„New Empire“ und „wertebasierte Sicherheitsgemeinschaft“

Eine häufig zitierte Schrift, die sich mit dem Heraufziehen dieser neuen, unipolaren Weltordnung angesichts des Endes des Kalten Krieges beschäftigt, jedoch weitaus stärker kulturalistisch argumentiert, stammt von Francis Fukuyama und trägt den programmatischen Titel The End of History?. Im Sommer des Jahres 1989 in der Zeitschrift The National Interest erschienen, handelt es sich beim

‚Ende der Geschichte' im Kern um alles andere als, wie so oft vereinfachend interpretiert wurde, um den Beginn des ‚ewigen Friedens'. Fukuyama argumentiert, dass die Geschichte der Menschheit als eine Geschichte konkurrierender politisch-ideologischer Konzepte über die bestmögliche Beschaffenheit des sozialen Zusammenlebens erzählt werden kann. Das 20. Jahrhundert sei, wie vielleicht keines zuvor, durch Konflikte zwischen unterschiedlichen Gesellschaftsformen und Idealen geprägt worden (Fukuyama 1989). Der Untergang des Faschismus, der seine Extremform im Nationalsozialismus fand, insbesondere jedoch der Kalte Krieg und die bipolare Teilung der Welt in zwei konkurrierende politische Systeme, symbolisieren dabei den Aufstieg, den Kampf, den Niedergang und die Überlebensfähigkeit unterschiedlicher ideologischer Gesellschaftskonzepte. Mit dem Sieg über den Faschismus, dem Niedergang des Kommunismus und dem Streben der ehemaligen Blockstaaten hin zu westlich geprägten Demokratien, sei nun das Ende der Geschichte, verstanden als ein ‚Systemwettstreit', gekommen, der das Schicksal von Gesellschaften bestimmte. Nach Fukuyama markiert das Ende des Kalten Krieges gleichzeitig den Beginn einer neuen Geschichte, einer neuen Weltordnung, die sich nicht nur in der materiellen, sondern auch in der ideologischen und alternativlosen Überlegenheit liberaler Demokratien ausdrückt, womit Fukuyama das Unipolaritätsnarrativ durch eine ideelle Komponente anreichert. Das Gravitationszentrum dieser ‚neuen Weltordnung' – der Begriff wurde insbesondere von George Bush sen. geprägt – stellten die USA gemeinsam mit ihren westlichen Verbündeten dar.

Die Vorstellung ‚des Westens' als politische und kulturelle Einheit findet sich auch in Samuel Huntingtons Aufsatz über den Clash of Civilizations, der 1993 in der Zeitschrift Foreign Affairs erschien. Bei Huntington ist es jedoch vor allem der klassische Krieg zwischen Nationalstaaten, der durch das Ende der Bipolarität zwar nicht verschwindet, jedoch in den Hintergrund rückt. Huntington argumentiert, dass zukünftige Konflikte vor allem zwischen unterschiedlichen Zivilisationen stattfinden werden, deren Kulturen und kollektive Identitäten aufeinanderprallen. Der Westen sei nach dem Ende des Kalten Krieges auf dem Höhepunkt seiner Macht, im Vergleich mit anderen Zivilisationen. Militärische Auseinandersetzungen innerhalb des Westens seien undenkbar, stattdessen verfüge der Westen insgesamt über eine unvergleichbar dominante Position in der Weltpolitik, die ihm gestatte, partikulare Interessen im Namen der internationalen Gemeinschaft zu legitimieren (Huntington 1993: 39). Der große Konflikt, der das 21. Jahrhundert prägen wird, werde zwischen ‚dem Westen und dem Rest' ausgetragen, so Huntingtons Prophezeiung.

Fukuyama und Huntington weisen auf Machtfaktoren hin, die in der bisher dargestellten Debatte über die transatlantische Ordnung eine eher untergeordnete Rolle spielten. So wurde bislang kaum auf gemeinsam geteilten Werte- und Normvorstellungen sowie weltanschaulich-kulturelle Aspekten eingegangen, wodurch die Herausbildung einer Machtbeziehung ebenfalls geprägt werden kann. Insbesondere die Beständigkeit des transatlantischen Machtverhältnisses lasse sich nach Meinung einiger Autoren in besonderem Maße durch diese identitätsbildenden Faktoren erklären.

 
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