Von der „liberalen Hegemonie“ zu einem „neuen“ Empire?

Hegemonialkonzepte, die durch die Blockpolitik des Kalten Krieges zugunsten der realistischen balancing-Modelle in den Hintergrund getreten waren, erfuhren nach dem Ende des Kalten Krieges eine Renaissance, wobei vor allem der Ansatz der liberalen Hegemonie einen besonderen Stellenwert einnehmen konnte. In seinem Aufsatz Rethinking the Origins of American Hegemony setzte sich G. John Ikenberry erstmals kritisch mit den realistischen Überlegungen bezüglich der amerikanischen Vormachtstellung auseinander. Ikenberry vermutete schon damals, dass Machtbalance oder Dominanz nicht die einzigen Erklärungen für hegemoniale Ordnungen sein können, da die USA versucht hatten, ihre direkte Rolle in Europa nach dem 2. Weltkrieg zu begrenzen. Schließlich vertritt Ikenberry in Anschluss an Lundestad die Meinung, die USA hätten ihre Truppen in Europa eher auf Bitte der Alliierten langfristig stationiert: „In short U.S. hegemony in Europe was largely an Empire by Invitation“ (Ikenberry 1989: 376, Herv. AH)[1].

Zusammen mit Charles A. Kupchan stellte Ikenberry ein Konzept vor, in dem die Frage, wie ein Hegemon Kontrolle über Zweitstaaten erlangt, nicht mit der Ausübung von Druck und Zwang, sondern mit der Sozialisation gemeinsam entwickelter Normen beantwortet wurde (Ikenberry/Kupchan 1990). Thomas Risse-Kappen (1995) argumentierte in seinem Buch Kooperation among Democracies ähnlich, das sich, unter anderem auf Ikenberry/Kupchan beziehend, mit der Sozialisation von Normen auseinandersetzt. Risse-Kappen hebt jedoch die Reziprozität dieses Vorganges hervor, indem er untersucht, inwiefern die Außenpolitik europäischer Staaten Normbildungsprozesse in der U.S.-Außenpolitik beeinflusst. Risse-Kappen leistete hierdurch einen wichtigen Beitrag zu der Debatte über das Verhältnis zwischen demokratischen Staaten allgemein, vor allem aber zu der besonderen Situation zwischen den USA und den europäischen Verbündeten innerhalb der NATO.

Im Jahre 1996 argumentiert Ikenberry, dass die USA in den 1990er Jahren zwar Einbußen ihrer hard powerVorteile gegenüber Europa hinnehmen mussten, diese ‚harten' Machtmittel aber niemals die entscheidende Rolle in der amerikanischen Bündnispolitik gespielt haben, die ihnen von den Realisten zugesprochen wurden (Ikenberry 1996a: 385). Ikenberry betont auch, dass die liberale demokratische (Welt-) Ordnung entworfen wurde, um interne Probleme zwischen den westlichen Industrienationen zu lösen, in dem der wirtschaftliche, politische und kulturelle Austausch vertieft und somit die gemeinsame Wertebasis geschaffen wurde (Ikenberry 1996b: 87). Damit wies Ikenberry insbesondere die realistischen Erklärungsansätze der transatlantischen Beziehungen zurück, die von einem reinen Zweckbündnis ausgegangen waren, dass vor allem durch den gemeinsamen Feind Sowjetunion zusammengehalten worden sei. Ikenberry (2001) unterscheidet grundsätzlich drei Machtordnungen, die ein Hegemonialstaat nach erfolgreicher Beendigung größerer Kriege anstreben kann, um die Nachkriegszeit zu gestalten: eine balance-of-power, eine hegemonic order oder eine constitutional order. Sein Ansatz der liberalen Hegemonie beruht auf einer ‚konstitutionellen Ordnung' und versteht sich als eine theoretische Weiterentwicklung und Kritik an den realistischen balance-of-power- und HegemonieKonzepten. Der Siegerstaat kann erstens seine Machtvorteile einsetzen, um sich einen möglichst großen Teil der ‚Beute' zu sichern. Damit erreicht er einen kurzfristigen Gewinn und signalisiert den Willen, eine Ordnung zu errichten, die auf Anerkennung seiner Stärke und Dominanz beruht. Dies entspricht einer ‚hegemonialen Ordnung'. Zweitens besteht die Möglichkeit, dass der Siegerstaat sich nach gewonnener Schlacht zurück zieht und das Feld den Verlierern überlässt. Diese sollen sich selbst um Stabilität und Ordnung kümmern. Die unterlegenen Staaten werden dann bestrebt sein, die Stärke des Hegemons auszugleichen. Hieraus folgt eine balance of power. Schließlich ergibt sich noch eine dritte Option. Die Siegermacht weiß um die Vergänglichkeit ihrer Vorherrschaft und ist sich der Kosten bewusst, die eine Erhaltung der Machtasymmetrie erfordert. Sie versucht daher, auf kurzfristige ‚Beute' verzichtend und langfristig planend, eine ‚verfassungsmäßige Ordnung', d.h. eine constitutional order zu etablieren. Dabei entsagt der Hegemon unumschränkter Machtausübung, indem er sich an ein mit den Zweitstaaten ausgehandeltes constitutional bargain und an eine Politik der strategischen Zurückhaltung bindet. Im Gegenzug erhält der Hegemon von den Zweitstaaten die freiwillige Gefolgschaft und Anerkennung seiner hegemonialen Stellung.

