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3.3.3 Herrschaft

Die Vorstellung, wonach die transatlantischen Beziehungen eher als ein herrschaftliches Machtverhältnis zu verstehen wären, scheint in der wissenschaftlichen Debatte jedoch kaum eine größere Anhängerschaft zu finden. Wie bereits gezeigt, bezog sich die Empire-Debatte weitaus weniger auf die transatlantischen Beziehungen, sondern eher auf den Umgang der USA mit Staaten wie dem Irak und die nationale Sicherheitsstrategie des Jahres 2002. Auch wenn die EmpireDebatte bisweilen den Eindruck erwecken mag als ob Gewaltanwendung und militärischer Regimewechsel als Mittel der U.S.-Außenpolitik eine Erfindung der Bush-Administration gewesen seien, konnten zumindest seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges in den transatlantischen Beziehungen keine Vorgänge beobachtet werden, die auf die Herausbildung einer repressiven Machtoder Herrschaftsordnung schließen lassen. Auch ein Herrschaftssystem im Modus von Befehl und Gehorsam, wie es von Max Weber definiert wurde, scheint sich bei den Anhängern des Unipolaritätsnarrativs nicht unbedingt auf die transatlantischen Beziehungen übertragen zu lassen. Sollte sich allerdings im Laufe der NSA-Affäre herausstellen, dass der BND auf Druck der US-Regierung Spionage im eigenen Land betrieben hat, wäre dies sicherlich ein Anzeichen dafür, dass das Machtverhältnis zumindest teilweise auch von Herrschaftspraktiken geprägt wurde – wenn auch verborgen.

3.3.4 Eine Problematisierung der Machttypologie

Die aus dem Forschungstand heraus rekonstruierte Typologie der Machtverhältnisse soll nun vor dem Hintergrund eines praxistheoretischen Verständnisses problematisiert werden. Hierzu sollen die unterschiedlichen Typen von Machtverhältnissen mit der Frage verknüpft werden, wie sie sich in der sozialen Praxis unterscheiden.

Thukydides unterteilt Macht in hegemonia und arkhe. Arkhe beruht auf einer überwältigenden Stärke oder Macht, die deren Inhaber in die Lage versetzt

„to treat dependents as he wishes. The dependents are said to be enslaved and are called subjects” (Wickersham 1994: 33). Lebow/Kelly weisen darauf hin, dass arkhe sich bei Thukydides zunächst auf das Herrschaftsverhältnis innerhalb der Stadtstaaten bezieht und erst später verwendet worden sei, um die Kontrolle oder den Einfluss auf andere Staaten zu bezeichnen (Lebow/Kelly 2001: 595). Hegemonia bedeute bei Thukydides dagegen eine Form legitimer Führung, wobei ideologische und materielle Faktoren als deren Grundlage gleichermaßen betont werden. Auch bei Max Weber findet sich im Rahmen der klassischen Typologie legitimer Herrschaft eine Unterscheidung zwischen interessens- und autoritätsbasierter Herrschaft, die dabei behilflich sein kann, Hegemonie und Herrschaft klar zu trennen. Weber beschreibt einmal die Herrschaft kraft Interessenkonstellation (insbesondere kraft monopolistischer Lage), die sich „lediglich auf die Kraft irgendwie gesicherten Besitzes (oder auch marktgängiger Fertigkeit) geltend zu machenden Einflusses auf das lediglich dem eigenen Interesse folgende formal freie Handeln der Beherrschten“ bezieht (Weber 2005: 693). Die autoritätsbasierte Herrschaft beruhe dagegen auf einer in „Anspruch genommene, von allen Motiven und Interessen absehende schlechthinnige Gehorsamspflicht“ (Weber 2005: 693). Natürlich kann jede interessenbasierte in eine autoritätsbasierte Herrschaft übergehen, doch würde sich hierdurch das Herrschaftsverhältnis qualitativ ändern. Weber legt großen Wert darauf, dass die Beherrschten im ersten Falle zumindest formell frei handeln könnten. Zwar könne die Überlegenheit einer kraft Interessenkonstellation errichteten Herrschaft so ausgeprägt sein, dass den Beherrschten realiter kaum eine andere Wahl bleibe, doch fehle es an einem formellen Autoritätssystem, das Gehorsam auf Geheiß erzwinge.

