrere Ausgaben der Zeitschrift International Security erstreckte. Robert Keohane kritisierte Mearsheimer aus einer neo-institutionalistischen Perspektive und warf ihm vor, die Bedeutung internationaler Institutionen in Europa massiv zu unterschätzen (Keohane 1990: 193). Keohane stellt bei seiner Argumentation klar, dass auch der Institutionalismus nicht von einem altruistischen Staatsverständnis, sondern von einem interessenorientierten und nutzenmaximierenden Akteur ausgeht. Keohane betont, dass die Erwartungen eines Staates insbesondere von internationalen Institutionen geprägt und beeinflusst werden. Indem Staaten kontinuierlich den Regeln und Normen internationaler Organisationen folgen, signalisieren sie ihr Interesse an langfristigen Kooperationsbeziehungen und verstärken somit Stabilitätserwartungen bei ihren Nachbarn
 
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