Das Konzept der liberalen Hegemonie steht dabei in einem grundsätzlichen Gegensatz zu einer Debatte, die sich zu Beginn der 2000er Jahre über die U.S.Außenpolitik abzeichnete. Seit den Anschlägen am 11. September 2001, dem Krieg gegen Afghanistan und den Auseinandersetzungen über den Einmarsch in den Irak hat sich eine grundlegende Diskussion darüber entwickelt, welche Mittel die U.S.-Außenpolitik einsetzt, um ihre Ziele zu verwirklichen und welche Reaktionen diese Politik in der Welt hervorruft. Dabei haben Autoren zunehmend den Begriff Empire verwendet (Nexon/Wright 2007). Andrew Bacevich argumentiert beispielsweise, dass sich die USA selbst lange Zeit nicht als imperiale Macht im Sinne eines ‚neuen Roms' verstanden hätten, sondern als Beschützerin der freien Welt, deren Aufgabe darin bestand, liberale Werte wie Freiheit und Demokratie zu verteidigen (Bacevich 2002: 243). Obwohl die USA keine imperialen Strukturen im formellen Sinne herausgebildet hätten, sei die Politik durchaus mit imperialen Mitteln verfolgt und durchgesetzt worden (Bacevich 2002: 243). So zeichne sich die ‚neue imperiale Macht' der USA beispielsweise durch die Tatsache aus, dass auf Satellitenstaaten verzichtet und die globale Einflussnahme primär über internationale Organisationen ausgeübt werde.

Kritiker dieser Empire-Debatte verweisen dagegen auf Parallelitäten und Gemeinsamkeiten mit historischen Imperialmächten. Chalmers Johnson (2004) sieht die imperiale Stellung der USA vor allem in deren militärischer Stärke und weltweiter Präsenz begründet. Die Welt sei demnach in fünf ‚militärische Regionalkommandos' aufgeteilt, wobei deren Regionalkommandeure gelegentlich mit römischen Prokonsuln verglichen werden. Für einige Vertreter dieser Annahme bilden die mehr als 700 Militärstützpunkte, die über 250 000 Soldaten in 150 Ländern beherbergen, das Skelett des ‚U.S.-Imperiums' und stellen eine Fortsetzung der imperialistischen Tradition des 19. Jahrhunderts dar (Münkler 2005: 230, für einen historischen Vergleich siehe auch Bender 2003).

Hinsichtlich der transatlantischen Machtbeziehung scheint der EmpireBegriff jedoch eine eher umstrittene Beschreibung zu sein. Ikenberry lehnt Wortkombinationen wie ‚neo', ‚liberal' oder ‚democratic' Empire ab:

„It is a political order built on 'liberal hegemonic' bargains, diffuse reciprocity, public goods provision, and an unprecedented array of intergovernmental institutions and working relationships. The advanced democracies operate within a 'security community' where the use or threat of force is unthinkable. This is not empire – it is an American-led open-democratic political order that has no name or historical antecedent” (Ikenberry 2004: 611)

Nichtsdestoweniger teilt auch Ikenberry die Vorstellung einer unipolaren Weltordnung, die von den USA dominiert werde. Allerdings seien die liberale und die imperiale Logik gleichermaßen Bestandteil US-amerikanischer Außenpolitik in einem unipolaren Zeitalter (Ikenberry 2004: 611). Mit Blick auf das transatlantische Machtverhältnis spielt die Empire-Debatte jedoch keine wesentliche Rolle, da zwar rhetorische Unfreundlichkeiten zwischen den USA und europäischen Verbündeten ausgetauscht wurden, Gewaltanwendung und Unterwerfung jedoch nicht beobachtet werden konnte. Hingegen bezieht sich Ikenberry auf eine Form des Machtverhältnisses, die bislang noch keine ausführlichere Erwähnung fand: die Sicherheitsgemeinschaft.

  • [1] Siehe dazu auch Lundestad (2003)
 
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