Überträgt man nun diese Unterscheidung, so lässt sich die entscheidende Differenz zwischen Hegemonie und Herrschaft erkennen. Während in einem hegemonialen Machtverhältnis die Gefolgsstaaten in ihren Handlungen formell frei bleiben, büßen sie in einem Herrschaftsverhältnis ihre Handlungsfreiheit ein und werden einem autoritären Befehlssystem unterworfen, das notfalls auch mit Zwang und militärischer Gewalt durchgesetzt wird und so zu einer empfindlichen Beeinträchtigung der staatlichen Souveränität führen kann. In einem hegemonialen Machtverhältnis bleibt die Souveränität hingegen unangetastet – militärischer oder anderweitig ausgeübter Zwang ist folglich keine „soziale Praxis“ des hegemonialen Handlungsrepertoires. Heinrich Triepel schreibt über den Zusammenhang von Souveränität und Hegemonie dementsprechend:

„Wenn wir den Souveränitätsbegriff mit unseren Themen in Zusammenhang bringen und ihm die übliche Bedeutung einer Unabhängigkeit von äußerer Herrschaft beilegen wollen, so würden wir zu sagen haben, dass Hegemonie weder ein Verlust noch eine Minderung der Souveränität des Gefolgsstaates in sich schließt“ (Triepel [1938] 1961: 143).

Allerdings behauptet Triepel in Anknüpfung an Jean Bodin auch, dass selbst ein Staat, der einer ausländischen Herrschaft unterworfen sei, noch souverän sein kann, „solange und soweit er für seine Untertanen die letzte, schlechthin entscheidende Instanz bildet“ (Triepel [1938] 1961: 143). Dies mag für die innere Souveränität eines Staates zutreffen. Für die Betrachtung zwischenstaatlicher Beziehungen muss jedoch angenommen werden, dass die Souveränität eines Staates leidet, wenn er einer fremden Macht unterworfen und somit in eine Herrschaftsbeziehung imperialen Charakters gezwungen wird. Liest man bei Triepel weiter, so bezeichnet Hegemonie nicht nur den Einfluss eines mächtigeren auf einen schwächeren Staat, sondern es muss sich dabei um den „vorwiegenden und entscheidenden“ Einfluss handeln. Nach Triepel tritt noch ein weiterer Aspekt hinzu: die freiwillige Anerkennung der Führung (Triepel [1938] 1961: 141). Die Hegemonie gerät ins Schwanken, sollte der Gefolgsstaat seine Anerkennung der hegemonialen Vorherrschaft verweigern (Triepel [1938] 1961: 141). Diese freiwillige Anerkennung der Führung erscheint als eines der wesentlichen Qualifikationsmerkmale eines hegemonialen Machtverhältnisses im Gegensatz zu imperialen Ordnungen (siehe hierzu auch Prys/Robel 2011; Brand/Prys/Robel 2012).

Folglich wäre auch zu erwarten, dass sich ein Verhältnis des Gleichgewichts in der sozialen Praxis grundsätzlich von einem Machtverhältnis der Herrschaft oder der Hegemonie unterscheidet. Praktiken des Widerstands oder der Verweigerung und „Nicht“-Anerkennung können darauf hindeuteten, dass die Akteure weder in einem hegemonialen noch herrschaftlichen Machtverhältnis stehen, sondern sich in einem Machtgleichgewicht befinden.

Gleichzeitig stellt sich die Frage, ob Machtbeziehungen nicht auch vollkommen andere Ausprägungen annehmen können, die von den hier skizzierten Typen abweicht. Insofern kann die hier angedeutete Typologie lediglich als Orientierungsrahmen dienen, um die empirisch beobachteten sozialen Praktiken hinsichtlich ihrer machtpolitischen Bedeutung interpretieren und einordnen zu können.

Zusammengefasst lässt sich festhalten, dass Praktiken, in denen sich Widerstand oder eine Verweigerung ausdrückt, eher auf die Herausbildung eines Gleichgewichts hindeuten, während Praktiken, in denen sich eine freiwillige Anerkennung oder eine Führung ohne Einsatz von Zwangsmaßnahmen erkennen lässt, eher auf die Herstellung eines hegemonialen Machtverhältnisses schließen lassen. Finden sich in der Empirie hingegen Praktiken, die auf Befehl und Gehorsam hindeuten, wäre der Begriff der Herrschaft angemessen, um das Machtverhältnis zu charakterisieren. Lassen sich in der Empirie soziale Praktiken beobachten, die mit keiner der drei Idealtypen korrespondieren, muss die Typologie entsprechend erweitert werden.

Der rekonstruktive Forschungsansatz der Grounded Theory hält die Forscher gerade dazu an, solche „Irritationen“ während der empirischen Analyse nicht „unter den Teppich“ zu kehren, sondern offensiv aufzugreifen und das Kategoriensystem entsprechend zu verändern. Kritiker mögen einwenden, dass bereits die hier entwickelte Typologie grundsätzlich nicht mit dem Ansatz der Grounded Theory vereinbar ist, da sie dem analytischen Blick notwendigerweise eine Vorprägung geben könnte. Diese Gefahr gilt es zu berücksichtigen und bei der empirischen Analyse zu reflektieren. Allerdings sei darauf verwiesen, dass im Mittelpunkt der Erkenntnisinteresses die Frage steht, wie das transatlantische Machtverhältnis in der sozialen Praxis hergestellt wurde. Die Typologie soll nicht „getestet“ werden, sondern dient als Interpretationsrahmen, um die empirischen Beobachtungen einordnen zu können.

 
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